Wer sich im Trubel des Sommers 1938 auf der Lindauer Hafenpromenade im Menschengewühl aufmerksam umgesehen hätte, dem wäre ein Mädchen aufgefallen. Es schien nicht grösser als eins fünfzig zu sein, trug ein sportliches Leinenkostüm, eine Umhängetasche und bemerkenswerte Zopfschleifen. Modebewusste hätte beim Anblick dieser Schleifen Schauder erfasst. Doch was wusste dieses Kind Ð vierzehn oder fünfzehn mochte es sein Ð von Mode? Offenbar hatte es in der Zerstreuung oder Eile eine blassrosa und eine hellgrüne Schleife zwischen die Finger bekommen.

Das Mädchen betrachtete die Prospekte am Stand des Reisebüros, wo ein Angestellter billige Tagesausflüge in die Schweiz anpries. Nach kurzem Uberlegen wählte die Buntbezopfte die Lugano-Tour für siebzehn Mark und fünfzig Pfennige. «Fast geschenkt», sagte der Verkäufer. «Und alles inbegriffen: Schiffspassage über den Bodensee, Bahnfahrt dem Vierwaldstättersee entlang und durch den Gotthardtunnel, Mittagessen im Hotel Aquila, Stadtführung durch Lugano und Seerundfahrt, Rückreise am selben Tag.»

«Gibt es Ermässigung für die zweite Person?» Ð «Natürlich!» Das Mädchen kaufte zwei Billette, die ihm mit dem bebilderten Prospekt in einem Kuvert überreicht wurden. Dann schlenderte es langsam davon, am Bahnhof vorüber in die Hauptstrasse hinein. Von da bog es nach einigen Metern links in sich verzweigende Gassen ein. Wenig später stand es auf dem kleinen Platz, der von dem mittelalterlichen Diebsturm beherrscht wird. Gegenüber befand sich eine graue Häuserfront. Hinter einer der Türen verschwand das Mädchen, um erst im Morgengrauen des nächsten Tages das Haus wieder zu verlassen.

Anzeige

Die ungleichen Haarschleifen

Obwohl die Uhr erst sechs geschlagen hatte, herrschte auf dem Bahnhof schon rege Betriebsamkeit. Offenbar hatte das Mädchen auch an diesem Morgen nicht auf seine Zopfschleifen geachtet. Hellgrün und blassrosa stachen sie von seinen dunklen Haaren ab. Unauffällig bewegte es sich zwischen den Ausflüglern und den Pendlern, zwischen den Reisegruppen, die zur Zollabfertigung drängten. Es überflog die Anschlagtafel der Fahrzeiten, kaufte ein illustriertes Heft und setzte sich schliesslich auf eine Wartebank neben ein älteres Ehepaar, vor dem zwei Koffer standen. An den Griffen hingen winzig kleine bunte Teddybären, denen das Mädchen nur einen flüchtigen Blick schenkte. Das Ehepaar hingegen musterte einen Augenblick länger dessen unterschiedliche Zopfschleifen.

Während sich das Mädchen der Illustrierten widmete, legte es Ð wie in Gedanken verloren Ð das Kuvert mit den Billetts neben sich, so dass es vom Mantelsaum des Herrn berührt wurde. Dieser brauchte nur eine Bewegung mit dem Arm zu machen, über dem der Mantel hing, und das Kuvert war vollständig bedeckt.

Anzeige

Als einige Abfahrten ausgerufen wurden, erhob sich das Ehepaar. Das Mädchen nahm kaum Notiz davon. Es schien sich auch nicht zu wundern, dass das Kuvert verschwunden, die Koffer aber zurückgeblieben waren.

Nicht lange. Ein stämmiger Gepäckträger kam und nahm sie mit. Das Mädchen folgte ihm zur Zollabfertigung, wies seinen Pass vor und zeigte auf die Koffer, die der Dienstmann auf die Tafel hob. «Ferienkind, Verwandtenbesuch», brummte er.

Am Ausgang der Halle hatte sich die Reisegruppe nach der Passkontrolle rasch versammelt. Der Reiseleiter war gerade dabei, sie zügig auf das Schiff zu treiben. Gerade noch konnte das Ehepaar einen flüchtigen Blick auf den Vorgang an der Abfertigungstafel tun und erleichtert aufatmen.

Per Schiff nach Rorschach

Während der Uberfahrt beachtete man einander nicht. Nach einer knappen Stunde legte das Schiff in Rorschach an, die Passagiere gingen an Land. Wiederum wurde die Reisegruppe der Tagesausflügler kaum kontrolliert. Das Mädchen winkte einem jungen Burschen, der die zwei Koffer aufnahm und davontrug. Es gesellte sich dann zur Reisegruppe und bekam mit dem Ehepaar zum erstenmal Blickkontakt.

Anzeige

Niemand beachtete sie, denn der Reiseleiter ordnete an, dass die Damen und Herren sich bitte auf die einzelnen Waggons verteilen möchten, damit jeder von ihnen einen Fensterplatz bekäme. Nur so würden sie die wundervolle Bergwelt der Schweiz erleben. Die Meute der Erlebnishungrigen drängte zu den einzelnen Wagen. Das Mädchen lief auf einen der letzten zu, und das Ehepaar folgte ihm auf den offenen Perron, wo auf der andern Seite zwei Eisentritte wieder nach unten auf die Uferstrasse führten. Fast ein Gewohnheitsrecht war für die Einheimischen dieser Schleichweg, denn sie wollten nicht allzu lange warten, bis der Bahnübergang wieder passierbar war.

Die Eheleute folgten dem Mädchen, das an dem Fuhrwerk vorüberging, in dem bereits die Koffer lagen und auf dem der Bursche einladend winkte. Erst als das Gespann davongefahren war und die Frau dem Mädchen zaghaft zugenickt hatte, glitt ein verhaltenes Lächeln über die noch kindhaften Züge der bereits Siebzehnjährigen. Sie wusste nicht, wie gross der Kreis der bayrischen und der schweizerischen Helfer war. Sie kannte nur einen von ihnen Ð es war der Basler Kunstmaler Eduard Rüdisühli. Sie wusste aber um das Risiko, das sie alle eingingen. Doch was wog das gegen die Gewissheit, gefährdeten Menschen den Weg zu öffnen in ein Land, das sie nicht zwang, den Judenstern zu tragen?

Anzeige