Das Dorf ist wie leer gefegt. Nur im «Hirschen» hantiert jemand mit Weingläsern, vom Schulhaus her ertönen Kinderrufe. Der Dürrenmatt Werner wird zu Grabe getragen. «Er war einer von hier», sagt «Hirschen»-Wirt Daniel Kilcher und streicht sich über seinen mächtigen Leib. Wer den steilen Weg zur Kirche hoch oben am Dorf noch gehen kann, erweist dem Verstorbenen die letzte Ehre und kommt nachher im «Hirschen» einen trinken. «Bei uns ist das halt noch so.»

Der Wirt zuckt mit den breiten Schultern. «Wer anderen etwas sagen will, tut das hier sowieso am besten persönlich.»

Das ist auch nötig. Denn viele der Höfe, Alpweiden und Ferienhäuser an den Berghängen rund um das enge, an den Hang gedrückte Dorf im bernischen Gurnigel-Gantrisch-Gebiet haben keinen Telefonanschluss. Und selbst wer einen hat, hat ihn nicht auf sicher. Denn im moorigen Boden verrutschen die Leitungen. Wenn mehr als ein Dutzend Personen gleichzeitig telefonieren, bricht das Netz zusammen.

Auch die Mobilfunktechnologie hat ein paar Kilometer vor dem Dorf abrupt Halt gemacht – als hätte sie sich gefürchtet, die «Kalte Sense» zu überqueren. In Sangernboden herrscht Funkstille. Selbst das teuerste Handy verkommt hier zur Attrappe. Das Dorf und seine Umgebung zählt zu den letzten ganzjährig bewohnten Orten in der Schweiz, die noch keinen Empfang haben. Sogar der Rega-Funk bleibt in Sangernboden stumm. 400 Menschen leben im Funkloch.

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Telefoniert wird im Postbüro

Komisch sei es schon, sagt Kilcher, wenn seine Gäste oder Wanderer aus dem Unterland vor der Beiz aus dem Auto steigen und verdutzt ihr Handy schütteln. «Die meinen, es sei kaputt.» Kilcher selber hat zu Hause keinen Festanschluss, wohl aber ein Handy – «für Ausflüge ins Tal». Dass die Unterländer meinen, sie müssten sogar während des Essens telefonieren, versteht er nicht. «Insofern habe ich es in meinem Restaurant gut.» Der «Hirschen»-Wirt erlaubt sich ein Lächeln. Aber lustig findet er es eigentlich nicht, das Funkloch.

Niemand hier findet es lustig. «Wir wollen schon lange eine Natelantenne», sagt Posthalterin Susanne Nydegger. Konzentriert sortiert sie Briefe und wirft einen Blick auf die Uhr. Die Trauergäste sitzen jetzt im «Hirschen», in einer halben Stunde öffnet der Schalter. Oder vielmehr das Poststübchen: Bilder hängen an der Wand, ein hölzerner Schmetterling baumelt von der Decke, und Hund Wyrus spielt mit sich selbst Fangen. «Er ist gerade im Flegelalter.»

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Oft kommen Leute zum Postbüro, um einen Anruf zu machen – manchmal mitten in der Nacht oder am Sonntag. Unten an der Hauptstrasse steht zwar eine Telefonkabine. «Aber die geht nur mit Karte.» Oder dann ist sie kaputt. Die zweite Kabine oben bei den Ferienhäusern und dem Skilift in Ottenleue Bad ist nurmehr Dekoration; die Swisscom riss den Apparat kürzlich raus. «Die sagten, es rentiere nicht mehr.» Susanne Nydegger schüttelt den Kopf. Denn wie lange die Einwohner noch zum Posthalterehepaar kommen können, um Verbindung mit der Aussenwelt aufzunehmen, ist ebenfalls ungewiss: Sangernboden figuriert auf der Liste der Poststellen, die vielleicht geschlossen werden.

«Wie im Mittelalter»

Bei der Swisscom liegen seit Jahren Pläne für eine Richtstrahlantenne und eine Natel-Basisstation bereit. Damit hätte die Funkstille im Dorf und an den Berghängen ein Ende. Unterstützt wird das Projekt von prominenter Seite: Die Eltern des Berner Jung-SVP-Stadtrats Thomas Fuchs besitzen in Ottenleue Bad ein Ferienhaus. Jetzt rührt der Sohn in der Hauptstadt kräftig die Werbetrommel für die Antennen.

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Doch die Stiftung für Landschaftsschutz hat gegen das Projekt Einsprache erhoben. Geschützte Moorlandschaften von solcher Schönheit und nationaler Bedeutung wie jene im Gurnigel-Gantrisch-Gebiet dürften nicht einem «unkontrollierten Netzaufbau» geopfert werden, argumentiert die Stiftung. Zurzeit ist der Fall beim Verwaltungsgericht in Bern hängig. In den nächsten Tagen soll der Entscheid fallen.

«Die wollen hier auf Kosten einer Randregion ein Exempel statuieren», ärgert sich Posthalter Hans-Rudolf Nydegger. «Dabei geht es bei uns ums nackte Überleben.» Beispiele gebe es genug: die Bauersfrau, die vor kurzem einen schweren Reitunfall hatte und lange auf Hilfe warten musste. Oder die Hirtin, die vor einigen Jahren auf der Alp im Kronenberg ein Kind zur Welt brachte – mit Leintüchern wurde von Hütte zu Hütte gewinkt, um die Hebamme zu benachrichtigen. Oder Weihnachten 1999, als Sturm «Lothar» rund um Sangernboden wütete. Damals diente Nydeggers Postbüro während Tagen als Relaisstation für Ferienhausbesitzer und Bauern. Die Nachrichten mussten alle persönlich überbracht werden. Nydeggers Augen nehmen beim Erzählen einen ungläubigen Ausdruck an. Er kann es immer noch kaum fassen. «Wie im Mittelalter.»

