Trudi und Otto Neuenschwander schwofen an einem Waldfest im Berner Seeland und verlieben sich. 1960 wird geheiratet. Es ist das Jahr, in dem Rocco Granata mit «Marina» in den Charts landet. Das Hochzeitspaar hätte jeden für verrückt erklärt, der vorausgesagt hätte: In wenigen Jahren werdet ihr zwei Söhne haben, mit dem eigenen VW Käfer jedes Jahr im Sommer zwei Wochen in die Wanderferien fahren und am eigenen Fernsehapparat die Mondlandung schauen. Und um die 40 werdet ihr eine Wohnung in einer Neubausiedlung kaufen. Mit Einbauküche. Kühlschrank. Topmodern.

Der Mittelstand

Der Mittelstand ist der Motor der Schweiz – gesellschaftlich wie ­wirtschaftlich. Nur: Wie geht es dem Mittelstand überhaupt? Dieser Frage geht der Beobachter in einer vier­teiligen ­Artikelserie im Rahmen des Beobachter-Familienmonitors nach.

Der Beobachter-Familienmonitor wurde 2008 in Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut GfS Bern lanciert. Ziel der exklusiven Untersuchungs­reihe ist es, Aussagen über die Situa­tion und die Befindlichkeit der Familien in der Schweiz zu machen.

Die Studie
Alle Resultate der Untersuchung von gfs.bern können Sie hier herunterladen (PDF, 1,3 mb)

Und plötzlich haben alle Geld

Alles traf ein. Obwohl – reich waren Neuenschwanders nicht. Er, Landjäger, steigt später zum Fahnder bei der Kantonspolizei auf, eine Art Wachtmeister Studer. Gewiss, eine anständig bezahlte Stelle mit automatischem Lohnanstieg, und jeden Monat konnte Otto «gäng» etwas auf die Seite legen. Aber vermögend? Nein, das schmeckt anders. Trotzdem sagt Otto heute: «Finanzielle Probleme kannten wir nicht. Wir haben uns einfach nach der Decke gestreckt.» Und Trudi: «Ein Januarloch gabs bei uns nie.»

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Neuenschwanders surften wie viele Schweizer damals auf einer beispiellosen «Wohlstandswelle», wie es der Beobachter in einer repräsentativen Umfrage von 1965 formulierte. Nie zuvor wurden so viele Schweizer schneller wohlhabend als im Vierteljahrhundert zwischen 1950 und 1973. Es ist das goldene Zeitalter des Mittelstands. Das Zeitalter der Generation Gold. Nie zuvor herrschte in der Schweizer Geschichte eine derart stürmische Hochkonjunktur wie in dieser Periode. «Eine geradezu explosive Kauflust» beobachteten die Marktforscher der Beobachter-Umfrage, ja gar «das Bemühen, sich gegenseitig in der Zurschaustellung von Besitztum zu übertrumpfen».

Das Auto ist kein Luxusgut mehr

Das mag im Einzelfall wie bei Trudi und Otto Neuenschwander überspitzt formuliert sein, in der Tendenz aber trifft es zu. Von den damals gut 410000 Beobachter-Abonnenten, 40 Prozent aller Deutschschweizer Haushalte, kauften sich allein zwischen 1960 und 1965 107'000 einen Fernsehapparat. Die Zahl der Geräte in Schweizer Wohnstuben stieg von 100'000 im Jahr 1960 auf 1,6 Millionen im Jahr 1973. Private zahlten 40 Franken Fernsehgebühr, Gaststätten 120. Auch auf Autos waren die Schweizer versessen, besonders auf deutsche Marken wie Opel und VW, aber auch auf kleine Wagen von Peugeot, Simca und Fiat. Fast jeder zweite Beobachter-Haushalt besass 1965 ein Auto, das sich vom Luxus- zum Allerweltsgut wandelte. Der Benzinverbrauch in der Schweiz verdoppelte sich zwischen 1960 und 1970, und die Zahl der Autos verneunfachte sich zwischen 1950 und 1970.

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Nur wer Geld auf der hohen Kante hat, investiert in langlebige Güter. Ihre Wohnwand hatten Neuenschwanders 30 Jahre lang. Und es investiert nur, wer optimistisch in die Zukunft blickt. Ab der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre glaubten die Menschen an die Dauer und Solidität dieses Aufschwungs. Keineswegs selbstverständlich, denn viele erinnerten sich noch an die Entbehrungen im Krieg; erst 1948 war die Lebensmittelrationierung aufgehoben worden. Ab den sechziger Jahren steigerte sich dieses Gefühl des Aufschwungs zu einem nahezu alle Bereiche der Gesellschaft durchdringenden Optimismus. Man träumte den Traum vom immerwährenden Boom. Nicht mehr Entbehren war angesagt, sondern Begehren. Die Reallöhne stiegen weit stärker als die Lebenshaltungskosten. Im Kanton Zürich verdoppelte sich das Realeinkommen pro Kopf zwischen 1950 und 1970. Breite Bevölkerungsschichten profitierten vom Wachstum, konnten sich ein mittelständisches Leben leisten.

