Es ist nicht selbstverständlich, dass Jugendliche in schwierigen finanziellen und sozialen Verhältnissen resolut das Heft in die Hand nehmen. Aber es ist nötig. Denn eine gute Ausbildung ist der beste Schutz gegen Armut. Das Risiko, später auf Sozialhilfe angewiesen zu sein, ist doppelt so hoch wie bei Jugendlichen, die in geordneten finanziellen Verhältnissen aufwachsen. Das zeigen die Zahlen des Bundesamts für Statistik. Wer schon den Start in die Berufswelt vermasselt, hat es hinterher doppelt schwer.

Das sei so, weil Armut mehr als ein Mangel an Geld ist, sagt der an der US-Eliteuniversität Princeton lehrende Psychologe Johannes Haushofer. Sie verändere Fühlen, Denken und Handeln. Das sei so, weil Armut immer mit Stress verbunden ist. Und unter Stress geht man Risiken wenn möglich aus dem Weg und orientiert sich lieber an erlernten Mustern, statt längerfristig nach Lösungen zu suchen. Der schnelle Erfolg zählt, das strategische Denken in Perspektiven leidet, sagt Haushofer. Oft fehlt der lange Atem.

Unterstützung kann Biografien verändern

Auch die Schule hilft jungen Menschen aus Armutsverhältnissen zu wenig. Gemäss Pisa-Studie zählt die Schweiz zu den Ländern, in denen die soziale Herkunft besonders stark auf den Bildungserfolg durchschlägt. Verbesserungen seien notwendig, sagt Bettina Fredrich, Leiterin der Caritas-Fachstelle Sozialpolitik. Entscheidend sei die Förderung im Vorschulalter.

Es sei wichtig, dass die Jugendlichen auch beim schwierigen Übergang von der Schule in die Berufswelt eng begleitet und gezielt unterstützt werden, ergänzt Matthias Drilling, Professor an der Basler Hochschule für Soziale Arbeit. Denn: «Solche Interventionen können eine ganze Biografie verändern.»

Aktuelle Beobachter-Ausgabe: jetzt am Kiosk

Lesen Sie im aktuellen Beobachter mehr über den Teufelskreis der Armut - und wie auch Sie Betroffenen helfen können, ihn zu durchbrechen. Ab Freitag, 14. November, am Kiosk oder im Abo.

Quelle: Franca Candrian
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Liebe Leserinnen und Leser

Bei SOS Beobachter sind letztes Jahr mehr als 3500 Unterstützungsgesuche eingegangen. Hinter jedem einzelnen stehen berührende Geschichten von Menschen, die in eine problematische Lebens-situation geraten sind und oft nicht mehr weiterwissen.

In jedem dieser Fälle wägen die Fachleute auf unserer Geschäftsstelle sorgfältig ab, mit welcher Form der Hilfe sich die beste Wirkung erzielen lässt. Wenn Kinder und Jugendliche im Spiel sind, lautet die Schlüsselfrage: Wie können wir ihnen eine neue Perspektive ermöglichen? Die 15-jährige Désirée Righetti beispielsweise, absolviert zurzeit mit Unterstützung unserer Stiftung einen gestalterischen Vorkurs. Dieser ist für sie ein Sprungbrett, um ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen. Weil ihre Familie in sozial schwierigen Verhältnissen lebt, hätte sie diese Chance sonst nicht.

Mit Ihrer Spende helfen Sie, jungen Menschen wie Désirée, die vor einer Weichenstellung im Leben stehen, eine wichtige Botschaft mit auf den Weg zu geben: Wir glauben an euch und euer Talent! Dafür danke ich Ihnen herzlich.

Roland Wahrenberger, Präsident Stiftung SOS Beobachter

Roland Wahrenberger

Quelle: Franca Candrian

SOS Beobachter: Spendenkonto

Postkonto 80-70-2
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(Empfänger: Stiftung SOS Beobachter, 8021 Zürich)

SOS Beobachter ist als gemeinnütziges Hilfswerk anerkannt. Ihre Spende ist steuerabzugsfähig.