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Christoph Wüthrich, Lehrer an der Gesamtschule in Sangernboden und ein Auswärtiger, versteht den Ärger der Bevölkerung – obwohl es ihm eigentlich sympathisch ist, dass hier nicht an jeder Ecke einer am Handy hängt. «In diesem Gebiet leben 15 Einwohner auf einem Quadratkilometer. Da stösst man auf Unverständnis, wenn man mit dem Moorschutz argumentiert», sagt er. «Die Leute haben sowieso schon das Gefühl, sie seien ‹vom Leben da draussen› abgehängt.»

Keine Angst vor Natelstrahlen

Die Meinung im Dorf über «die Naturfanatiker aus Bern» ist jedenfalls gemacht. «Es ist nicht recht, dass Leute von auswärts dreinreden dürfen», sagt Susanne Kilcher vom Dorfladen, während sie der betagten Nachbarin einen Salatkopf reicht. «In der Stadt, wo alles zentral liegt, würden die Leute sofort reklamieren, wenn sie nicht telefonieren könnten! Warum also dürfen wir nicht?» Susanne Kilcher richtet sich auf und lässt ihren Blick über die Gestelle schweifen, als liege die Antwort irgendwo zwischen Zahnpasta und Arbeitskitteln versteckt. «Die Menschen sind doch wichtiger als eine Moorlandschaft.»

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Gegen eine Antenne sei eigentlich niemand. Klar, den Alten ist es einerlei, nicht aber den Werktätigen. Und Angst vor den Natelstrahlen? Susanne Kilcher schüttelt den Kopf. Sie hat andere Sorgen. Täglich habe sie Angst um ihren Mann. Denn neben dem Dorfladen und der Bäckerei führt das Ehepaar auch ein Transportunternehmen und ist unter anderem für den Winterdienst verantwortlich. Das heisst: einsame Fahrten durch Schneegestöber – morgens um vier. Früher waren sie noch zu zweit unterwegs. Aber auch das wurde wegrationalisiert. «Was ist, wenn ihm etwas passiert?» Susanne Kilcher mag nicht daran denken und rückt schnell die Brote zurecht.

Oft allein im Gelände unterwegs

Auf der anderen Strassenseite, vor dem «Hirschen», verabschieden sich die ersten Trauergäste. Das Vieh wartet, und der Weg zu den Höfen ist weit.

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«Wir würden ja nicht zum Plausch telefonieren wie in der Stadt oder sinnlos SMS in der Gegend rumschicken», sagt Bauer Markus Zwahlen. Seine grosse Hand krault ein Rind hinter dem Ohr. Zwahlens Hof liegt am Berghang zwischen Sangernboden und Ottenleue Bad. Auch er ist – wie alle Bauern in der Gegend – oft allein im Gelände unterwegs. Passieren kann immer etwas. «Dann marschiert man unter Umständen zehn Kilometer zu Fuss.» Oder man hofft, dass einen jemand findet.

Zwahlen zeigt den Berg hoch. Dort zuoberst am Bergkamm hat man bei schönem Wetter ganz schwachen Empfang. «Aber es darf dann keinen Föhn haben!» Wenn er ausreitet, wähle er deshalb die Route gegen die Krete hin. «Ich habe schliesslich Frau und Kinder.» Früher gings auch ohne, klar. «Aber die in Bern sagen uns immer, wir sollen offen sein für Neues», sagt Zwahlen. «Das geht nur, wenn sie uns am Neuen teilhaben lassen.»

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Das finden auch die Oberstufenschüler an der Gesamtschule Sangernboden. «Die Naturschützer sind doch gegen alles, was wir hier machen», ärgert sich die 16-jährige Elisabeth. «Dabei kennen die uns gar nicht!», ruft Manuela. «Die haben gut reden.» Sie würde gern ihren Freundinnen im Unterland, die hier oben eine Ferienwohnung haben, SMS schicken. Und der 15-jährige Jonas grinst verlegen: «Das wäre schon was.» Doch er weiss nicht, ob er sich den Spass überhaupt leisten könnte.

Nur Janick weiss mehr. Er hat ein Handy – seine Eltern haben es gekauft, weil er als Nachwuchsfahrer mit dem Schweizer Skiverband viel unterwegs ist. «Die dort fragen mich manchmal, in was für einem Kaff ich eigentlich lebe», erzählt Janick.

Minimaler Empfang hinterm Haus

Der 12-jährige Olivier hat es inzwischen aber doch gefunden, das Tor zur Aussenwelt. Es liegt auf der zweiten Treppenstufe hinter dem Haus. «Wenn man dort ganz ruhig steht und sich nicht bewegt, hat es ein Strichlein Empfang», erzählt er aufgeregt. Entdeckt hat das seine Mutter. Als Sturm «Lothar» das Dach wegriss und die Telefonleitung lahm legte, rannte sie mit dem Handy des grossen Bruders ums Haus und suchte verzweifelt nach ein paar Funkstrahlen. Für einen Anruf reichte es dann doch nicht, und Oliviers Vater musste sich mit der Motorsäge regelrecht ins Dorf runtersägen, um die Feuerwehr zu alarmieren.

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Olivier lacht verschmitzt. Aus seinem Mund tönt alles wie ein grosses Abenteuer. Dann meint er ernst: «Mit dem Handy wäre es natürlich schneller gegangen.»