«Meine Eltern fanden Anfang Jahr, das Velofahren sei für mich zu gefährlich, weil ich ein paarmal gestürzt bin und zum Arzt musste. Das Fahren ging ja. Aber beim Auf- und Absteigen oder wenn ich langsam fuhr, bekam ich Probleme mit dem Gleich­gewicht. Ich wurde putzverruckt, als sie mir das Velo wegnehmen wollten. Ich brauche doch mein Velo! Damit fahre ich zur Arbeit, zum Osteopathen, zum Einkaufen, mache Velotüürli. Wenn ich genug Energie habe, gehe ich auch ins Kino, ins Theater oder nach St. Gallen. Und im Jazzclub Rorschach bin ich Member. Das Velo ist ein Stück Freiheit. Ohne wäre mein Aktionsradius massiv eingeschränkt.

Als meine Eltern mit der Idee des Dreirads kamen, ging mir der Laden runter. Ich bin doch kein Schwerbehinderter! Aber im Geschäft sah das Gefährt einfach heiss aus. Ich setzte mich drauf, gab Gummi und düste nur so um die Verkehrskreisel. Es läuft prima. Ich arbeite halbtags in der Werkstatt. Das ist nicht immer leicht. Mit den Händen bin ich teilweise überfordert, im Kopf aber unterfordert. Bei den anderen ist es genau umgekehrt. Und wenn man dann Luftfilter zu Hunderttausenden zusammenkleben muss, steht es einem irgendwann bis hierhin. Arbeiten ist trotzdem okay. Da kann man öfter mal ein Wort wechseln.

Mit meiner Krankheit geht es manchmal ganz gut. Wenn ich aber schlecht schlafe, fühle ich mich angeschlagen. Dann ist alles ein Krampf, das Laufen, die Bewegungen. Manchmal hast du einen Taucher, das ist halt so.

In Deutschland gilt mein Velo als Therapierad. In der Schweiz wollten IV und Krankenkasse nichts zahlen. Ich könne ja eine halbe Stunde am Stück gehen und den öffentlichen Verkehr benutzen. Als ob das ausreicht! Meine Eltern streckten mir dann das Geld fürs Velo vor; eigentlich war es ja für ihre neue Haustür vorgesehen gewesen. Bei meiner Krankheit ist es so: Wenn ich etwas nicht mehr mache, verliere ich diese Fähigkeit für immer. Das wäre auch mit dem Velofahren so gewesen.»

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