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Lehrplan 21«Die bestmögliche Schule für Kinder»

Lehrplan 21: Schüler sollen nicht mehr nur Wissen vermittelt bekommen, sondern vermehrt, wie man dieses selbst erarbeitet. Bild: Privat Privat

«Die Gegner tun so, als ob das eine Revolution wäre. Das stimmt nicht», sagt Christian Amsler, Schirmherr des Lehrplans 21. Er verteidigt im Gespräch das Projekt und beschreibt die Schule der Zukunft.

von Susanne Loacker

«Bürokratie macht Schule» –die Titelgeschichte des Beobachters 04/2015 zum Lehrplan 21 hat bei Eltern wie Experten einigen Wirbel ausgelöst. Die zahlreichen Vorwürfe können Sie hier nachlesen.

Im Gespräch mit dem Beobachter stellt sich nun Christian Amsler, Direktor der Deutschschweizer Erziehungs-Direktorenkonferenz, der Kritik.

Beobachter: Gegner des Lehrplans 21 ­sagen, das Werk sei kein neuer Lehrplan, sondern eine Fundamentalreform.
Christian Amsler: Ich würde nie in Anspruch nehmen, dass der Lehrplan 21 die Deutschschweizer Bildungslandschaft umpflügt. Aber er ist das bisher grösste gemeinsame Bildungsprojekt der 21 deutschsprachigen Kantone. Und darauf bin ich sehr stolz.

Beobachter: Lehrer befürchten, dass sie weniger Spielraum haben und sich an viel mehr Vorgaben halten müssen.
Amsler: Der neue Lehrplan soll eine Richtschnur sein, ein Kompass, der die Richtung vorgibt. Sonnenklar ist, dass der Unterricht nach wie vor primär von der Lehrperson geprägt wird. Ich bin überzeugt, dass der Lehrer oder die Lehrerin 90 Prozent des Unterrichts ausmacht, abgesehen davon, dass sie eine wichtige Vorbildfunktion haben. Eigentlich freut es mich, dass der neue Lehrplan so bewegt und zu diskutieren gibt. Die Gegner tun so, als bedeute er eine Revolution. Doch das stimmt nicht.

Beobachter: Die Vorwürfe sind happig: vermessbare Schüler, Gleichmacherei, Neoliberalismus.
Amsler: Diese Pauschalbegriffe interessieren mich nicht, und die damit verbundenen Vorwürfe haben mit dem Lehrplan 21 nichts zu tun. Ich möchte die bestmögliche Schule, wo unsere Kinder im Fokus stehen und das Beste bekommen. Wenn wir dazu noch weiterhin an der Spitze des Pisa-Rankings sind, soll mir das recht sein.

Beobachter: Gab es denn überhaupt Bedarf an dieser Reform?
Amsler: Viele Kantone hatten veraltete Lehrpläne, und der Aufwand wäre viel grös­ser gewesen, wenn jeder Kanton sich separat darum gekümmert hätte. Hinzu kam die Abstimmung über den Bildungsartikel Harmos, bei der das Stimmvolk einer Harmonisierung der Schule und damit der Lehrpläne mit grossem Mehr zustimmte. Da war es nur logisch, dass man sich zusammensetzt. Das ist doch gut schweizerisch.

Beobachter: Das ergibt bestimmt Sinn, aber das Werk ist mit 470 Seiten doch überladen.
Amsler:Die heutigen Lehrpläne der Kantone haben einen ähnlichen Umfang.

Beobachter: Muss ein Kanton, der den Lehrplan 21 ablehnt, dann auch aus dem Harmos-Konkordat austreten?
Amsler: Nein, auch Nicht-Harmos-Kantone sind beim Lehrplan 21 mit an Bord. Ich würde das aber persönlich sehr bedauern, weil ich es schlecht finde, wenn Kantone da ausscheren. Ausserdem setzt man so die kantonale Bildungshoheit aufs Spiel, weil Bundesbern dann stärker eingreifen und ­regulieren wird. Auch finanzpolitisch wäre es unklug, weil der betreffende Kanton dann ja wegen der Vorgaben der Bildungs­verfassung trotzdem seinen Lehrplan anpassen muss. Wenn Kantone aussteigen, griffe aber sicher der Bund stärker ein.

Zur Person

Christian Amsler, 51, ist Präsident der Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-­Konferenz. Der FDP-Regierungsrat und ­Vorsteher des Erziehungsdepartements des Kantons Schaffhausen ist mit einer Lehrerin verheiratet und Vater von drei Kindern.

