«Wie Realp in zehn Jahren aussieht? Ich wage nicht, daran zu denken!» Roland Simmen ist nicht der Typ, der auf Optimismus macht, wenn die Tatsachen anders aussehen. Was der 48-jährige Gemeindepräsident über das Urner Bergdorf zwischen Gotthard und Furka erzählt, tönt in der Tat nicht gut. Militär und Bahn ziehen sich als Arbeitgeber immer mehr zurück – und nehmen die Leute mit: Innert kurzer Zeit ist die Einwohnerzahl von 230 auf 170 gesunken. Die Neuansiedlung von Gewerbebetrieben hat sich als aussichtslos erwiesen. Es gibt in Realp noch einen einzigen Landwirt, und Gaby Simmen, die den Dorfladen führt, denkt laut übers Aufhören nach.

Und jetzt noch das: Ab 2003 müssen die Realper Kinder in Andermatt zur Schule gehen. Es lohnt sich nicht mehr, für die zehn Kinder in sechs Klassen einen eigenen Primarschulbetrieb aufrechtzuerhalten. Ein Stich ins Herz von Roland Simmen: «Mit den Kindern geht das Leben aus dem Ort. So ist das hier bald nur noch wie in einer sterilen Feriensiedlung.»

Mit diesem unliebsamen Szenario ist Realp nicht allein: Jede zweite Berggemeinde ist aufgrund ihrer Strukturschwäche längerfristig nicht überlebensfähig. Das zeigt eine neue Untersuchung, die Agrarökonomen der ETH Zürich im Rahmen der Entwicklungsinitiative Moving Alps in den grossen südlichen Gebirgskantonen Graubünden, Tessin und Wallis durchgeführt haben. Das harte Urteil betrifft 329 Dörfer mit 188'000 Einwohnern, die beinahe zwei Drittel der Fläche im Untersuchungsgebiet ausmachen. Bedroht sind in erster Linie die Agrar- und Randgemeinden – was nicht minder drastisch auch für den nördlichen Alpenraum gilt.

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In der Randgemeinde Realp, zuhinterst im Urserental gelegen, ist das langsame Ableben eines Lebensraums offensichtlich. Aktivität gibts nur am Bahnhof: Ein paarmal am Tag fahren Autos vor, um auf den Zug durch den Furkatunnel verladen zu werden.

Bevor der Zug das Dorf hinter sich lässt, kommt er an der wichtigsten Zukunftsinvestition vorbei, die sich Realp in den letzten Jahren geleistet hat: ein Golfplatz – Ausdruck davon, dass «der Tourismus unser einziges Potenzial ist», wie Roland Simmen sagt. Dass sich aber für die freie Stelle des Greenkeepers kein Einheimischer interessierte, hat dem Gemeindepräsidenten zu denken gegeben. «Es liegt doch an uns selber, unser Dorf am Funktionieren zu erhalten.»

Zunehmende Resignation
Der Zusammenhalt und das Bekenntnis zur eigenen Scholle: Darauf baut Roland Simmen nach wie vor. Dem Feldweibel bei den Festungswächtern ist aber klar, dass Realp immer weniger Argumente hat. Die Jungen verzichten für ihr Heimatdorf nicht auf die interessanten Stellen, die sie nur noch im Unterland finden. «Und wer einmal gegangen ist, kommt nicht wieder.»

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Was bleibt, ist das Prinzip Hoffnung. Vielleicht bringt der neue Armeesportstützpunkt in Andermatt gewisse Impulse. Vielleicht findet sich in irgendeiner Kasse doch noch das Geld, um die Strasse ins Tal wintersicher zu machen. Das wurde den Realpern schon oft zugesichert – passiert ist nichts. «Für uns macht sich eben niemand stark», stellt Roland Simmen desillusioniert fest.

Immerhin hat das politische Uri gemerkt, dass die Resignation in den strukturschwachen Bergdörfern wächst. Im April wurde im Landrat eine Motion des CVP-Politikers Franz Stadler für ein Konzept zur nachhaltigen Förderung des Urner Berggebiets einstimmig überwiesen. In der Debatte hatte Stadler der Regierung auch explizit die Tabufrage gestellt: Gibt es Regionen, die sich nicht mehr halten lassen? «Das gehört doch auch einmal auf den Tisch», sagt er unmissverständlich. «Es ist eine Frage der Ehrlichkeit den Leuten gegenüber, die dort leben.»

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Und die Zeit drängt, das steht für Stadler fest: «Die Lage ist dramatisch – es ist zwölf Uhr, nicht mehr fünf vor.» An Belegen dafür fehlt es im Kanton nicht. Etwa Meien an der Sustenstrasse: Seitdem vor zwei Jahren die Schliessung der Filialschule beschlossen wurde, liegen sich eine kämpferische Einwohnergruppe und die zuständigen Behörden in den Haaren. Die Atmosphäre im 90-Seelen-Ort ist vergiftet. Und das nunmehr leer stehende Schulhaus, das 1988 nicht zuletzt durch Spenden von Gemeinden im Unterland gebaut wurde, ist vom Zeichen des erhofften Aufschwungs zum Symbol des unausweichlichen Niedergangs geworden.

