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SchuleLernt mehr Sprachen!

Zu Recht regt man sich in der Romandie auf, dass der Thurgau das Frühfranzösisch streichen will. Es braucht mehr und vor allem besseren Sprach­unterricht. Bild: Thilo Rothacker

Kinder sollten nicht weniger Sprachen lernen, sondern mehr – und anders.

von Alexandra Bröhm

Viel Aufregung gibt es im Moment um die Frage, welche Sprachen Primarschüler wann lernen sollen. Der Thurgau will das Frühfranzösisch abschaffen, und auch Nidwalden plant Ähnliches. Um die Frage, ob die Politiker damit den Röstigraben noch ein bisschen vertiefen, soll es hier nicht gehen. Sondern um das, was in dem Gezerre um die nationale Identität etwas in den Hintergrund gerät: die Kinder und die Frage, was ihnen frühes Sprachenlernen bringt.

Wenig, sagen die Skeptiker und berufen sich auf eine neue Studie der Pädagogischen Hochschule Schaffhausen. Frühstarter, heisst es da, hätten gegenüber solchen, die später beginnen, keine besonderen Vorteile. Denn jüngere Kinder hätten sowieso noch kein Verständnis von Grammatik, also bringe das Sprachenlernen eigentlich erst in der Oberstufe etwas.

Was dabei vergessen geht, ist die beneidenswerte Fähigkeit jüngerer Kinder, eine Sprache auf eine andere, viel selbstverständlichere Art zu lernen als ältere. Kinder hören Sprachen und saugen sie in sich auf, so, wie sie sich vieles, was Erwachsene nur mit viel Fleiss schaffen, scheinbar im Vorbeigehen aneignen. Ohne Ahnung vom Subjonctif oder vom Partizip Präsens schnappen Kinder Sprach­fetzen auf und fangen selbst an – Fehler sind egal –, sich in der anderen Sprache zu probieren. Dann heisst «Jetzt reichts aber» eben «Ça suffit» – «no problem» für Siebenjährige.

Der nützliche spielerische Umgang

Meine Nichte geht, seit sie fünf ist, auf eine deutsch-französische Schule. Zuerst in den Kindergarten und heute, sie ist 17, ins Gymi. ­Die Hälfte des Unterrichts findet auf Deutsch, die andere auf Französisch statt. Die Schule ­bietet genau das, was Kinder zum Sprachen­lernen brauchen – den häufigen, spielerischen Umgang mit der anderen Sprache. Obwohl ihre Eltern beide deutscher Muttersprache sind, spricht sie fliessend Französisch, und man hält sie in Frankreich für eine Einheimische. Und das zu erreichen ist schwieriger, als dreimal ­hintereinander schnell «Dans ta tente ta tante t’attend» zu sagen.

Die Forderung nach weniger Sprachunterricht in der Primarschule ist deshalb falsch. Es braucht nicht weniger, sondern mehr, aber anders gestalteten Englisch- oder Französischunterricht. Im Kanton Zürich und in einigen ­anderen Kantonen haben die Kinder ab der zweiten Klasse zwei bis drei Wochenstunden Englisch. Die Englischlehrerinnen sind Primarlehrerinnen mit einer Zusatzausbildung. 14 Abende Sprachdidaktik, ein Praktikum, einen drei­wöchigen Sprachaufenthalt und das Cambridge Advanced Certificate – nicht die höchste Qualifikation im Englischen – müssen sie vorweisen. Das reicht, um Kindern Grund­lagen wie «How are you?» oder «My name is …» vermitteln zu dürfen, ihnen das Zählen, ein­fache Wörtli und englische Lieder beibringen zu können. Es reicht aber nicht, um die Kinder ­in die andere Sprache eintauchen zu lassen.

Deshalb brauchen Primarschulen mehr muttersprachliche Lehrkräfte, die mit den ­Kindern so viel wie möglich sprechen. Will man die Kinder nicht mit mehr Stunden belasten oder andere Fächer streichen, gäbe es einfache Lösungen. Warum unterrichtet man nicht ­Fächer wie Turnen in einer Fremdsprache, wie an zweisprachigen Schulen üblich? Dann entstünden alltägliche Situationen, die ­Kinder leicht Sprachen lernen lassen. Situa­tionen, in denen es nicht um ­Vokabeln oder Grammatik geht, sondern um den Spass an der Sprache und den Blick in die weite Welt.

Zweisprachige Schulen sind begehrt

Es mangelt in der Schweiz nicht an muttersprachlichen Lehrkräften, beim Französisch schon gar nicht. Und weil Lehrer sowieso gesucht sind, würden auch keine deutschsprachigen Primarlehrer arbeitslos, die dann weniger Englisch-, Französisch- oder Turn­stunden geben dürften. Die Kinder seien überfordert mit Fremdsprachen, sagen Kritiker. Das ist laut einer Studie der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz nicht so. Die Kinder ­lernen die zweite Fremdsprache sogar ein­facher, besagt die Studie, und ihre Kompetenz in der Muttersprache leide nicht.

Es gibt auch in der Schweiz zweisprachige Schulen. Die sind sehr begehrt, doch Reichen vorbehalten, weil sehr teuer. Etwas mehr für das Lernen anderer Sprachen zu tun sollte in einem vielsprachigen Land wie der Schweiz auch in der öffentlichen Schule eine Selbstverständlichkeit sein. Den Kindern kommt es in einer international vernetzten Welt nur zugute.

Veröffentlicht am 2014 M09 02