Seit Anfang März nimmt kein Geschäft in ganz Euroland mehr die mit Grünspan belegten Geldstücke. Ohne funkelnagelneue Euros geht nichts mehr. Der Grossteil der Schillinge, Drachmen, Francs und Lire ist eingesammelt. Bald werden sie eingeschmolzen und auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet sein.

Auch die D-Mark scheidet in ihrem 54. Lebensjahr dahin. Von «Ruhe in Frieden» kann aber noch keine Rede sein. Das zeigt ein Besuch bei Barry J. Smith. Er ist Manager bei Coinco International im deutschen Geilenkirchen und erlebt gerade die hektischste Zeit seines 32 Jahre jungen Lebens. Bei ihm fliessen Ströme überflüssigen Metalls aus ganz Europa zusammen. Barrys Business: aussterbende Währungen.

Rund um sein Pult stapeln sich Berge blauer und gelber Plastikkisten voller Münzen. Daneben schwere rote, gelbe und graue Säcke, beschriftet mit ihrer Herkunft: Deutsche Krebshilfe, Unicef Schweden, Spanisches Rotes Kreuz, Schweizer Patenschaft für Berggemeinden, Dänische Rotarier. Dazwischen stehen auch ein paar grosse graue Kisten der Schweizer Post mit der Aufschrift «SOS Beobachter, Lire».

Nahezu alle europäischen Hilfswerke gehören zu Barrys Kunden, 825 insgesamt. Kaum eine wohltätige Organisation verzichtete darauf, vom Eurosegen zu profitieren. Alle baten um Spenden alter Münzen und erhielten sie auch reichlich.

Die angehäuften Schätze holen Barrys Fahrer mit Mercedes-Kastenwagen ab. Die Chauffeure sind in diesen Wochen ständig im Einsatz. Um den grössten Andrang zu bewältigen, setzt sich Barry auch einmal selber ans Steuer. Der Job als Münzeinsammler ist Schwerstarbeit: «Im Moment dauert mein Arbeitstag mindestens 12 Stunden», sagt Les aus Blackpool in England. Manchmal auch 16. Montag Barcelona, Dienstag Zug und Zürich, Mittwoch Dänemark, Donnerstag Schweden und am Freitag eine Fuhre nach Brighton in England zum Coinco-Hauptsitz. Dazwischen immer wieder Geilenkirchen, um die Münzen abzuladen.

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Barrys Lagerhalle ist sein Büro. An den Wänden hängen riesige Landkarten, auf denen Routen und Sammelstellen eingezeichnet sind. Die bunte Sammlung europäischer Stadtpläne beansprucht ein ganzes Gestell für sich. Während Barry einem Fahrer, der von Berlin nach Brüssel unterwegs ist, gerade neue Anweisungen übers Handy gibt, schleppt ein stämmiger Angestellter schwere Säcke herein: Eine Fuhre der deutschen Kinderkrebshilfe ist angekommen. «Unsere Kunden vertrauen uns», sagt Barry. «Meist haben sie keine Ahnung, was ihre Sammlung wert ist.» Wie sollen sie auch wissen, wieviel Euro sie für 100 Kilo österreichischer Schillinge bekommen?

Die Behälter voller sortierter oder unsortierter Münzen wiegen schwer. Eine volle Plastikkiste fasst deutlich über 100 Kilo. Falls nötig, verladen Barrys Männer sie auch einmal von Hand. Seit Wochen schieben sie Sonderschichten, meist ohne zu murren. Ihre Lieferwagen dürften zwar nur eineinhalb Tonnen transportieren, liefern aber oft einiges mehr ab. Dahinter steckt keine böse Absicht: «Die rufen aus Luzern an und sagen, sie hätten 300 Kilo. Du kommst hin, und es sind zwei Tonnen», schimpft Les. «Dann rufst du in Geilenkirchen an und sagst, dass dein Auto voll ist. Die sagen dir dann, dass das nicht geht, weil du ja auch noch in Genf, Zürich und St.Gallen Kisten abholen musst.»

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Barry ist von der europäischen Münzwelle etwas überrollt worden. Rund 500 Tonnen hat sein Team schon eingesammelt. In den nächsten Monaten dürften noch einmal 300 Tonnen dazukommen. Der Firmensitz in Geilenkirchen platzt inzwischen aus allen Nähten, eine grössere Halle wurde erst kürzlich dazugemietet. Darin zimmert Scotty Dutzende Geldsärge aus Sperrholz: In den Holzkisten liegt Geld des Deutschen Roten Kreuzes für seinen letzten Gang nach England bereit.

Barry muss auch zusätzliche Leute einstellen. Die zwölf Hände im Raum nebenan reichen längst nicht mehr aus, um all die Münzen unterschiedlichster Herkunft zu verlesen: Von dort ertönt unablässig das Klingeln beim Sortieren und das Rasseln der Zählmaschinen.

Irene sortiert am liebsten Lire oder Peseten: «Sie sind hübsch, und die Stückelungen sind einfach zu unterscheiden.» Beim Geld aus ihrer englischen Heimat rümpft sie hingegen die Nase: «Da gibt es viel zu viele verschiedene kleine Münzen.» Sie hat einen Haufen unsortierter Münzen vor sich, pickt sich geschwind mit beiden Händen einige Stücke heraus und schleudert sie geschickt in die blauen Plastikboxen auf ihrem Tisch. Auch die Lire-Kisten von SOS Beobachter werden sicherheitshalber noch einmal von Hand durchsucht. Eine einzige Fremdmünze kann die Zählmaschine lahm legen, die die Münzen in Stoffsäcke abfüllt. An einem Tag schafft Irene vielleicht 40 oder 50 Kilo. Egal, welche Währung gerade dran war, abends sind ihre Finger schwarz vor Dreck. Am schlimmsten sind die nassen, rostigen Stücke, die in Glücksbrunnen lagen.