Eine Schulschliessung ist für den labilen Mikrokosmos eines Bergdorfs mehr als bloss ein Verzicht auf eine lieb gewonnene Einrichtung: «Es ist der Anfang vom Ende.» Diese unmissverständliche Einschätzung stammt von Peter Rieder, Professor am Institut für Agrarwirtschaft der ETH Zürich. Er sagt das nicht aus dem hohlen Bauch heraus. Der Wissenschaftler, selber ein Bergler, befasst sich in seiner Forschungstätigkeit seit langem mit Entwicklungsfragen für Berggebiete.

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Als Standard gilt sein Dorfmodell für landwirtschaftlich geprägte Gemeinden. Demnach muss eine dörfliche Gemeinschaft die kritische Grösse von 500 Einwohnern erreichen, um aus eigener Kraft zu überleben. Eine bittere Erkenntnis für jene, die unter dieser Schallgrenze liegen und sich demzufolge in einem längerfristig aussichtslosen Existenzkampf abmühen. Doch Peter Rieder sagt: «Wir dürfen die Augen vor den Folgen des anhaltenden Strukturwandels nicht verschliessen.»

Am Anfang sind die Bauernhöfe
Die Maxime des Dorfmodells: genügend gesunde Bauernbetriebe, die sich zu Milch- oder Fleischverwertungsgenossenschaften zusammenschliessen. Dies vermag Gewerbe- und Dienstleistungsbetriebe anzuziehen und ermöglicht eine soziale Infrastruktur am Ort. Diese Einrichtungen wiederum können nur erhalten werden, wenn eine ausreichende Anzahl Personen sie benützt – eben 500.

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Erfolgreich getestet wurde dieser Ansatz in Vrin GR, das als einst totgesagtes Bergdorf mit Hilfe der ETH-Ökonomen wieder auf die Beine gekommen ist. Symbol des frischen Windes in der Lugnezer Gemeinde ist eine genossenschaftlich organisierte Metzgerei, in der lokale Fleischprodukte hergestellt werden. Der auswärtige Zwischenhandel geht leer aus, die Wertschöpfung bleibt im Ort. Und Vrin hat wieder die Energie, um zu funktionieren und zu wachsen.

Das wird andernorts Wunschdenken bleiben. Denn die jüngste Erhebung der ETH zeigt in aller Deutlichkeit auf, dass die Kluft im Gebirge immer tiefer wird: hier die florierenden Fremdenverkehrsorte und die Wohngemeinden nahe den regionalen Zentren, dort die schrumpfenden Kleinstdörfer, die zusehends im Abseits stehen. Randregionen innerhalb der Randregion.

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Keine Chancengleichheit mehr
Das Projekt Moving Alps will durch eine ausgeklügelte Analyse der noch vorhandenen wirtschaftlichen Kreisläufe Anstösse geben, wie diese Orte auf der Verliererseite den Anschluss wiederherstellen können. Im Versuchsgebiet Bergell tragen die Bemühungen erste Früchte: Ein Gewerbezentrum mit modernsten Kommunikationsmedien ist im Entstehen – neue, qualifizierte Arbeitsplätze für das entlegene Tal mit seinen 1700 Bewohnern.

Davon kann Barbara Kehrli, seit letztem Dezember Gemeindepräsidentin von Gadmen im Berner Oberland, nur träumen. Denn dann müsste ihr Sohn, ein Computerfreak, seine Ausbildung vielleicht nicht auswärts absolvieren. Kehrli erlebt im eigenen Umfeld, was die Zukunft des in fünf Fraktionen zersplitterten Dorfs am Fuss des Titlis so fraglich macht: «Für initiative Jugendliche hat es hier keine beruflichen Perspektiven. Sie sind fast schon gezwungen abzuwandern.» Die Chancengleichheit sei nicht mehr gegeben, klagt die 40-Jährige. «Dabei können unsere Kinder nichts dafür, in einer Randregion geboren worden zu sein.»

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Seit die Anlagen der Kraftwerke Oberhasli, die einst Arbeit und Einkommen brachten, weitgehend automatisiert betrieben werden, sind Arbeitsplätze ein rares Gut im Gadmertal. So ist die Zahl der Landwirtschaftsbetriebe seit 1983 von 36 auf zwölf zurückgegangen; genügend Ertrag werfen nur die wenigsten ab. Auch die spärlichen touristischen Einrichtungen sind durch Verkäufe oder Konkurse in den letzten Jahren unsanft durchgeschüttelt worden. Umso tragischer: Wenn denn mal eine Stelle zu vergeben ist, dann schlägt der Standortnachteil voll durch. «Wir suchen dringend eine Lehrperson für die Oberstufe», erzählt Barbara Kehrli. «Doch niemand will hierher kommen.»

