SOS Beobachter unterstützt Leute, die es nötig haben. Etwa die Eltern der zehnjährigen Franziska Walthard, Bergbauern am Rande des Existenzminimums: Franziska hat sich als Baby mit heissem Wasser verbrüht und muss immer wieder operiert werden. SOS Beobachter zahlte etwas an die Kosten für die Betriebshilfe, die einspringt, wenn die Mutter bei ihrer Tochter am Spitalbett weilt.

Melanie Meier, 56, wegen ihrer Rheumakrankheit seit neun Jahren IV-Rentnerin, erhielt etwas an ihr Generalabonnement, damit sie Freunde und Verwandte besuchen kann.

Und Mike Häfliger, 43, der seit 16 Jahren im Aargau in einem Indianerzelt lebt, konnte dank einem Zustupf ein neues Zelt bauen – das alte war im vergangenen Sommer abgebrannt.

«Zum Glück ist meine ­Mutter im Spital ständig bei mir gewesen.»

Quelle: Tomas Wüthrich

«Das war Horror, was damals geschah», erinnern sich Lilian und Hansueli Walthard an den Tag, als ihre acht Monate alte Franziska die heisse Wasserpfanne vom Herd riss. Wie sie mit dem schreienden und wimmernden Baby ins Spital nach Interlaken fuhren und von dort mit dem Helikopter nach Zürich ins Zentrum für brandverletzte Kinder flogen. «Zum Glück war Fränzi ‹nur› zu 20 Prozent verbrannt», sagt die 50-jährige Bäuerin.

Etliche Operationen folgten, viele Wochen Spital. Zu Hause herrschte das Chaos, der Alpaufzug stand bevor. «Irgendwie haben wir das aber alles überstanden», sagt Lilian Walthard mit einem dankbaren Lachen. Und auch die folgenden Eingriffe. Die jüngste Operation war nötig, damit die Brust des heute zehnjährigen Mädchens wachsen kann.

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Fünf kleine Stofftiere hängen heute an einer Schnur bei Franziska im Zimmer. Jedes steht für eine Phase grosser Tapferkeit, die sie im Kinderspital Zürich bewiesen hat. Das letzte Stofftier haben Ärzte und Krankenschwestern Franziska letzten September gegeben. Sieben Wochen musste sie im Zentrum für brandverletzte Kinder liegen. Während dieser Zeit wurde ihr Haut vom Rücken auf die grossen Brandnarben an Bauch und Arm transplantiert.

Die Fortschritte machen das Mädchen stolz

Sieben Wochen liegen, sich kaum bewegen, mehrere Narkosen, Schmerzen: «Zum Glück ist meine Mutter ständig bei mir gewesen», sagt Franziska. Dass Lilian Walthard ihre Tochter begleiten konnte, ermöglichte die Stiftung SOS Beobachter. Sie zahlte 1246 Franken an den Lohn für eine Betriebshelferin auf dem kleinen Bauernbetrieb. Einen Ausfall der Arbeitskraft hätte sich die Familie nicht leisten können. Walthards haben noch drei erwachsene Söhne und leben als Milchbauern im Berggebiet knapp am Existenzminimum. Die finanziellen Folgen des Unfalls der kleinen Franziska vor fast zehn Jahren kann die Familie kaum selber tragen.

In der kleinen, bescheidenen Küche des Bauernhauses über dem Brienzersee sind Zürich und das Spital an diesem Tag weit weg. «Mmh, es gibt meine Lieblingssuppe!», ruft Franziska. Es ist Mittagszeit, die Gemüsesuppe dampft in der Schüssel. Die Familie sitzt am Tisch, der See glitzert zwischen den Bäumen. Und aus Franziska sprudelt es: Sie erzählt von der Papiersammlung im Dorf, von der bevorstehenden Turnstunde, freut sich auf den Ausflug an die BEA, die Ausstellung für Gewerbe, Landwirtschaft und Industrie, am folgenden Tag. Sie streift die Velotour bei strömendem Regen von vergangener Woche, hüpft von einem Thema zum anderen: ein fröhliches Mädchen. Nichts deutet darauf hin, dass der braunhaarige Wirbelwind auch eine schwere Zeit hatte.

