Hansruedi hat momentan Ärger mit seiner Lieblingspuppe Kathy: Sie macht ins Bett. Ist das Laken wieder mal nass, zupft er Kathy an den Ohren und schimpft. Am liebsten spielt er aber mit seinem schwarz-gelben Baukompressor aus Plastik, der zu stampfen beginnt, sobald er einen Knopf drückt. Manchmal schnallt sich Hansruedi auch seine Handorgel um, drückt wahllos die Tasten und lauscht entzückt den Geräuschen und Tönen, die herauspurzeln. Dann wird aus einem versteinerten Patientengesicht null Komma plötzlich ein lachendes Kindergesicht. Hansruedi Rolli ist 56 Jahre alt. Er mag Musik, schleckt gern eine Glace und trinkt am liebsten Pepita. Seit seiner Geburt ist er geistig und körperlich behindert. Er kann sich kaum mitteilen, nicht gehen, ein Rollstuhl soll ihm die Beine ersetzen.

Nun ging der Elektroantrieb seines Rollstuhls kaputt. Die Invalidenversicherung bezahlt ihm keinen neuen - Begründung: Rolli könne das Gefährt nicht mehr selber steuern. Was auch stimmt. Doch der Elektromotor erlaubte es ihm bis anhin, mit einer Begleitung mal in der «Traube» ein Pepita zu trinken oder sich beim Coiffeur die Haare schneiden zu lassen. Dazu muss man wissen: Das Heim Bellevue der Stiftung Waldheim, in dem Rolli seit 20 Jahren wohnt, liegt in Walzenhausen. Kanton Appenzell. Dort ist es steil, um nicht zu sagen gäch.

Wären unsere Vorfahren im Altertum Appenzeller gewesen, sie wären sicher nie auf die Idee gekommen, dass die Erde eine Scheibe sei. Hier ist die Erde nämlich eine Ansammlung von Hügeln - kaum ist man irgendwo oben, geht es auch schon wieder runter. Doch was für Bergbauern selbstverständlich ist, die Hangzulage - je steiler der Berg, desto mehr Subventionen -, gilt noch lange nicht für Behinderte. Wer Rolli besucht, sieht sofort ein, dass ein Elektrorollstuhl kein Luxus ist. Zumal das Heim ziemlich weit oben und abseits liegt. Der Elektroantrieb kommt auch den Pflegerinnen zugute, die den Patienten sonst die Hänge hinaufschieben müssten. Dank der Unterstützung von SOS Beobachter und der Stiftung Waldheim kann Hansruedi Rolli nun weiterhin spazieren fahren, in der «Traube» einkehren oder im Dorf eine Glace schlecken.

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Hansruedi Rolli: Die IV zahlt die Reparatur des Rollstuhls nicht
Der 56-jährige Hansruedi Rolli ist geistig und körperlich behindert. Sein Rollstuhl ist für ihn die einzige Möglichkeit zur Fortbewegung in dem Appenzeller Dorf, wo er wohnt. Dank Beobachter-Leserinnen und -Lesern funktioniert der Rollstuhl nun wieder.

«Aus Schulden kommt man nicht raus»

Wie hat man sich einen Menschen vorzustellen, der um einen Beitrag für Gesundheitsschuhe, einen neuen Duschvorhang (der bisherige war 20 Jahre alt) und neue Frotteewäsche bittet? «Es liegt nicht in meiner Art, zu betteln, aber ich sehe keinen anderen Ausweg», teilte Elisabeth Wyss in einem handgeschriebenen Brief der Stiftung SOS Beobachter mit. Die 64-Jährige trägt beim Besuch des Reporters einen dunkelblauen Lapislazuli an einer Halskette. Der Stein wirke beruhigend, erklärt sie. Überall in der Wohnung trifft man auf Steine, ein Bergkristall mit eingebauter Glühbirne ist zur Lampe umfunktioniert, farbige Ziersteine liegen in geöffneten Schmuckkästchen, immer wieder Rosenquarz, der vor Elektrosmog schützen soll.

