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SchuleDas grosse Gähnen

In der Pubertät kommen Jugendliche morgens kaum aus dem Bett.

Um 7.30 Uhr zur Schule? Das ist für viele Kinder zu früh. Darum sollte der Unterricht später beginnen. Doch der Widerstand ist gross.

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Die Fakten sind klar: Vor der ­Pubertät verschiebt sich bei Kindern die innere Uhr. Sie sind abends später müde und können nicht einschlafen. Morgens bekommt man sie kaum aus dem Bett. Eine biologische Tatsache – doch die Schule nimmt darauf kaum Rücksicht. Im Gegenteil: Für ältere Kinder beginnt der Unterricht früher als für die Kleineren, obwohl die meist weniger Probleme mit dem Aufstehen haben. Das Resultat: Viele Teenager hängen in den ersten zwei, drei Schulstunden müde an ihren Pulten und können sich nur mühsam oder gar nicht konzentrieren.

«Erstaunlich, dass noch niemand reagiert hat»

«Die wissenschaftliche Lage ist ­eindeutig», sagt Irene Hänsenberger, Leiterin des Berner Schulamts. «Es ist wirklich erstaunlich, dass noch niemand reagiert hat.» Eine Arbeits­gruppe um Hänsenberger arbeitet ­gegenwärtig einen Vorschlag aus, wie man die Zeiten dem Rhythmus der ­älteren Kinder anpassen könnte. Sie möchte die erste Lektion vom Stundenplan streichen. Ende Jahr soll dann definitiv entschieden werden.

Der Schlaf-wach-Rhythmus verändert sich ab dem zehnten Lebensjahr, zeigte eine Studie der US-amerikanischen Brown-Universität aus dem Jahr 2007. Da ist die körperliche Umstellung: Das Hormon Melatonin, das für den Schlafrhythmus verantwortlich ist, wird später produziert. Und da sind die sozialen Faktoren: Die Kinder sehen länger fern, spielen am Com­puter oder treffen sich mit Freunden. Aber: «Selbst in Studien, in denen ­soziale Faktoren ausgeschaltet waren, konnten die Jugendlichen ihren veränderten Schlafrhythmus nicht beeinflussen», sagt Annemarie Tschumper vom Berner Gesundheitsdienst.

Schlaf hat direkte Auswirkung auf Lebenseinstellung

Eine Studie der Uni Basel von 2012 stellt sogar fest: Der Schlafmangel hat einen direkten Einfluss auf die Lebenseinstellung und die Leistungen in der Schule. Genügend Schlaf könnte Teenagern nicht nur in Schule oder Ausbildung helfen, sondern auch die Stürme der Pubertät abschwächen helfen und eine positivere Lebens­einstellung fördern.

Der Ratschlag «Geh doch einfach ­früher ins Bett» hilft wenig. Eine US-Studie zeigt, dass junge Männer nicht vor 22 Uhr einschlafen können, selbst wenn sie übermüdet sind. Jugendliche sollten aber rund neun Stunden schlafen, was mit einem Schulstart um 7.30 Uhr meist nicht zu schaffen ist.

«Es hat viel mit Trägheit zu tun, dass kaum jemand auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse reagiert.»

Annemarie Tschumper, Berner Gesundheitsdienst

Trotzdem stossen Versuche, den Schulbeginn zu verschieben, in der Schweiz auf Widerstand. «Wir haben mit viel Unverständnis zu kämpfen», sagt Irene Hänsenberger vom Berner Schulamt. Auch die Stundenplaner seien nicht begeistert. Die Idee wäre, die Mittagspause zu verkürzen oder am Nachmittag eine Stunde anzuhängen. Das könnte jedoch zu Termin­kollisionen mit dem privaten Sporttraining oder Musikunterricht führen. Auch der Lehrplan 21 erleichtert die Sache nicht, denn die Anzahl Wochenstunden soll steigen.

«Es hat viel mit Trägheit zu tun, dass kaum jemand auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse reagiert», sagt Annemarie Tschumper vom Berner Gesundheitsdienst. Die Erwachsenen seien an die aktuellen Schulzeiten gewöhnt. Dabei müssen die Schweizer Kinder früher zur Schule als jene in Deutschland, Frankreich oder Italien.

Zögerliche Bemühungen in der Schweiz

Ein späterer Schulbeginn könnte zudem den Pendlerverkehr entlasten. Ebenfalls in Bern gibt es deshalb Bemühungen, ein Pilotprojekt mit mehreren Gymnasien zu starten.

In der Stadt Zürich wollen die Verantwortlichen von alldem nichts wissen. «Die medizinischen Grund­lagen wie auch die vermeintlichen Folgerungen daraus sind zu wenig fundiert, als dass sich daraus ein sinnvolles Projekt ableiten liesse», sagt Beat Sieber vom Schul- und Sportdepartement.

Im Kanton Basel-Stadt gab es immerhin schon Bemühungen, den Schul­beginn zu verschieben. Auf Antrag der SP-Grossrätin Franziska Reinhard ­beschloss der Grosse Rat im August 2013, ihn allgemein auf acht Uhr festzu­legen.

Die Gymnasien allerdings ­regeln das individuell. Als Grund habe man gesagt, es gäbe sonst ein Problem mit der Belegung der Turnhallen, so Reinhard. «Das hat mich genauso ­wenig überzeugt wie das Argument, früher habe man die Kinder auch ­zeitig in die Schule geschickt.»

Veröffentlicht am 2015 M03 30