Quelle: Xavier Rosset

Mein Traum war die einsame Insel. 300 Tage auf einem Eiland im Südpazifik, fünf Bootsstunden von der Zivilisation entfernt. Ich ahnte, dass das kein Zuckerschlecken wird. Wie unglaublich hart es tatsächlich werden würde, hätte ich mir nie träumen lassen.

Ich habe mir meine Insel im Internet gesucht. Die Wahl fiel auf Tofua, eine Vulkaninsel, die zum Königreich Tonga gehört. 54 Quadratkilometer gross, tropische Vegetation, ewiger Sommer. Die Insel war bis vor 50 Jahren bewohnt, weshalb ich annahm, dass sie genügend Nahrung bieten würde. Zudem brachte ich in Erfahrung, dass es auf Tofua keine Gifttiere gibt.

Für die Vorbereitungen benötigte ich 14 Monate. Hauptsächlich administrativer Kram: Visa, Bewilligungen, Sponsorensuche. Ratgeber, wie man Extremsituatio­nen überlebt, habe ich keine gelesen. Ich wollte ohne grosses Vorwissen ankommen. Meinen eigenen Weg finden.

Die Ausrüstung reduzierte ich auf das Minimum: ein Schweizer Sackmesser, eine Machete, ein Erste-Hilfe-Set, ein Satel­liten­telefon und ein Solarpanel für meine ­Kamera. Ich wollte mein Abenteuer dokumentieren und auf Video festhalten.

Am 15. September 2008, um vier Uhr nachmittags, setzte mich ein Fischerboot auf Tofua ab. Zum Abschied hat mir ein Einheimischer ein Feuerzeug, Angelhaken und Angelschnur in die Hand gedrückt: «Ohne wirst du sterben.»

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Bereits nach 24 Stunden war ich dem Verzweifeln nahe. Ich sah Fische im Wasser, aber sie bissen nicht an. Die Kokospalmen waren voller Nüsse, aber ich rutschte an den glatten Stämmen ab. In den ersten Tagen ernährte ich mich von Maniokwurzeln, Wasserschnecken und den Fettpols­tern, die ich mir zu Hause in Verbier mit Fondue und Raclette angefuttert hatte. Später wählte ich mit Krebsen die richtigen Köder, und irgendwann hatte ich auch den Kniff mit dem Klettern raus: den Körper weg vom Stamm und die Beine möglichst auf Hüfthöhe halten.

Bevor ich auf die Insel ging, war ich als professioneller Snowboarder unterwegs, machte Fotoshootings und fuhr Rennen. 2005 war ich unter den Top Five weltweit. Ich jettete um die Erde, pumpte Adrenalin in meine Adern und zog von Party zu Party. In zehn Jahren verlor ich im Schnee zehn Freunde. Aber das war nicht der Grund für mein Aussteigen. Der Tod ist Teil des Ex­tremsports. Ich liebe krasse Dinge. Darum faszinierte mich das pure Gegenteil meines bisherigen Lebens: Wärme und Meer, Ruhe und Abgeschiedenheit, fernab von Lärm und Rummel.

Geschichten von Menschen, die auf sich selbst gestellt sind und zurück zur Natur finden, haben mich schon immer interessiert. Filme wie «Cast Away» mit Tom Hanks oder «Into the Wild» von Sean Penn haben mich gefesselt. Zu meinem Insel­traum haben sie mich aber nicht inspiriert. Die Idee kam von allein. Sie hat in mir ­gekeimt. Langsam, aber unaufhaltbar.

Im ersten Monat auf der Insel war ich nur mit Überleben beschäftigt. Ich verbrachte fast den ganzen Tag damit, genügend Lebensmittel zu beschaffen: Fisch, Kokosnüsse und nochmals Fisch. Die einseitige Ernährung bescherte mir Durchfall.

