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Bildung«Mathematik ist auch Luxus»

Ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten? – Ein lateinischer Schriftzug in Rom. Bild: Thinkstock Kollektion

Für immer weniger Hochschulstudien ist Latein Bedingung. Das ist ein Verlust, sagt Lucius Hartmann vom Forum «Alte Sprachen Zürich».

von René Ammann

Der Kanti-Lehrer Lucius Hartmann hat an der Universität Zürich Griechisch, Mathematik und Latein studiert. Er ist Vorstandsmitglied des Vereins Schweizerischer Gymnasiallehrerinnen und -lehrer, des Schweizerischen Altphilologenverbands und des Forums Alte Sprachen Zürich.

Beobachter: Wer Englisch, Philosophie oder Kunstgeschichte an der Uni Zürich studieren will, muss nicht mehr Latein gelernt haben. Ist das das Ende der klassischen humanistischen Bildung?
Lucius Hartmann: Sicher nicht. Die alten Sprachen werden, zum gros­sen Teil unabhängig von den Lateinanforderungen der Hochschulen, noch immer von jedem fünften Schweizer Gymnasiasten besucht.

Beobachter: Beruht der Entscheid auf einem Generationenkonflikt? Die Alten wollen und die Jungen nicht?
Lucius Hartmann: Als 2012 die Lateinanforderungen der Uni Zürich schon einmal zur Diskussion standen, waren es insbesondere die Studierenden, die sich für den Erhalt des Latinums einsetzten. Von einem Generationenkonflikt kann also keine Rede sein.

«Das genaue Lesen und präzise Verstehen, das im Latein geübt wird, ist ein unentbehrliches Können.»

Lucius Hartmann

Beobachter: Ein Philosoph muss also kein Latein mehr können. Was entgeht ihm?
Lucius Hartmann: Er kann zentrale lateinische Texte der Philosophiegeschichte nicht mehr im Original lesen und ist auf Übersetzungen angewiesen. Die sind jedoch bereits eine Interpretation und unterscheiden sich a priori von der ursprünglichen Fassung, da jede Sprache die Wirklichkeit auf ihre eigene Weise abbildet. Er bringt auch ein für das Philosophiestudium unentbehrliches Können in viel geringerem Mass mit, nämlich das im Latein­unterricht ständig geübte genaue Lesen und präzise Verstehen dessen, was in Texten geschrieben und gedacht ist. Das gilt übrigens auch für die naturwissenschaftlichen Studienrichtungen.

Beobachter: In Deutschland und Grossbritannien belegten in den letzten Jahren deutlich mehr Schüler Latein. Wie ist die Lage in der Schweiz?
Lucius Hartmann: Diese Entwicklung hat die Schweiz erst insofern erreicht, als die Schülerzahlen sich stabilisiert haben.

Beobachter: Mein Lateinlehrer sagte: Latein ist Luxus! Schneeschaufler brauchts auch!
Lucius Hartmann: Was ist Luxus? Wenn wir selber mehr Schnee schaufelten, wären die Schneeschaufler zum grossen Teil auch Luxus. Ernsthafter: Für sehr viele Gymnasiastinnen und Gymnasiasten sind Mathematik, Physik oder umgekehrt Französisch und deutsche Literatur im späteren Berufsleben ebenfalls Luxus – und dennoch haben sie aus dem Unterricht für ihr Leben Wesentliches mitgenommen. Dasselbe gilt für den Latein­unterricht.

Veröffentlicht am 2015 M04 14