Es sei alles nur psychisch, liess der Arzt seine Patientin Marianne Witvliet wissen, als sie sich über die starken Nebenwirkungen des Insulins beschwerte. Die 56-jährige Diabetikerin war verunsichert und begann an sich selbst zu zweifeln. Das war vor einem Jahr.

Heute hat Marianne Witvliet ihr Selbstvertrauen wieder zurückgewonnen. Geholfen hat ihr dabei die Selbsthilfegruppe für Diabetiker: «Es war wie eine Erlösung, als mir ein Gruppenteilnehmer sagte: ‹Du, das habe ich auch erlebt›», erinnert sich Marianne Witvliet. Die Gruppe hat sie gestärkt und ermutigt, den Arzt zu wechseln. Das hat sie getan. Jetzt nimmt sie ein anderes Medikament, und es geht ihr verhältnismässig gut.

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Marianne Witvliet ist nur eine von vielen. In der Schweiz besuchen Tausende von Menschen regelmässig eine Selbsthilfegruppe. In kleinen Runden von sechs bis zwölf Personen, die alle unter dem gleichen Problem leiden, reden sie über ihre Situation und suchen gemeinsam einen Weg aus der Krise. Im Gegensatz zu Therapiegruppen werden Selbsthilfegruppen nicht von Fachleuten geleitet.

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Noch 1992 zählte die Koordinationsstelle für Selbsthilfegruppen (Kosch) 850 Gruppen. Inzwischen sind es bereits über 2500. Und die Tendenz ist steigend. Im Kanton Basel-Stadt zum Beispiel hat die Anzahl der Gruppen zwischen 1992 und 1997 um 40 Prozent zugenommen. Auf 1420 Einwohnerinnen und Einwohner kommt dort eine Selbsthilfegruppe.

Auch andernorts gewinnen die Selbsthilfegruppen an Boden. In Deutschland sind rund 2,6 Millionen Menschen in 70000 Gruppen vereinigt. Eine Umfrage der «Deutschen Angestellten Krankenkassen» aus dem Jahr 1998 ergab, dass 76 Prozent aller Deutschen im Fall einer Krankheit eine Selbsthilfegruppe aufsuchen würden. Bei aller Vorsicht, mit der solche Befragungen zu werten sind: Das Resultat zeigt, dass viele Menschen Selbsthilfegruppen für eine gute Sache halten.

Egal, ob für Angstzustände, Schleudertrauma, Haarlosigkeit, Alleinerziehende, von Zecken Gebissene, erschöpfte Mütter, Bisexuelle oder Internetsüchtige: Fast zu jeder Thematik gibt es inzwischen eine Gruppe. Und wer in der realen Welt keine passende Gruppe findet, hat vielleicht im Internet Glück: Fast täglich platzieren neue Online-Selbsthilfegruppen ihre Webseiten im Netz. In Chatrooms und Foren «diskutieren» Betroffene online ihr Problem (siehe Bericht).

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Beschwerden nehmen ab

Die Selbsthilfe boomt. Für Fachleute ist das nicht verwunderlich: Der Eintritt in eine Selbsthilfegruppe ist für viele Menschen, die an einer Krankheit leiden oder ein Problem haben, ein Wendepunkt im Leben. In der Gruppe fühlen sie sich wieder verstanden und akzeptiert und finden so das wegen Problemen und Krankheiten verloren gegangene Selbstbewusstsein wieder. Und das Wichtigste: Die körperlichen und seelischen Beschwerden nehmen deutlich ab.

Doch Selbsthilfegruppen «heilen» nicht nur. Sie haben auch eine vorbeugende Wirkung. Wer sich austauschen kann, verhindert Schlimmeres. Krisen werden früher erkannt, und der totale Absturz kann aufgehalten werden. «Chronisch Kranke, die in eine Selbsthilfegruppe gehen, lernen dort mit der Krankheit umzugehen und haben weniger Arztkonsultationen nötig», stellt die Baselbieter Ärztin und Nationalrätin Ruth Gonseth fest. Der Basler Soziologe Ueli Mäder doppelt nach: «Ohne Selbsthilfegruppen wäre der Anteil der Personen, die stationär betreut werden müssten, wesentlich höher.»