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Mein Speiseplan war so dürftig, weil ich Mühe hatte, mich auf der Insel zu bewegen. An der Küste lief ich nicht etwa auf feinstem Sand, sondern auf messerscharfen Steinen. Und im Dschungel wucherten Stachelbäume und Schlingpflanzen. Oft musste ich mir Meter für Meter mit der Machete freischlagen. Im dichten Blattwerk verirrte ich mich mehrmals.

In meiner Bucht baute ich mir eine mannshohe Hütte. Ich legte Zweige im rechten Winkel übereinander und verknüpfte die Kreuzpunkte mit Rinde. Zwei solche Gitterwerke lehnte ich an den Ast eines Baums. Er bildete den Giebel meiner Behausung. Die schräg abfallenden Flächen des Holzgitters belegte ich mit Palmblättern. Nach zweieinhalb Tagen war ich fertig. Der erste Regen brachte die Ernüchterung: Das Wasser drang praktisch un­gehindert ein. Beim zweiten Versuch flocht ich die einzelnen Blätter von rund 80 Palmwedeln und schichtete diese wie Ziegel übereinander. Das funktionierte, dauerte allerdings sechs Wochen bis zur Vollendung. Aber wenn ich etwas im Überfluss hatte, dann war das Zeit.

Eigentlich wollte ich die Zeit anhalten. Mit dieser Idee war ich aufgebrochen. In einem symbolischen Akt vergrub ich ­we­nige Tage nach der Ankunft meine Uhr. Doch ich musste feststellen: Auch ohne Mess­instrument läuft die Zeit weiter. Ich nahm sie bloss anders wahr. Ich orientierte mich nicht mehr an Zeiger und Zahlen, sondern an Sonnenstand und Gezeiten.

Ich hielt mich fest an den Kerben, die ich Tag für Tag in den Stamm einer Kokospalme ritzte. Solange ich beschäftigt war, verstrich die Zeit in einem angenehmen Tempo. Nach rund 40 Kerben jedoch, als ich mehr oder weniger eingerichtet war, begann sich die Zeit vor mir auszudehnen wie das Meer, weit und unendlich. Ohne meinen Baumkalender hätte ich mich ­darin verloren.

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Doch bevor die Zeit wirklich zu einem Problem wurde, gab es zunächst eine ­andere Herausforderung: Infektionen. Ich hatte am ganzen Körper aufgerissene Haut und blutende Stellen. Von den Moskitos, den Felsen am Strand und den Gräten der Fische. Einige dieser Wunden entzündeten sich, der Puls pochte darin, und die Schmerzen hielten mich nachts wach.

Zu Hause sind kleine Blessuren nicht der Rede wert. Wenn man sechs Bootstage vom nächs­ten Spital entfernt ist, können sie ­lebensbedrohlich werden. Um eine Blutvergiftung zu vermeiden, rief ich meinen Hausarzt per Satellitentelefon an. Er erklärte mir, wie die Abszesse am besten verheilen, und empfahl mir zur Sicherheit ­Antibiotika aus dem Erste-Hilfe-Set. Bei der ersten Infektion war ich relativ schnell wieder fit, beim zweiten Mal schwoll der kleine Finger zu seiner doppelten Grösse an. Der Infekt sass tief, nahe am Knochen. Ich musste das Fleisch mit einer Nadel ­aufritzen, um den Eiter herauszupressen. 20 Tage lang konnte ich meine rechte Hand nicht gebrauchen. Ein Problem, wenn man eigentlich fischen und klettern sollte.

Doch weder Infektionen noch Hunger stellten mich wirklich auf die Probe. Das sage ich nicht, weil ich ein besonders harter Kerl bin. Irgendwie findet man immer zu essen. Entzündungen lassen sich behandeln. Zudem hätte ich im Notfall Hilfe organisieren können.

Die grösste Herausforderung begegnete mir auf mentaler Ebene. Ich machte Bekanntschaft mit der Einsamkeit. Ich wurde psychisch instabil, weil ich keine Orientierungspunkte mehr hatte.