Weitere Infos: www.sosbeobachter.ch

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Portraits

«Jetzt lerne ich das, was mich näher an mein Ziel bringt»: Sascha, 16

Quelle: Franca Candrian

Sascha Di Biaggio

Manchmal genügt ein kleiner Kick zum richtigen Zeitpunkt, um Blockaden aus dem Weg zu räumen. Wie zum Beispiel bei Sascha Di Biaggio. Im letzten Jahr der obligatorischen Schulzeit drehte die 16-Jährige nur noch im Leerlauf. Sie hatte «keinen Plan», wie es nach der Sek B weitergehen sollte. Ein Berufsvorbereitungsjahr gäbe ihr die Zeit, das nachzuholen, wozu es vorher nicht gekommen war – eine seriöse Auseinandersetzung mit der Berufswelt.

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Bloss: Die Kosten für das zusätzliche Jahr Schule sprengen das Budget von Angela Di Biaggio, Saschas Mutter. Die Alleinerziehende verdient mit ihrem Teilpensum im Verkauf gerade genug, um zusammen mit den Alimenten die laufenden Kosten für sich und die beiden Kinder zu decken. Wenn etwas Unvorhergesehenes auftaucht, wird es schnell sehr eng.

Ein Problem waren Saschas Wegkosten: von daheim ans Berufsbildungszentrum in Olten, dazu regelmässige Fahrten zu Praktikumseinsätzen. «Es darf nicht sein, dass eine Anschlusslösung, die jemanden aus einer Sackgasse holt, an so etwas scheitert», sagt Walter Noser, Geschäftsleiter von SOS Beobachter. Mit der Übernahme des Abonnements für den öffentlichen Verkehr stellte die Stiftung sicher, dass die 16-Jährige das Vorbereitungsjahr besuchen kann.

Das Berufsvorbereitungsjahr, zu dem auch ein hauswirtschaftliches Praktikum in einer Grossfamilie gehört, ist für Sascha Di Biaggio gut angelaufen: «Jetzt lerne ich das, was mich näher an mein Ziel bringt.» Das Ziel ist der Berufseinstieg im nächsten Sommer. Eine scheinbar Orientierungslose hat Kurs aufgenommen.

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«Gestaltung ist mein Ding. Da kann ich zeigen, was ich draufhabe»: Désirée, 15

Quelle: Franca Candrian

Désirée Righetti

Im Mai kam die freudige Botschaft: Aufnahmeprüfung bestanden! Aber damit hatte sich Désirée Righetti auch ein Problem eingehandelt: Wie um Himmels willen sollte sie den einjährigen Vorkurs an der Schule für Gestaltung bezahlen? 12'800 Franken plus Material. Ihre Familie konnte das unmöglich allein stemmen.

Das fehlende Schulgeld war eine Knacknuss, aber für die 15-Jährige kein Grund zum Verzweifeln. «Es war mir immer klar: Ich werde diese Ausbildung machen, irgendwie. Gestaltung ist mein Ding. Da kann ich zeigen, was ich draufhabe», sagt sie über diese Zeit der Ungewissheit. Und konsequent, wie sie ist, verzichtete die Schulabgängerin auf eine Alternative. «Ich wollte keinen Plan B! Das hält einen nur davon ab, sich mit aller Kraft für den Plan A einzusetzen.»

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Deshalb setzt die Hilfe von SOS Beobachter hier ein. Bei Désirée Righetti etwa übernimmt die Stiftung gut die Hälfte der Kosten für den gestalterischen Vorkurs.

Im August ging es für die 15-Jährige los. Nun kann sie an der Neuen Schule für Gestaltung in Langenthal BE ihr künstlerisches Talent so richtig beweisen. Der Anfang ist gemacht – und wie: «Ich lerne jeden Tag etwas dazu, kann meine Techniken weiterentwickeln.» Die Stimmung an der Schule behagt ihr. Es sei so ganz anders als an der Oberstufe. «Niemand muss, alle wollen», sagt sie. Diesen Schwung nimmt Désirée Righetti, die Jüngste in ihrer ­Klasse, noch so gern auf.