Die eine Tochter lebt mit den Enkelkindern im gleichen Haus und kann der Mutter auch mal zur Hand gehen. Wegen chronischer Beschwerden des Bewegungsapparats bezieht Elisabeth Wyss eine IV-Rente. Eine Einladung zum Essen schlägt sie aus, denn seit geraumer Zeit plagen sie Magen- und Darmstörungen, deshalb vertraut sie nur noch auf die eigene Küche. Mit ihrer Rente und den Ergänzungsleistungen lebt sie ums Existenzminimum herum. Wenn ausserordentliche Ausgaben anfallen, wie höhere Heizkosten, die Reparatur der Nähmaschine für 140 Franken (Elisabeth Wyss wäre gern Schneiderin geworden) oder eben Gesundheitsschuhe, die ihr das Gehen erleichtern, wird es knapp. Auf keinen Fall macht sie Schulden: «Da kommt man nicht mehr raus.»

Ihr Vater hatte es schwer, wurde als «Tschingg» verspottet, die Tochter wollte als junge Frau so schnell wie möglich von zu Hause weg. Sie arbeitete als Kindermädchen, später als Hilfsschwester im Basler Kinderspital, heiratete, hatte Kinder, später Pflegekinder, putzte nebenher, bis sie krank wurde. Dann auch noch die Scheidung. Es ist still im Zimmer, vor dem Stubenfenster surren die roten Gondeln der Pilatusbahn in einem endlosen Reigen vorbei. Doch auf den Berg fährt sie schon lange nicht mehr - zu teuer. Dafür hängen die Berge in ihrer Wohnung, in Form von Grossformatfotos, die aus mehreren tausend Puzzleteilen zusammengesetzt sind, die sie dann auf Karton klebt. Ein solches Bild hängt im Flur: Es zeigt die Dolomiten, den unvermeidlichen Bergsee mit Hütte und Alpenrosen im Vordergrund. Doch was für ein Pech: Als sie 3999 Puzzleteile aufgeklebt hatte, klaffte im Bergsee ein Loch - ein einziges Teil fehlte. Elisabeth Wyss wusste sich zu helfen: Sie hat das Loch kurzentschlossen mit blauer Farbe übermalt. Und ganz im Sinn der Hilfe zur Selbsthilfe hat SOS Beobachter ihr auch das Geld für die Gesundheitsschuhe, den neuen Duschvorhang und die Frotteewäsche überwiesen.

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Elisabeth Wyss: Das Geld für Alltägliches fehlt
Neue Frotteewäsche und ein Ersatz für den 20-jährigen Duschvorhang: Leserinnen und Leser des Beobachters finanzierten Elisabeth Wyss, 64, einige Anschaffungen, die für viele Leute ganz selbstverständlich sind.

Ein bescheidener Olympiasieger

Heinrich Hassler, 49, sieht man erst auf den zweiten Blick an, dass mit ihm etwas nicht ganz in Ordnung ist. Heini, wie er sich nennt, hat ein Handicap: Zeitungen, Speisekarten, die TV-Zeitschrift, die Endstationen von Buslinien, die SMS auf dem Handy, all das sind für ihn kryptische Aneinanderreihungen von Zeichen, allenfalls geheimnisvoll wie Hieroglyphen, aber bedeutungsleer. Wenn unsereins auf dem Acker einer Zeitungsseite mühelos seine Furchen zieht, verfängt er sich sofort im Gestrüpp einzelner Buchstaben und bleibt hängen. Heini kann nicht lesen.