Um mir selber nicht abhandenzukommen, führte ich Selbstgespräche. Einfach um nicht nur zu denken. Ich hatte so viele Fragen, mit denen ich allein war. Wie ­konserviert man Fisch? Wie werde ich die Moskitos los? Was soll ich morgen unternehmen? Was ist der Sinn des Lebens?

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Der Schlaf wurde zu meinem Zufluchtsort. Ich träumte von meiner Familie und meinen Freunden. Ich döste zeitweise den ganzen Tag vor mich hin. Bis ich merkte, dass ich so die Gegenwart verpasse.

Jede zweite Woche hinterliess ich per Satellitentelefon eine Audiobotschaft auf meiner Homepage. Höre ich mir heute die Berichte aus der Phase mit viel Schlaf an, macht mir meine Stimme Angst. Ich schleppe mich von Wort zu Wort, von Freude keine Spur. Dabei bin ich ein sehr positiver Mensch, immer auf dem Sprung und voller Unternehmungslust.

War ich anfangs zu schnell unterwegs und wollte alles hopp, hopp erledigen, wurde ich mit der Zeit immer langsamer. Zu langsam, um den Alltag zu bewältigen. Nach etwa drei Monaten fand ich endlich den Rhythmus der Insel – bestimmt durch Ebbe und Flut, Licht und Dunkelheit.

Ich lernte, die Zeichen der Natur zu ­lesen, und erkannte die Pfade der Wildschweine. Ich baute eine Falle. Nach Tagen befand sich darin ein winziges Ferkel. Es war bloss Haut und Knochen. Also wurde daraus kein Braten, sondern Piggy, die mir bald auf Schritt und Tritt folgte und mich mit ihrer Stupsnase immer wieder zum ­Lachen brachte.

Die Insel lehrte mich Demut. Stürzte ich mich früher Abhänge hinunter, ohne mit der Wimper zu zucken, setzte ich auf Tofua brav einen Fuss vor den anderen. Keine Kletterpartien, keine Risiken. Ein Knöchelbruch ausserhalb der Kriechweite zum Satellitentelefon hätte mein Ende sein können.

Trotz oder vielleicht gerade wegen der vielen Herausforderungen schenkte mir die Insel intensive Glücksmomente. Exorbitante Höhenflüge, ausgelöst von reifen Mangos oder einer Gruppe Norweger, die vor meiner Bucht ankerten.

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Hat mich die Insel verändert? Meine Freundin sagt, ich sei gereift, gefestigter. Vielleicht weil mich die Einsamkeit so durchgeschüttelt hat. Heute weiss ich, dass Glück relativ ist oder dass man ohne ­Gegenüber aus der Rolle fällt.

Diese Erkenntnisse möchte ich weitergeben. Darum will ich interessierte Aussteiger auf Tofua begleiten. Einzeln, versteht sich. Mein Angebot richtet sich an Manager mit Burn-out oder Millionäre, die sich alles kaufen können, aber trotzdem nicht glücklich sind. Während ihres Aufenthalts ziehe ich mich in eine andere Ecke der Insel zurück, bin aber im Notfall da. ­Interessenten gibt es bereits.

Nach meiner Rückkehr hätte ich nie ­gedacht, dass ich jemals wieder freiwillig einen Fuss auf diese Insel setzen möchte. Es war super, endlich wieder zu Hause zu sein. Bei Freunden und Familie und einem gefüllten Kühlschrank. Inzwischen vermisse ich mein Inseldasein.

Bis ich mit meinem ersten Kunden zurück auf Tofua gehe, arbeite ich als Nachtportier in einem Hotel. Während ich dort am Empfang warte, stelle ich mir vor, dass ich unter Palmen in meiner Bucht sitze – das Rauschen der Brandung im Ohr und den Geschmack von Salz auf der Zunge.