1,93 Meter gross, kerzengerader Gang: Sandor ist eine imposante Erscheinung. Bevor er zu reden beginnt, warnt er vorsorglich: «Jetzt kommt dann wieder alles aufs Mal.» Tatsächlich, der 19-Jährige, Erstgeborener einer Schweizer Mutter und eines ungarischen Vaters, könnte stundenlang sprechen. Er ist froh, einen Zuhörer zu haben. «Ich fühle mich gefangen in diesem System – auch zu Hause. Jeder Mensch ist doch einzigartig. Deshalb sträube ich mich dagegen, einfach mit der Masse mitzugehen.»

Sandors bisheriges Leben ist ein Irrlauf. Die obligatorische Schule schaffte er nur knapp, eine Lehrstelle ist nicht in Sicht. Dafür arbeitete er mit 16 bereits in einem Pflegeheim. «Ich machte auch Einläufe und sah zwei Menschen sterben – ein harter Job. Selbst nach dem Duschen war der Heimgeruch noch da.» Eine Patientin beschimpfte ihn, der von Geburt weg Schweizer war, als «Asylanten». Es war nicht das erste und nicht das letzte Mal, dass sein fremdländischer Name Abwehrreflexe auslöste.

Sandors Leidenschaft ist die Natur: «Ich gehe lieber im Wald Wurzelmännli suchen als Autos anschauen.» Draussen fühlt er sich geborgen. Biologie würde er gerne studieren, wohl wissend, dass ihm der Zugang verwehrt ist. Dann halt Tierpfleger werden oder Schnittblumengärtner. Reptilien oder Gliederfüssler möchte er beobachten. Paläontologie fasziniert ihn ebenso wie die Evolution. Und er schreibt an einer Geschichte über die Menschheit, von Hand: «Eine Art Sciencefiction, in der Vergangenheit und Zukunft verbunden werden.»

Zwei Dutzend Bewerbungen hat er in den letzten Monaten geschrieben. Erfolglos. Seine Talente sind augenfällig, seine Probleme auch: «Ich habe Mühe, mein Maul zu halten. Aber wenn ich mit etwas nicht einverstanden bin, muss ich das sagen.»

Sandor irritiert. Weil er nicht einzuordnen ist. Deshalb fehlt es ihm an Chancen. Trotzdem bezeichnet er sich als «positiven» Menschen, um gleich trotzig anzufügen: «Aber jetzt will ich endlich etwas lernen.»

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