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Manfred spielt ganz konzentriert eine Art Puzzle: Für die Metallstücke mit den arabischen Schriftzeichen sucht er in einem dicken Katalog eine Entsprechung. «Die gibt es vier-, sechs- oder achteckig, in allen Formen.» Wenn er Glück hat, findet er ein Geldstück, das auch auf Englisch angeschrieben ist, zum Beispiel mit «Pakistan» oder «Arabian Emirates». Beim Rest bleibt nur der Vergleich mit den Bildern im Katalog oder eine marokkanische Kollegin, die ab und zu aushilft.

Eigentlich hat sich Manfred früher nie für Münzen interessiert: «Nur fürs Ausgeben, und das kann man die hier ja nicht.» Ausserdem habe er «keine Ahnung, was das Zeug wert ist». Er trägt zwar die Anzahl Münzen und den Nominalwert von Hand in eine Liste ein. Das Umrechnen in Euro besorgt dann aber der Computer. «Wir vertrauen unseren Angestellten voll und ganz», sagt Barry ungefragt.

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Obwohl Coinco massenweise Geld hortet, gleicht die Firma nicht gerade einer Festung. Nur wenige Sicherheitsvorkehren sind vorhanden. Trotzdem fürchtet sich Barry nicht vor Überfällen: «Wir sind gut versichert. Zudem wäre die Beute nicht so leicht abzutransportieren und, vor allem: Die Täter dürften Mühe haben, tonnenweise Altmünzen unauffällig wieder loszuwerden.»

Den Angestellten von Coinco macht vielmehr eine ganz andere Form von Geldkriminalität zu schaffen. Barry holt das Corpus Delicti – manipulierte schwedische Fünfkronenstücke: Ein bisschen Aluminiumfolie um den Rand gewickelt oder eine zusätzliche Stanzung, um sie etwas zu verbreitern – und schon gingen sie bei Zigaretten- oder Ticketautomaten als Fünfmarkstücke durch. «Wir mussten Zehntausende aussortieren», erklärt Barry. Ähnlich faule Tricks liessen sich mit polnischen Zlotys oder estnischen Kronen anstellen.

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Verändert die tägliche Gegenwart von Noten- und Münzbergen das Verhältnis zum Geld? Barry nimmt ein dickes Bündel in die Finger, wiegt es mit der Hand: «Das könnte vielleicht tausend englische Pfund wert sein, vielleicht fünftausend. Man verliert das Gefühl für den Wert des Geldes. Irgendwann ist es nur noch eine Aneinanderreihung von Nullen.»

Andrea bündelt am liebsten Noten. Aber nicht, weil sie mehr wert sind als die Münzen: «Sie sind schöner und einfacher zu sortieren.» Die europäischen Scheine kennt sie mittlerweile alle aus dem Effeff. Nur bei den ganz alten muss sie manchmal in einem völlig zerfledderten Katalog nachschlagen, ob sie nicht schon längst das Zeitliche gesegnet haben. Falls ja, erhält die wertlosen Papierfetzen irgendein Liebhaber zu einem Spottpreis.

Sonst macht Coinco die ganze Arbeit natürlich nicht gratis: Der Kurs, den die Firma den wohltätigen Organisationen zahlt, liegt 15 bis 30 Prozent unter den offiziellen Wechselkursen. Für sortierte Ware gibts mehr, für unsortierte weniger. «Wir zahlen den wohltätigen Organisationen den Gegenwert für jede einzelne Münze», sagt Barry. Lediglich längst beerdigte Geldstücke wie sowjetische Rubel oder jugoslawische Dinare werden nur zum Altmetallpreis von 25 Rappen pro Kilo vergütet.

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Bis die überflüssig gewordenen Scheine und Metallstücke aus dem Euroland endgültig wertlos begraben sind, wird es noch eine Weile dauern. Scotty verlädt gerade zugeschweisste Plastiksäcke mit griechischen Drachmen in einen der Transporter. Heute Abend gehen sie zum Coinco-Hauptsitz. Von dort werden sie zu ihrer letzten Ruhestätte nach Griechenland verschifft: Die griechische Nationalbank kauft ihre Münzen noch bis im Februar 2004 zum offiziellen Eurowechselkurs zurück.

Bei andern Staatsbanken ist das gar noch länger möglich: Im Gegensatz zu Läden oder Geschäftsbanken tauschen sie ihre alten Währungen noch bis zum Jahr 2012 oder länger gegen Euro ein. Die Nationalbanken lassen dann die Baumwollnoten schreddern, verbrennen oder kompostieren. Ein Teil erwacht als Plakatpapier oder Heizbriketts zu neuem Leben. Das Altmetall wird geschmolzen und in Euro oder Heizungsrohre umgegossen.

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Ist Barry also so etwas wie der Totengräber der alten Zahlungsmittel? «Ja, ein paar von denen sind wirklich tote Währungen», schmunzelt Barry. Ab und zu klopfen aber auch Leute an seine Tür, die auf die sterblichen Überreste ganz scharf sind: Die einen wollen ihre privaten Münzalben komplettieren, andere kaufen im grossen Stil ein fürs Souvenirgeschäft. Ein Gärtner beispielsweise erstand gleich kistenweise Pfennige, um damit seine Blumentöpfe zu dekorieren.

Trotz der ganzen Hektik mag Barry seine Arbeit: «Irgendwie fühle ich mich in dieser bedeutenden Stunde für Europa ein bisschen als Teil der Geschichte.» Les, sein Fahrer, sieht das etwas anders: «Für mich ist das bloss ein Job.»