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«Ich möchte unbedingt einen medizinischen Beruf erlernen. Das war schon als Kind mein Wunsch»: Mathusha, 16

Quelle: Franca Candrian

Matusha Krishnakaran

Mathusha Krishnakaran kennt ihre Richtung haargenau: «Ich möchte einen medizinischen Beruf erlernen. Entweder in der Pflege oder als Praxisassistentin. Das war schon als Kind mein Wunsch.» Nur: Der Wunsch wird und wird nicht erhört. 35-mal erhielt die 16-Jährige aus Kriens LU als Reaktion auf ihre Bewerbungen einen Antwortbrief, der mit «Leider müssen wir Ihnen mitteilen» begann.

Weil es mit der Lehrstelle nicht klappte, absolviert sie nun ein Sozialjahr. Es besteht aus zwei halbjährigen Praktika im Pflegebereich und einem Tag Schule pro Woche. Gratis ist das nicht – und für die aus Sri Lanka stammenden Eltern zu teuer. Der Vater arbeitet in der Küche eines Altersheims, aus gesundheitlichen Gründen aber nur halbtags. Die Mutter verdient als Reinigungskraft ein paar Franken dazu.

Als Pflegefachfrau könnte Mathusha nicht nur ihren Wunschberuf erlernen. Sie hätte später gute Weiterbildungsmöglichkeiten. Darum sprang SOS Beobachter ein und übernahm den Grossteil der Schulkosten für das Sozialjahr. Einen Teil bezahlt Mathusha von ihrem kleinen Praktikumslohn.

Seit August arbeitet sie in einem Krienser Altersheim. Sie ist hell begeistert vom abwechslungsreichen Job – auch wenn sie jeweils abends um 20 Uhr todmüde ins Bett sinkt. «Im Altersheim sind wir wie eine grosse Familie. Die Bewohner sind mir sehr ans Herz gewachsen.» Mathusha hat auch schon Pläne für die Zeit nach der Lehre: «Ich könnte mir Weiterbildungen als Rettungssanitäterin, Operationstechnikerin oder zur diplomierten Pflegefachfrau vorstellen.»

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«Manchmal trifft es einen schon ein wenig härter, aber das gehört dazu»: Nikola und Eva, 13 und 11

Quelle: Franca Candrian

Nikola und Eva D*

Kleine Dinge können im Leben von Jugendlichen plötzlich sehr wichtig werden. Zum Beispiel das Wohnen in einer gewohnten Umgebung oder – wie im Fall von Nikola und Eva D*. – der Sportklub.

In ihrer Freizeit trainieren der 13-Jährige Nikola und seine zwei Jahre jüngere Schwester Eva Thaiboxen. Judo war ihnen zu wenig anstrengend: «Da lernt man ja nur, wie man sich fallen lassen muss», sagt Eva. 1000 Franken kostet das Jahresabonnement der beiden. Das würde das Budget der kleinen Familie aus Biel zu stark belasten. Mutter Clotilde Miserez kommt nur mit Sozialhilfe über die Runden.

SOS Beobachter hat den Fehlbetrag für die beiden Sportabos übernommen. Seit Februar besuchen Nikola und Eva nun das Thaiboxtraining – und sind davon angetan. «Es ist ganz schön hart. Wir machen Rumpfbeugen und Liegestütze, um uns aufzuwärmen», erzählt Eva. «Und beim anschliessenden Training ist es wichtig, dass wir die Bewegungen genau und konzentriert ausführen. Sonst könnten wir uns verletzen», ergänzt ihr Bruder.

Das Boxtraining fördert nicht nur die sportlichen Fertigkeiten der Geschwister. Es wirkt bis in den Alltag der Familie hinein. Die meisten ihrer Klassenkameradinnen hätten Angst, wenn sie morgens in der Dunkelheit zur Schule müssten, erzählt Eva. «Ich sicher nicht», denn das Thaiboxen gebe ihr Selbstvertrauen und Mut. «Und ich kann mich beim Training richtig austoben und meine überschüssige Energie loswerden», fügt Nikola an. Was wiederum Mutter Clotilde Miserez das Leben erleichtert: «Die beiden sind viel ausgeglichener und streiten weniger.» Keine schlechte Bilanz für etwas Spendengeld.

*Name der Redaktion bekannt

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Einmal arm, immer arm?

Kinder aus ärmlichen Verhältnissen bekommen schon in der Schule schlechtere Noten – und können der Armut auch später nur schwer entrinnen. 