Am meisten belastet Gadmen mit seinen noch 277 ständigen Einwohnern die finanzielle Situation. Der Kanton hat die Hand aufs Gemeindebudget gelegt und strenge Vorgaben gemacht. «Wir laufen auf dem letzten Zacken», so die Gemeindepräsidentin. «Etwas Unvorhergesehenes darf nicht passieren.» Nicht zuletzt leidet die Gemeinde mit einer Pro-Kopf-Verschuldung von rund 7000 Franken am Unterhalt der Infrastruktur. Für die teure, weil weitverzweigte Wasserversorgung, die kürzlich ausgebaut wurde, müssen exorbitante Gebühren erhoben werden. Und die überdimensionierte Truppenunterkunft ist so schlecht ausgelastet, dass die Kosten davonlaufen.

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In Gadmen, das im Jahr der Berge mit der Selbstauflösung kämpft, steht auch eine moderne Turnhalle, die keinen Vergleich zu scheuen braucht. Das ist nicht untypisch und widerspiegelt die Regionalpolitik des Bundes: Seit 1974 wurden rund 2,4 Milliarden Franken an Investitionshilfen aufgewendet, um das Berggebiet flächendeckend mit Basisinfrastruktur auszustatten. Die jüngsten Entwicklungen – namentlich der Abbau von über 20'000 Stellen durch die Konzentration des Service public – zeigen aber: All die subventionierten Strassen, Hallen und Schulhäuser können nicht verhindern, dass sich weite Teile des Gebirgsraums entleeren. Eine ernüchternde Bilanz.

Das sieht auch Thomas Egger so, der Direktor der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB). Doch er relativiert: «Ohne die Investitionshilfen wäre die Entwicklung noch schlimmer verlaufen. Die Grundversorgung im Berggebiet konnte wesentlich verbessert werden.» Angesichts der heutigen Anforderungen sei die bisherige Regionalpolitik mit ihren zum Teil ungenügend koordinierten Instrumenten jedoch zu unflexibel.

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Egger plädiert deshalb für eine Neuorientierung: weg vom Giesskannenprinzip, hin zu mehr Selbstbestimmung der Bergregionen. Dazu würde vom Bund ein Globalbudget gesprochen, das in den einzelnen Regionen entsprechend den jeweiligen Anforderungen verwendet werden könnte. Im Detail muss die Politik diesen Ideen erst noch folgen. Doch die Richtung ist für den SAB-Direktor klar: «Die Initiative für eine nachhaltige Entwicklung muss von innen kommen. Es gibt kein Patentrezept für das ganze Berggebiet.»

Notgedrungenes Handeln
Ansätze zur geforderten Selbsthilfe sind in allen Schattierungen vorhanden – kein Wunder angesichts des Handlungsbedarfs. So engagieren sich über 80 Schweizer Gemeinden im Netzwerk «Allianz in den Alpen», das die Umsetzung der Alpenkonvention auf kommunaler Ebene zum Ziel hat. Dies mitunter mehr aus Not denn aus Überzeugung. «Wenn wir nichts tun, wird es mit Garantie nicht besser», sagt etwa Thomas Kollegger, Gemeindepräsident von Alvaneu GR im Albulatal. Dort versucht man, mit einem ehrgeizigen Wasserwegprojekt dem Tourismus wieder auf die Sprünge zu helfen und so den Weg aus der Krise zu finden. Obs gelingt, ist offen.

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Auch Urs Brandenburger kann sich nicht über mangelnde Arbeit beklagen.

Bei ihm melden sich Berggemeinden, die «einen Leidensdruck verspüren». Der selbstständige Projektberater moderiert daraufhin mit Leuten aus dem Ort eine Zukunftskonferenz, bei der mögliche Lösungen für die jeweilige Problemstellung entwickelt werden. Ein aktuelles Beispiel ist das Impulsprogramm für das bündnerische Safiental.

Manche der so angestossenen Massnahmen gelingen, andere versanden – der Kampf ums Überleben im Berggebiet ist eine Sisyphusarbeit. Dazu kommt, dass die Verantwortung, die Umsetzung der Ideen voranzutreiben, häufig auf den Schultern von einigen wenigen initiativen Leuten im Dorf liegt. «Das ist eine Belastung, die man nicht ewig aushält», weist Brandenburger auf eine latente Gefahr hin.

Barbara Kehrli aus dem Gadmertal, die sich als Auswärtige und erstes weibliches Gemeindeoberhaupt die Anerkennung erst hat verschaffen müssen, ist eine dieser Leaderfiguren, auf denen die Hoffnungen ruhen. Ihr Wille, die Dinge in die eigenen Hände zu nehmen, ist ausgeprägt. Im Gespräch sprudelt sie förmlich vor Ideen, wie man den Fremdenverkehr beleben könnte. Oder wie doch noch etwas Geld für die Englischlektionen der Schulkinder aufzutreiben wäre.

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Doch bei allem Optimismus ist sich Barbara Kehrli sehr wohl bewusst, dass die Realitäten im Dorf, vor allem die drastische Überalterung, geringen Anlass zur Zuversicht geben. In die Zukunft blickt sie denn auch genauso ungern wie ihr Kollege ennet der Berge in Realp: «Wie Gadmen in zehn Jahren aussieht? Ich wage nicht, daran zu denken!»