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Weniger schnell krank

Davon profitiert auch der Staat. Denn wer weniger schnell krank wird und selten zum Arzt muss, weil er an einer Selbsthilfegruppe teilnimmt, verursacht weniger Gesundheits- und Sozialkosten. «Gut funktionierende Selbsthilfegruppen sparen dem Staat viel Geld. Jedes andere Mittel ist teurer», ist Mäder überzeugt.

Vreni Vogelsanger von der Schweizer Selbsthilfe-Koordinationsstelle hat in ihrem Buch «Selbsthilfegruppen brauchen ein Netz» eine brisante Rechnung angestellt: Wenn die der Berechnung zugrunde liegenden 850 Selbsthilfegruppen von einem Therapeuten professionell geleitet würden, kostete das pro Jahr 40 Millionen Franken. Bei heute 2000 Selbsthilfegruppen beläuft sich der Betrag also bereits auf über 80 Millionen. Geld, das die Krankenkassen und die öffentliche Hand bezahlen müssten.

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Auch eine Untersuchung aus München zeigt, wie wertvoll die Arbeit der Selbsthilfegruppen ist: Die 48 Behinderten-Selbsthilfegruppen in München leisten pro Jahr 185000 Stunden Einsatz ehrenamtlich. Das entspricht 104 Vollzeitstellen. Anders ausgedrückt: Von einer Mark Zuschuss der Stadt an Selbsthilfegruppen geben diese beinahe das Sechsfache als unentgeltlich erbrachte Gesundheitsleistung zurück.

Doch damit nicht genug: «Gerade in der Zeit der Sparbemühungen im sozialen Gesundheitswesen kompensiert die Selbsthilfe im emotionalen Bereich viele Nachteile und Defizite», sagt SP-Nationalrat Remo Gysin. Ausserdem fördere sie die Motivation des Einzelnen, sich für eigene Interessen einzusetzen.

Tatsächlich sind Selbsthilfegruppen nicht selten Ausgangspunkt für politische Tätigkeiten: Der Elternverein für hochbegabte Kinder zum Beispiel ursprünglich als «gewöhnliche» Selbsthilfegruppe für betroffene Eltern gedacht setzt sich inzwischen für bildungspolitische Ziele ein. Mit Erfolg: Bereits werden in einigen Gemeinden auf Druck der Eltern Förderkurse für Hochbegabte angeboten, und in Zürich ist die erste Schule für Hochbegabte eröffnet worden.

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Deutschland hat den volkswirtschaftlichen Nutzen der Selbsthilfegruppen erkannt. 1999 zahlten Bundesländer und Gemeinden insgesamt 60 Millionen Mark an die Kontaktstellen für Selbsthilfegruppen. Und die deutschen Krankenkassen müssen ab diesem Jahr gar von Gesetzes wegen 70 Millionen Mark jährlich an die Selbsthilfeorganisationen bezahlen.

Krankenkassen zahlen nichts

Anders in der Schweiz: Hier harzt es mit der öffentlichen Unterstützung. Einzelne Kantone etwa Basel-Stadt und Bern zahlen zwar regelmässig Beiträge an eine der 17 regionalen Selbsthilfe-Kontaktstellen. Aber sie sind noch in der Minderzahl. Gar nichts zahlen bis heute die Krankenkassen. Und das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) subventioniert über die Invalidengesetzgebung nur jene Selbsthilfeorganisationen, die sich für Behinderte einsetzen.