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Stoffwindeln und gestrickte Kleider

Der einzigartige materielle Zuwachs fiel auch den Machern der Beobachter-Studie von 1965 auf, die die gleiche Umfrage bereits 1950 und 1960 durchgeführt hatten: «Es handelt sich um ein echtes Upgrading, eine wahre Wohlstandssteigerung», notierten sie enthusiastisch. Ein weiteres Indiz: In den fünf Jahren bis 1965 hatte sich der Kreis jener Beobachter-Abonnenten, «die jeden Rappen umdrehen müssen», von 28 auf 10 Prozent verkleinert. Es waren Pensionierte, ungelernte Arbeiter und Angestellte mit vielen Kindern. Die Ökonomie der Knappheit, wo es stets zu haushalten und zu rechnen gab, verflüchtigte sich für den unteren Mittelstand und für Teile der Arbeiterschaft zugunsten einer Ökonomie des Überflusses.

In Gewerbe und Industrie rückten Schweizer Arbeitnehmer massenhaft zu Vorgesetzten auf. «Die Chance, in eine Leitungsposition zu gelangen, war in der langen Wachstumsperiode, zumal für Männer, besonders gut», schreibt der Historiker Mario König. Das Arbeiterheer aus dem Süden, vor allem Italiener, musste ganz unten anfangen – und blieb unten. Als Saisonniers hatten sie keine Chance auf Aufstieg. Es war ein ständiges Kommen und Gehen. In der Krise wurden sie dann ab 1974 wieder nach Hause geschickt. Die Arbeitslosigkeit wurde exportiert.

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Das alles heisst nicht, dass Trudi und Otto Neuenschwander die gebratenen Tauben in den Mund geflogen wären. Nein, Hausfrau Trudi schrubbte und wrang, trotz Technisierung und Rationalisierung im Haushalt, noch jeden Tag die Stoffwindeln von Hand. Den Waschküchenschlüssel gabs in der Mietwohnung nur alle 14 Tage. Trudi strickte Kleider, zog eigenes Gemüse im Garten, den man bei einem Bauern gepachtet hatte, kochte, putzte, plante den Einkauf. Und man wohnte jahrelang zu viert in einer Drei-Zimmer-Dienstwohnung: Der Grössere schlief im Büro des Vaters, der Kleine im Elternschlafzimmer. An den Abenden half Trudi als Serviertochter in der Dorfbeiz aus. «Wir waren nicht verwöhnt.» Arbeit war die Bauerntochter gewohnt. Der Unterschied zu früher: Mühe und Fleiss zahlten sich nun aus. Man konnte sich endlich etwas leisten fürs Geld.

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Rivella und Riz Casimir

Etwa Ferienvergnügen. Noch 1950 machte nur jede zweite Deutschschweizer Familie Sommerferien, 1965 war das bereits für 80 Prozent normal. Neuenschwanders zog es jeden Sommer 14 Tage in die Bündner Berge: Arosa, Sent, Klosters. Man mietete eine Wohnung, kochte selber, wanderte und brätelte zum Mittag eine Wurst am Stecken über dem offenen Feuer. Den Tee gabs aus der Thermoskanne, ab und an, als Höhepunkt, zischte ein Rivella für die beiden Sprösslinge. Aber nur eines.

Strandferien leistete sich erst eine Minderheit. Das Ehepaar Neuenschwander war einmal, 1963, noch bevor die Kinder auf der Welt waren, in Follonica in Italien. Das Land der Zitronen und der Pasta war damals die Topdestination der Schweizer Mittelständler. Man wohnte in Holzbungalows am Strand, ass Spaghetti als ersten Gang.

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Überhaupt: das Essen. Von Italien importierten die Schweizer auch neue Speisen. Seit den fünfziger Jahren gab es in der Schweiz diese merkwürdigen italienischen Teigtaschen zu kaufen: Ravioli in Dosen. Die Essgewohnheiten veränderten sich rapide. Weniger Kartoffeln als noch in der Zwischenkriegszeit wurden gefuttert, dafür mehr Weissbrot, Butter, Zucker, Fleisch. Und Südfrüchte. Riz Casimir war der Inbegriff von Exotik und Moderne: Parboiled Rice, Kalbsgeschnetzeltes, Ananas und Banane, Herzkirsche aus der Dose. Und Rahm.

