Beobachter: Frau Strahm, sind Sie solidarisch?

Silvia Strahm Bernet: Ja, so gut es geht.

Beobachter: Wann das letzte Mal?

Strahm Bernet: Gestern, als ich meinen Parteibeitrag einzahlte.

Beobachter: Halten Sie die Schweiz für solidarisch?

Strahm Bernet: Wenn es um freiwillige Unterstützung und finanzielle Zuwendungen geht, dann gibt es viel Erfreuliches zu verzeichnen. International gesehen ist die Schweiz aber eher eine Rosinenpickerin, die stark auf den eigenen Vorteil bedacht ist.

Beobachter: Wer kommt zu kurz?

Strahm Bernet: Alle! Es gibt stets mehr Probleme, die nach Solidarität verlangen, als im Alltag solidarisch gelöst werden. Anderseits ist es unmöglich, mit allen solidarisch zu sein, die der Solidarität bedürften. Der Anspruch, sich mit allen zu solidarisieren, ist eine Überforderung.

Beobachter: Damit liefern Sie Egoisten einen idealen Vorwand.

Strahm Bernet: Nein. Man kann zwar nicht gegenüber allen und allem Solidarität zeigen, aber alle können in irgendeiner Weise solidarisch sein: mit der georgischen Familie, die ausgeschafft werden soll; mit Naturschützern, die ein gefährdetes Gebiet retten möchten; mit Jugendlichen, die einen Treff aufbauen wollen. Die grundlegende Idee der Solidarität besteht ja darin, frei zu wählen, mit wem man sich verbunden fühlt, für was man Verantwortung übernehmen möchte. Diese Befähigung haben alle, gerade in einer freiheitlichen Gesellschaft wie der unseren.

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Beobachter: Nur scheinen immer weniger diese Wahl zu treffen: Landauf, landab wird über die zunehmende Entsolidarisierung geklagt eine Verkennung der realen Verhältnisse?

Strahm Bernet: Ja. In Tat und Wahrheit nimmt die Solidarität zu. Nur wird vieles in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, weil es immer mehr Gruppen und Anliegen gibt, mit denen man sich solidarisieren kann. Wird hingegen die Behinderteninitiative abgelehnt, bleibt nur der Eindruck zurück, in der Schweiz schwinde die Solidarität rapide.

Beobachter: Dann ist die Individualisierung also keine Gefahr für die Solidarität?

Strahm Bernet: Im Gegenteil, die Vereinzelung fördert das Bedürfnis nach Gemeinsinn. Denn kaum ein Mensch kann ohne soziale Beziehungen wirklich gut leben. Allerdings braucht es den Willen zu erkennen, dass man auf andere Menschen angewiesen ist. Dann erst wächst auch die Bereitschaft, sich für andere einzusetzen.

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