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«Da liegen wir im Vergleich zu Deutschland zehn Jahre zurück», bedauert Vreni Vogelsanger. Ob sich daran schnell etwas ändert, ist fraglich. Mit dem neuen Finanzausgleich, der ab dem Jahr 2001 wirksam werden soll, wird die Subventionierung von Behinderten- und Selbsthilfeorganisationen neu geregelt. Dann sollen nur noch grosse, national tätige Dachorganisationen vom Bund Geld erhalten.

Um bis dahin schlagkräftiger zu werden, wurde am 13. Januar dieses Jahres eine Stiftung als Trägerschaft der Selbsthilfe-Koordinationsstelle gegründet. Stiftungsratspräsident Remo Gysin hofft nun auf finanzielle Unterstützung der öffentlichen Hand: «Ich glaube, dass inzwischen alle eingesehen haben, dass Selbsthilfegruppen ein wichtiger Teil unseres Gesundheitswesens sind.»

Jetzt müssen Taten folgen

Die Stiftung hat bereits mit den Krankenkassen Kontakt aufgenommen und diese haben einen jährlichen Beitrag an die Betriebskosten der Kosch in Aussicht gestellt. Auch das Bundesamt für Gesundheit hat einen Beitrag vorgesehen, und die Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren empfiehlt den Kantonen die Unterstützung der Koordinationsstelle. Wie hoch diese Beiträge dann aber tatsächlich ausfallen werden, ist noch unklar. Der ideellen Unterstützung müssen erst einmal Taten folgen.

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Selbsthilfe darf kein Ersatz sein

Der Geldsegen kann sich jedoch auch kontraproduktiv auswirken. Soziologe Ueli Mäder warnt: «Subventionierung durch den Staat ist gut. Aber es darf nicht die Idee entstehen, Selbsthilfe sei ein günstiger Ersatz für staatliche Unterstützung.»

Ähnliche Bedenken äussert Renatus Beck, Presseverantwortlicher der Behinderten-Selbsthilfeorganisation Askio: «Wir spüren, dass sich die öffentliche Hand immer häufiger aus der Verantwortung zu ziehen versucht mit der Begründung: Das können ja die Behindertenorganisationen erledigen.» Das sei zum Beispiel beim Thema der beruflichen Integration von Behinderten der Fall.

Das ist nicht die einzige Gefahr, die den Selbsthilfegruppen droht: «Selbsthilfe ist in Mode. Leider wird der Begriff oft missbraucht. Selbst Firmen werben damit und meinen eigentlich etwas ganz anderes», stellt Vreni Vogelsanger fest. Neben der Hoffnung auf kostengünstige Lösungen kann man sich mit einem Selbsthilfeangebot auch ein Image von Patientennähe und Fortschrittlichkeit geben.

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Die Pharmaindustrie hat das längst erkannt: Nicht selten steckt sie hinter vordergründig unabhängigen Selbsthilfe- oder Patientengruppen. Die Selbsthilfeorganisation «Donna mobile» für Osteoporosepatientinnen zum Beispiel wird gleich von drei Pharmafirmen gesponsert: Roche, Novartis und Merk Sharp & Dohme-Chibret. Alle verkaufen sie Kalziumpräparate, die gegen Osteoporose helfen sollen.

Und Thomas Postina vom deutschen Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) macht keinen Hehl daraus, dass es sich für die Branche lohnt, Selbsthilfegruppen zu umwerben: «Patienten sind für uns interessant. Sie haben oft ähnliche Ziele wie wir, wenn auch aus anderen Gründen.»

Deshalb organisiert der BPI jedes Jahr Seminare für Selbsthilfegruppen. Thema: «Wie finde ich Sponsoren?» Auf Kosten der Pharmafirmen werden die Teilnehmer einen Tag in einem Erstklasshotel verwöhnt und auf die gemeinsamen Interessen von Betroffenen und Industrie eingestimmt. Ganz nach dem Motto: «Hilf dir selbst, dann hilft dir auch die Industrie.»

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