Im ersten Selbstbedienungsladen der Schweiz verkaufte die Migros ab 1948 gebratene Poulets in Frischhaltefolien, Karotten und Erbsen in Dosen und Fertigsuppen. Seit 1958 produzierte Zweifel Pommes Chips, damit die Hausfrau nicht mehr Kartoffeln schälen musste. Und 1960 kam der Instant-Kartoffelstock auf den Markt. 1970 öffnete das Shoppingcenter Spreitenbach – die Tante-Emma-Läden und «Kolonialwarenläden» starben dagegen einen leisen Tod. Sie hatten keinen Platz mehr in der Konsumgesellschaft mit anonymer Selbstbedienung.

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Rauchen ohne schlechtes Gewissen

Genauso beispiellos wie die breite Teilhabe am Konsum war für den Mittelstand der neue Zugang zu Gymnasien und Universitäten. Von 1954 bis 1976 verdreifachte sich die Schülerzahl an den kantonalen Zürcher Gymnasien auf über 12'000. Erstmals war es auch Arbeiterkindern möglich zu studieren, doch «die Masse der neuen Studierenden stammte aus der breiter werdenden gesellschaftlichen Mitte», schreibt Historiker Mario König. Auch ein Sohn von Neuenschwanders wurde Akademiker.

Neidvoll blickt man heute auf die Generation Gold. Ohne schlechtes Gewissen konnte die mit ihrem Opel Kadett über die Autobahn brettern, ohne schlechtes Gewissen rauchen – aus heutiger Sicht ist es schier unglaublich, wie unbekümmert in der Reklame von damals und im Fernsehen gepafft wird. Auch blickt die heutige Generation Praktikum neidvoll auf die Vollbeschäftigung von damals. Und wer einen Job hatte, hatte den in der Regel erst noch ein Leben lang, musste sich nicht ständig neu erfinden. Schweben heute junge Arbeitnehmer nicht selten in der ständigen Warteschleife, hangeln sich von Provisorium zu Provisorium, arbeitete man früher sozusagen in der Endlosschleife. Ein Beruf reichte noch fürs ganze Leben.

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Das Leben im Überwachungsstaat

Merkmal der Endlosschleife ist aber die Gleichförmigkeit. Die Kleinfamilie mit ein oder zwei Kindern war das vorherrschende Modell, das Sag- und Denkbare eng festgezurrt. Kulturell und gesellschaftspolitisch verharrte der explodierende Mittelstand in den dreissiger Jahren. Der Kalte Krieg war willkommener Vorwand, die geistige Landesverteidigung umzupolen auf den Antikommunismus. Wer Abweichendes zu sagen wagte, wurde fichiert. Der Überwachungsstaat observierte, wie 1989 herauskommen sollte, fast eine Million Personen und Organisationen als Staatsfeinde.

Derweil präsentierte Heidi Abel im Fernsehen Schlager mit Caterina Valente, und Sänger Louis Prima schmachtete sein «Buona Sera» ins Rundfunkmikrophon. Historiker schildern das Zeitalter als konformistisch, muffig, eng. Fluchtpunkt der Gesellschaft war einzig der Glaube an das Wachstum. Es galt, sich so früh wie möglich in den Strom der Erwachsenen einzugliedern – die Frau als Ehepartnerin und Mutter, der Mann als Ernährer und Familienoberhaupt. Eine weltläufige Firma wie die Schweizer Rückversicherung verbot in der Kantine bis 1957 gemischte «Damen-Herren-Tische». 1959 wurde das Frauenstimmrecht auf Bundesebene von den Männern in einer Volksabstimmung abgelehnt – ohne dass das einen Aufschrei der Frauen nach sich zog; ausser der Schweiz kannte nur das diktatorische Portugal kein Frauenstimmrecht. Ironischerweise wurde das Auto, Symbol der Mobilität, zum Statussymbol einer immobilen Gesellschaft. Das goldene Zeitalter des Mittelstands war auch das Biedermeier des 20. Jahrhunderts.

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Die Ölkrise 1973 verändert alles

Als 1973 das mächtige Kartell der erdölexportierenden Länder den Barrelpreis von 2,1 auf 35,2 Dollar trieb, kam der Schock. Mit Autos, Heizungen und Plastikgütern war der neue Mittelstand extrem abhängig vom schwarzen Gold geworden. Der Ölpreisschock markiert das Ende der billigen Energie, der Hochkonjunktur und den Beginn einer Weltwirtschaftskrise.

Heintje, damals populärer Schlagersänger im Knabenalter, feierte kurz zuvor mit «Heidschi Bumbeidschi» Erfolge: «Wirst sehen, wie schnell alle Sorgen vergehen», sang er – und täuschte sich. Die Sorgen sollten so schnell nicht vergehen. Vor allem aber: Das beispiellose Wachstum, an das man sich gewöhnt hatte, verschwand 1973 auf Nimmerwiedersehen. Es war das Ende des Zeitalters der Generation Gold. Oder in den Worten von Trudi Neuenschwander: «Es isch nömme die Zyt vo albe.»

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