Armut beginnt in frühester Kindheit, verfestigt sich in der Schule – und man wird sie sein Leben lang fast nicht mehr los. Als wäre sie ein Tattoo. Man ist gezeichnet, bevor man richtig loslegen kann. Man macht etwa keine Lehre, besucht keine weiterführende Schule. Und ist später fast doppelt so häufig arm wie die Kollegen mit Lehrabschluss und dreimal häufiger als diejenigen mit Hochschulabschluss. So steht es im Bericht der Eidgenössischen Kommission für Kinder- und Jugendfragen von 2007. Die Aussage gilt heute unverändert.

In der Schweiz sind 590'000 Menschen von sogenannter Einkommensarmut betroffen, darunter überdurchschnittlich viele Kinder. Will heissen: Einzelpersonen müssen mit weniger als 2200 Franken im Monat auskommen, Familien mit zwei Kindern mit 4050 Franken.

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Barkeeper, Telefonmarketing

Und nur drei von fünf jungen Erwachsenen schaffen den Sprung aus der Sozialhilfe, sagt Matthias Drilling von der Basler Hochschule für Soziale Arbeit. Von ihnen wiederum findet nur die Hälfte eine sichere Stelle. Die anderen jobben in Tieflohnbranchen, als Barkeeper, Kassiererinnen in Fastfoodläden oder Teilzeiter im Telefonmarketing. Drilling sagt, dass sie sich nicht wirklich aus der Armut lösen können, sondern nur «in neue Prozesse der Prekarität und Unbeständigkeit» einschwenken – in ungesicherte Arbeitsverhältnisse, mit wenig Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Das ist kein gutes Versprechen für die Entwicklung der Sozialausgaben (siehe Grafiken).

Armut drückt bereits auf die Schulnoten. «Armutsbetroffene Kinder werden schlechter beurteilt als andere», zeigt der Basler Soziologe Johannes Gruber auf. Die Schichtzugehörigkeit wirke sich sogar auf die Übertrittsempfehlungen aus – selbst bei gleichen Noten. So haben Kinder aus Akademikerfamilien eine 3,7-mal bessere Chance auf die Sekundarschule I und eine 5,6-mal bessere auf ein Studium als andere, hat der Berner Erziehungswissenschaftler Rolf Becker nachgewiesen.

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Quelle: Franca Candrian

Je früher Armut beginnt, desto grösser ist sie. «Und je länger sie andauert, desto stärker sind die Auswirkungen auf Gesundheit und Schulerfolg», sagt Sozialforscher Matthias Drilling. Dabei geht es nicht nur ums Handy, das man sich nicht leisten kann: Viele betroffene Kinder sind schlechter integriert. Sie tauschen sich weniger oft mit anderen aus, nehmen seltener an Gruppenaktivitäten teil und betätigen sich – genau wie ihre Eltern – weniger in Vereinen. «Da ihre sozialen Kontakte häufig über Konsum realisiert werden und damit Geld kosten, halten sie sich in Beziehungen zu Gleichaltrigen oft zurück», schreiben Claudia Schuwey und Carlo Knöpfel in ihrem «Handbuch Armut in der Schweiz».

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Oft sind es die fehlenden 20, 30 Franken pro Monat, die für Sport und Hobbys nötig wären. Aber auch der beschränkte Platz in der Wohnung und die mangelnden Spielmöglichkeiten verhindern, dass sie andere Kinder zu sich einladen können.

Gemäss dem Basler Soziologen Ueli Mäder ist das so gravierend, weil solche Kinder erst recht auf diese Kontakte angewiesen wären. Nur so könnten sie die immer wichtigeren sozialen Kompetenzen entwickeln.

Quelle: Franca Candrian
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Keine gleichen Chancen

Laut der letzten Pisa-Studie ist das Schweizer Bildungssystem kaum in der Lage, Chancengleichheit zu gewährleisten und soziale Ungleichheiten zu reduzieren. Das könne sich nur ändern, wenn armutsbetroffene Kinder bereits im Vorschulalter gezielt gefördert und beim Übergang ins Berufsleben eng begleitet werden – und später die Möglichkeit haben, fehlende Bildung nachzuholen. Martin Vetterli

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