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Unter dem Ärmel ihres Pullovers blitzen Teile eines elastischen Gewands hervor. Das muss sie tragen, damit die transplantierte Haut gut verheilen kann und die Narben nicht zu wuchern beginnen. «Heute Nachmittag lasse ich es zu Hause. Wir haben zwei Stunden Turnen, das wird sonst zu heiss.» Franziska zieht das Gewand aus. Darunter werden die grossen Brandnarben sichtbar, die sich über den ganzen Bauch bis zur Brust und über die Oberarme ziehen. Franziska ist stolz, dass viele rote Stellen nun schon blass werden, freut sich über die Fortschritte des Heilungsprozesses. Und schon ist das Mädchen aus der Küche – ab in die Turnstunde unten im Dorf.

Im September muss Franziska wieder in die Kontrolle, dann zeigt sich, ob die Hauttransplantation gelungen ist. Dazwischen liegt noch ein Sommer auf der Alp: «Das liebt Fränzi», sagt Lilian Walthard. Eine unbeschwerte Zeit. Ja, heute sind Walthards einfach zufrieden, dass es ihrem Mädchen so gut geht. Dass nach den jährlichen Kontrollen und etlichen Operationen nun bald Ruhe einkehren darf.

«Ich hatte das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. Das war das Schlimmste.»

Quelle: Tomas Wüthrich
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Der erste Eindruck trügt: Die kleine, zerbrechlich wirkende Melanie Meier ist eine Kämpfernatur. Und eine Frau mit viel Humor, in ihren Augen blitzt der Schalk. Auch ihre Bilder zeugen von innerer Kraft; grossflächig leuchtende Farben. Manche Werke zeigen verschwommene Landschaften, andere gegenstandslose Malerei. «Mein Humor und das Malen sind zwei wichtige Stützen in meinem Leben», sagt die 56-Jährige. Beinahe hätte sie beides verloren.

Seit ihrem 20. Lebensjahr leidet Meier an Morbus Bechterew, einer rheumatischen Erkrankung, die mit starken Schmerzschüben einhergeht. Erst nach drei Fehldiagnosen – unter anderem Krebs – war klar, dass sie an der Krankheit leidet, die zunehmend die Beweglichkeit der Wirbelsäule einschränkt. Trotzdem hat Meier zwei Söhne allein grossgezogen und war immer berufstätig – auch wenn sie sich nicht mehr erinnern kann, wann sie das letzte Mal länger als zwei Stunden am Stück geschlafen hat, ohne dass die Schmerzen sie wach gehalten hätten. Irgendwann aber waren die Energiereserven aufgebraucht, die Krankheit weiter fortgeschritten. Hinzu kam eine Blutarmut: Die gebürtige Churerin konnte nicht mehr arbeiten und bezieht seit 2001 eine IV-Rente.

Dann kam es Schlag auf Schlag: Die langjährige Beziehung ging in die Brüche, die Söhne flogen aus, neue Krankheitsschübe. «Ich hatte das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. Das war das Schlimmste.» Melanie Meier wollte wieder arbeiten, um eine sinnvolle Beschäftigung zu haben. Doch niemand stellte die IV-Bezügerin ein. «Alle befürchteten, ich würde ständig krank sein.» Das Malen war das, was blieb. Und die Möglichkeit, mit ihrem Generalabonnement im ganzen Land unterwegs zu sein, Freunde und die Familie zu besuchen, die ihr eine wichtige Stütze sind. Auch für Therapien und Arztbesuche ist sie auf den öffentlichen Verkehr angewiesen.

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Die Notlage führte in die Schuldenfalle

Eine Zeitlang hatte Melanie Meier ihre Pensionskassengelder genutzt, um ein bisschen mehr als die IV-Rente zu haben und sich die Malerei und das GA zu leisten. Doch dann war das Konto leer. Nach den ersten Schulden wurde ihr bewusst: Es konnte so nicht weitergehen. «Es fiel mir sehr schwer, um Hilfe zu bitten», sagt sie. Pro Infirmis habe ihr gezeigt, wie sie ein Budget erstellen musste. Seitdem habe sie gelernt zu sparen, und ein Teil der Schulden ist wieder abgebaut. Doch für das geliebte GA reicht es nicht ganz. Die Stiftung SOS Beobachter zahlte Melanie Meier daher im März dieses Jahres 1000 Franken.

Melanie Meier hat den Humor behalten, und das Malen öffnete ihr neue Türen: Sie bietet im Bildungsklub der Pro Infirmis Malkurse für Behinderte an. Eine «wunderschöne Aufgabe», die ihr das Gefühl gebe, wieder gebraucht zu werden. «Als mir eine Betreuerin kürzlich sagte, ein geistig behinderter Mann mit beschränktem Wortschatz habe nach dem Kurs neue Worte gefunden, hat mich das tief im Innersten gefreut.»