Ursache ist eine Krankheit. Heini hatte als Vierjähriger seinen ersten epileptischen Anfall, genauer gesagt waren es fünf in einer Nacht. Sein Mund schäumte, er krümmte sich, furchtbar. Die zweite bis neunte Klasse verbrachte er in der Zürcher Epi-Klinik, wo er wohnte und die Sonderschule besuchte. Nur an den Wochenenden durfte er nach Hause ins Bündnerland. Er lernte lesen und schreiben, doch nach der Schule verlernte er es wieder, verbrachte zehn Jahre in einer geschützten Werkstätte.

Heute lebt er selbständig in einer kleinen, feinen Wohnung in Chur. Heini schaffte gar den Sprung in die «Privatwirtschaft», wie er stolz berichtet. Ein Freund des Vaters hatte ihm vor Jahren einen Job als Arbeiter in einer Hemdenfabrik besorgt, wo er Manschettenfutter anklebte. Später arbeitete er in einer Autogarage, baute Getriebe aus, wechselte Pneus. Seit einigen Jahren hat er einen Job in einem Unternehmen für Stahlbau in Bonaduz, schneidet Stahlplatten, stanzt, bohrt und hilft auf der Baustelle. Nachmittags pflegt er die Pferde des Arbeitgebers, mistet die Pferdeboxen, streut frisches Stroh. Mit IV-Rente und Lohn kommt Heini Hassler auf rund 2800 Franken im Monat. Für sein Selbstbewusstsein ist der eigene Lohn, wenn auch karg, sehr wichtig: «Das gibt mir ein gutes Gefühl, wenn eigenes Geld reinkommt.»

In seiner Freizeit treibt er Sport: Schwimmen am Montag, er hat das Lebensretter-Brevet, Unihockey am Donnerstag, im Winter kommt Eiskunstlauf dazu. Heini hat einen eisernen Willen. Von den Special Olympics, den Spielen für geistig Behinderte, 2005 in Nagano und 2001 in Alaska brachte er Gold- und Silbermedaillen im Eiskunstlauf nach Hause. Er selber hält das nicht mal für erwähnenswert, man muss schon nachfragen. Er ist das Gegenteil eines Plagöri. Von seiner Bescheidenheit könnte sich manch einer ein Stück abschneiden.

Lange hat er sich für sein Lesedefizit geschämt und es verheimlicht. Wer nichts davon weiss, würde es kaum bemerken. Er hat sich Strategien zugelegt: So schaut er beim Bus nicht auf die Linienbezeichnung, sondern auf die Farben. Er weiss genau, wo Grün oder Rot hinführt. Vor gut einem Jahr, als seine Schwester ein Baby bekam, gab er sich einen Ruck und schrieb eigenhändig eine Grusskarte: «Dies ist mein erster Brief», schrieb er. Seine Schwester war so gerührt von diesen Zeilen, die sie aber auch als Hilfeschrei empfand, dass sie ihm einen Lesekurs organisierte. Das Verstecken hat er nun, ein Jahr später, nicht mehr nötig. Dank dem Lesekurs, den ihm SOS Beobachter zusammen mit Pro Infirmis ermöglichte und an den er selber 500 Franken beisteuerte, kann er wieder ein bisschen lesen. BONADUZ zum Beispiel. Mit Kleinbuchstaben hat er noch Mühe. «Mein nächstes Ziel ist es, auf dem Handy eine SMS zu lesen.» Er wird das zweifellos schaffen.

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Heinrich Hassler: Wer bringt ihm das Lesen bei?
Heinrich Hassler, 49, ist Epileptiker und hat im Lauf der Jahre das Lesen verlernt. Beobachter-Leserinnen und -Leser ermöglichen ihm einen Kurs. Einen Teil der Kosten trägt er selbst. Das lässt er sich nicht nehmen.

So können auch Sie helfen


  • Nehmen Sie bitte einen neutralen Einzahlungsschein und überweisen Sie Ihre Spende an die Stiftung SOS Beobachter, 8021 Zürich, Postkonto 80-70-2.
  • Sie können Einzahlungsscheine auch unter www.sosbeobachter.ch bestellen.