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Augenzeuge«Die Ungleichheit macht mich richtig sauer»

«Die Ungleichheit macht mich richtig sauer»
Franzisca Gartenmann, 17, gründete das Hilfswerk Lotus for Laos.

Franzisca Gartenmann setzt sich für Waisenkinder in Laos ein, während andere in ihrem Alter Partys feiern. Dank ihrem Engagement können 20 Jugendliche studieren.

von Nicole Krättli

«Prix Courage Next Generation»

Franzisca Gartenmann ist zusammen mit ihrer Freundin Lara Twerenbold für ihr Projekt mit dem «Prix Courage Next Generation» ausgezeichnet worden. Der mit CHF 3000.– dotierte Jugendpreis wurde dieses Jahr zum zweiten Mal vergeben.

Alle Informationen zum Prix Courage

Es ist schon ziemlich schräg, dass eine 17-Jährige aus der Schweiz Jugendlichen in Laos ein Studium finanzieren kann. Eigentlich dürfte das gar nicht möglich sein, solche riesigen sozialen Unterschiede dürften nicht existieren. Wir haben die gleichen Träume, die gleichen Hoffnungen, die gleichen Themen, die uns beschäftigen – und doch sind unsere Leben so verschieden. Manchmal macht mich diese Ungleichheit richtig sauer. Es ist ein wahnsinniges Privileg, in der Schweiz geboren zu sein. Ich ­sehe es aber auch als meine Verpflichtung an, die sich mir bietenden Chancen zu nutzen, um anderen zu helfen.

Meine Mutter ist in dieser Beziehung ein grosses Vorbild. Seit Jahren leitet sie ein Sozialprojekt, das sich für chinesische Waisenkinder einsetzt. Mit neun Jahren hat sie mich zum ersten Mal nach China mitgenommen, und dann noch einmal mit zwölf. Ich freute mich damals in erster Linie darüber, mit anderen Kindern zu spielen, und habe mir keine grossen Gedanken darüber gemacht, was ich da sehe. Trotzdem nahm ich die riesigen Unterschiede zwischen diesen Kindern und mir wahr. Ich erinnere mich, dass ich meine ersten 20 Franken Sackgeld meiner Mutter gab, damit sie zwei chinesischen Mädchen Kleider kaufen konnte. Ich wollte nicht bewusst etwas Gutes tun. Es hat sich einfach richtig angefühlt.

«Ich wollte ein eigenes Hilfsprojekt.»

Franszisca Gartenmann, 17

Vor drei Jahren bereiste ich mit meiner Familie zum ersten Mal Laos. Auch dort besuchten wir ein Waisenhaus. Die Zeit war so eindrücklich, dass ich ein Jahr später erneut dorthin reiste. Mit einer befreundeten Familie renovierten wir während mehrerer Tage die Schlafsäle und kochten Essen. Ich erinnere mich daran, dass wir alle sehr erfüllt und inspiriert von dieser Reise zurückgekommen sind. Da war mir klar: Ich wollte ein eigenes Sozialprojekt auf die Beine stellen.

670 Dollar finanzieren ein ganzes Jahr

Mit meiner Freundin Lara und zwei eng befreundeten Frauen wollen wir laotischen Waisenkindern eine Ausbildung ermöglichen. Dafür haben wir uns mit dem Leiter eines staatlichen Waisenhauses zusammengetan, den wir auf unserer Reise kennengelernt haben. Er vergibt das von uns gesammelte Geld als Stipendienbeiträge an Jugendliche, damit sie ihr Studium finanzieren können. 670 Dollar decken Studiengebühren, Wohnkosten und Grundnahrung für ein ganzes Jahr. Die Ausbildungen dauern im Schnitt drei Jahre.

Wer in Laos einen Universitäts­abschluss hat, dem ist ein Job auf Lebzeiten quasi garantiert. Damit ver­ändert sich nicht nur das Leben der Jugendlichen, sondern auch das ihrer Familie – und irgendwann das ihrer eigenen Kinder. Aktuell unterstützen wir 20 Studenten. Das ist natürlich keine riesige Zahl, aber uns ist es wichtig, dass wir diesen Jugendlichen einen Abschluss garantieren können.

Das bedeutet allerdings eine Menge Arbeit. Zuerst mussten wir einen Verein gründen, weil das die Organisation vereinfacht. Also schrieben wir Statuten, kämpften uns durch viel Papierkram und gründeten vor anderthalb Jahren Lotus for Laos. Seit der Gründung gibt es immer etwas zu tun: Stiftungen anschreiben, Website gestalten, Geld sammeln. Es ist viel, aber ich tue es gern, denn ich weiss: Diese Jugendlichen zählen auf uns.

«Die Kinder zählen auf uns», Franzisca Gartenmann in Laos

Vor drei Monaten reiste ich wieder nach Laos, diesmal mit Lara. Sie war noch nie dort und wollte sehen, wen sie mit ihrer Arbeit unterstützt. Zudem haben wir beide keine Ahnung, wie Entwicklungszusammenarbeit funk­tioniert. Die Organisation Child’s Dream zeigte uns deshalb ihre Projekte und erklärte uns, was man bei der Umsetzung alles beachten muss.

Obwohl ich auf meinen bisherigen Reisen immer mit Armut in Kontakt kam, war es dieses Mal anders. Ich war zum ersten Mal keine Zuschauerin mehr, sondern sehr nahe dran. Zum ersten Mal ging es abends nicht zurück in ein hübsches Hotel, sondern in sehr einfache Unterkünfte, die meist extrem dreckig waren. Und das Essen: nur Reis und Nudelsuppe. Ich fühlte mich wie auf Volldiät.

Es ist dieser Moment, in dem du in einer anderen Welt bist und nicht mehr herauskommst. Das war ein richtiger «Oh, shit»-Moment. Da begriff ich erst, wie anders diese Menschen dort tatsächlich leben. Das gab mir wirklich zu denken und bestärkte mich in meinem Vorhaben.

Auch Einzelne können etwas ändern

Viele sagen, als Einzelperson kannst du nichts verändern. Meine Mutter, vor allem aber auch die Erfahrungen, die ich in Laos gemacht habe, haben mir gezeigt, dass das nicht stimmt. ­Natürlich verändern wir mit unserem Projekt nicht die Welt. Aber wenn wir auch nur einem Jugendlichen ein besseres Leben ermöglichen können, hat sich der Aufwand gelohnt.

Veröffentlicht am 2015 M06 24