«Ich bin ein Freak.»

Quelle: Tomas Wüthrich
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Das Schönste an seinem Leben, sagt der 43-Jährige, sei das Aufwachen. Der Morgen, wenn der Wald erwacht, die Sonne seine Nasenspitze kitzelt, das Käuzchen ruft, die Buchenblätter rauschen. Er müsse den Wind «schmöcken», sagt der asketische Mann, der aussieht wie eine Mischung aus Waldschrat und indischem Guru. Seit 16 Jahren lebt Mike Häfliger im Tipi. Ohne Strom, ohne fliessendes Wasser. Ein Aussteiger. Oder «Freak», wie er sagt.

Vergangenen Sommer brannte sein Zelt ab. Eine Unachtsamkeit, das beständig lodernde Feuer im Innern des Zelts griff auf seine Brennholzvorräte über und verschlang Felle, Schlafsack, Möbelstücke, zuletzt das Gestänge und die Plane. Einfach alles. Den ganzen Winter über baute er das Zelt wieder auf. Jetzt sitzt er im Schneidersitz auf einem Lammfell am Lagerfeuer, das in einem in der Zeltmitte in den Boden eingelassenen Kessel aus Lehm und Dung vor sich hin lodert. Er trägt sein dünnes blondes Haar schulterlang und eine zerlöcherte lila Trainerhose mit schwarzem T-Shirt.

Der Wohnkegel ist fast fünf Meter breit. «Wenn du unter einem Sack schläfst, bist du ein Penner. Aber so ein Tipi, das macht was her», sagt er stolz. Die Einrichtung ist ebenso schlank wie der Hausherr: Eine Schatztruhe und ein Holzschränkchen für die Gewürze – beides aus dem Brockenhaus –, ein paar Töpfe und eine Kaffeekanne sind seine ganze Habe. Er ernährt sich vorwiegend von Reis und Teigwaren. Wenn er Lust auf Fleisch verspürt, verschmäht er auch mal das Coop-Restaurant nicht.

Als Strassenmusiker durch die USA gereist

Mike Häfliger bummelte lange Zeit als Strassenmusiker in der Welt herum. Wohnsitz in der Stadt zu nehmen kommt für ihn nicht mehr in Frage. Einmal die Woche spielt er Gitarre in einer Band. Ein Konzert brachte fast 2000 Franken ein. Doch das reichte nicht für den Wiederaufbau des Zelts, weshalb SOS Beobachter 1000 Franken beisteuerte. Eine andere Stiftung finanzierte ihm einen neuen Schlafsack.

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In der Gegend im Aargauischen kennt man den «Höhlen-Mike», der früher eine Höhle bewohnte. Der Förster duldet ihn, ebenso die Bevölkerung. Das Zelt liegt gut versteckt in einer Senke. Häfliger achtet auf Sauberkeit, lässt keinen Abfall herumliegen; wer sein Zelt betritt, muss die Schuhe ausziehen.

Nach der Rekrutenschule hatte er erst mal «die Nase voll» und zog mit seiner Gitarre durch die USA. In Seattle besuchte er das Grab seines musikalischen Vorbilds Jimi Hendrix («Als Gitarrist kommst du nicht um Jimi herum»), paddelte den Mississippi nach New Orleans hinunter, lebte von Strassenmusik. «Verdienst nicht viel, aber mit zehn Dollar hast du gegessen.» Er begann sich für die Ureinwohner Nordamerikas zu interessieren, ihre Lebensweise, las Karl May, bewunderte den Respekt der Indianer vor der Natur. Ihre Freiheit auch.

Zurück in der Schweiz, jobbte Häfliger anfänglich noch als Maschinenmechaniker und Schlosser auf dem Bau. Irgendwann ist er ausgestiegen, zog in die Einsamkeit des Waldes. Seine angeschlagene Gesundheit lässt mittlerweile eine Erwerbstätigkeit nicht mehr zu. Und nach 16 Jahren als Eremit im Wald, als Aussenseiter, ist er kaum mehr in die Gesellschaft integrierbar. Ein Gesuch um eine IV-Rente wurde abgelehnt, deshalb kommt jetzt die Sozialhilfe für das Existenzminimum auf.