Beobachter: Was ändert sich für die Lehrer, wenn der Lehrplan 21 eingeführt wird?
Amsler: Die Unterrichts- und Methodenfreiheit bleibt gewährleistet. Ich erwarte aber von Pädagoginnen und Pädagogen, dass sie sich bewegen. Es gibt ja immer wieder neue gesellschaftliche Herausforderungen in der Schule. Im Moment arbeiten viele Kantone an Weiterbildungskonzepten zur Einführung des neuen Lehrplans, die im Rahmen der normalen Lehrerweiterbildung um­gesetzt werden.

Beobachter: Gleichzeitig stehen inzwischen auch die Schulen unter Spardruck. Wie geht das zusammen?
Amsler: In den meisten Kantonen sind diese Gelder in der langfristigen Finanz­planung bereits eingeplant. Aber es stimmt: Der Bildungsbereich steht leider vermehrt unter Finanzdruck. Ich glaube aber, dass man diese Frage von der Diskussion um den Lehrplan 21 ­lösen muss. Vielleicht müsste man auch einmal grundsätzlich über un­sere hohen Schweizer Löhne reden.

Beobachter: Finden Sie, dass Lehrer zu viel verdienen? Die Lehrer beklagen sich ja über vergleichsweise tiefe Löhne und zu viele Reformen. Weniger Lohn und noch eine Reform – das würde den Beruf noch ­unattraktiver machen.
Amsler: Ich meine überhaupt nicht, dass die Lehrerlöhne zu hoch sind, sondern eher manche Löhne in der Wirtschaft. Ich finde es zum Beispiel eminent wichtig, dass eine Kindergärtnerin ­anständig bezahlt ist, weil sie nämlich etwas Matchentscheidendes macht für die Gesellschaft. Da gibt es Manager, die weit weniger Verantwortung tragen und viel mehr verdienen. Ich ­finde, unsere Lehrer sind nicht überbezahlt, aber auch nicht unterbezahlt. Abgesehen davon: Der Lehrplan 21 ist keine Bildungsreform.

Beobachter: Sondern?
Amsler: Einfach eine neue Form von Lehrplan. Echte Reformen haben mit Änderungen des Grundsettings zu tun. Das ist hier eindeutig nicht der Fall.

«Die Lehrer verdienen nicht zu viel. Schon eher die Manager.»

Christian Amsler

Beobachter: Der Lehrplan 21 richtet sich voll auf Kompetenzen aus. Damit wird Können vor Wissen gestellt. Das ist doch eine tiefgreifende Reform.
Amsler: Die Kompetenzorientierung ist kein Paradigmenwechsel und auch keine Reform. Auch wenn wir den Lehrplan 21 konsequent nach Kompetenzen formuliert haben, ist klar: Es geht nichts ohne Wissen. Alle wollen kompetente Leute, die in der Lage sind, ihr Wissen anzuwenden. Die Kompetenzorientierung meint nicht «Können vor Wissen». Vielmehr muss es heissen: Können auf der Basis von Wissen.

Beobachter: Die Kompetenz-Ziele sind jeweils auf mehrjährige Zyklen hinaus definiert. ­Kritiker befürchten, dass dadurch die schwächeren Schüler auf der Strecke bleiben, weil die stärkeren immer weiter voraus sind.
Amsler: Schüler, die die Lernziele deutlich übertreffen oder verfehlen, gibt es heute schon.

Beobachter: Die möglichen Unterschiede sind ­geringer, weil die Lernziele immer nur auf ein Jahr definiert sind.
Amsler: Wir haben die Grundansprüche so definiert, dass die meisten Schülerinnen und Schüler sie erreichen können. Schüler, die man im Klassenverband nicht mitnehmen kann, können auch heute schon sonderbeschult oder lernzielbefreit werden.

Beobachter: Wenn der Lehrplan 21 eingeführt wird: Wie sieht unsere Schule in 30 Jahren aus?
Amsler: Der Lehrplan 21 sagt eigentlich nichts dazu, wie die Schule aussehen wird. Er sagt, was die Schülerinnen und Schüler lernen sollen. Unsere Gesellschaft bewegt sich. Deshalb ist es umso wichtiger, dass unsere Schulen einen soliden Boden haben, gleichzeitig aber offen sind für neue Entwicklungen, unabhängig davon, ob man diese Entwicklungen gut oder schlecht findet. Wenn man heute ausschliesslich mit den Rezepten von vor 30 Jahren unterrichtet, scheitert man zwangsläufig.

Veröffentlicht am 2015 M03 17