Kinder spüren viel. So auch Romano und Sascha. Die bald vierjährigen Zwillinge schlafen normalerweise über Mittag – «bis zu drei Stunden», wie Mutter Sonja Büeler sagt. Diese Zeit nutzt sie jeweils, um zu verschnaufen, für den Haushalt oder – wie jetzt – zu einem Gespräch. Als sei ihm im Traum eingeflüstert worden, dass sich heute im Esszimmer Ungewöhnliches abspielt, steht Romano nun auf der Türschwelle und reibt sich mit beiden Handrücken den Schlaf aus den Augen. Es vergehen keine drei Minuten, bis sich auch Zwillingsbruder Sascha bemerkbar macht. Er weint, weil er das Bett von Romano verlassen vorgefunden hat.

Die Tränen sind jedoch bald getrocknet, Müdigkeit und Quengelei überwunden, die Zwillinge in ihrem Element. Sascha schleppt eine grosse Kartonschachtel heran, in die er sich verkriecht und nur ab und zu über den Rand guckt. Inzwischen hat sich Romano an einer Küchenschublade zu schaffen gemacht und kommt mit Schnüren und stumpfer Haushaltsschere angesaust. Während Sonja Büeler dem heftig protestierenden Buben Schere und Schnüre entwindet und ihm zu erklären versucht, dass solche Dinge nicht in die Hände von Vierjährigen gehören, ist Sascha längst wieder aus seinem Versteck geklettert und ins Wohnzimmer gerannt. Die Mutter kommt gerade noch rechtzeitig, um die Puzzles abzufangen, die ihr Söhnchen im Begriff war, über der Kiste auszuleeren. Doch wo ist jetzt Romano? Natürlich an der Küchenschublade, wo er nach den verbotenen Gegenständen sucht…

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ein Zweifel: Die Zwillinge halten ihre Mutter fortwährend auf Trab. Und das seit nunmehr vier Jahren. «Solange sie in ihren Bettchen lagen und schliefen», erzählt Sonja Büeler, «war alles bloss eine Frage der Organisation. Aufnehmen, wickeln, schöppeln, spazieren gehen – alles im Doppelpack.» Das sei vorerst ganz gut gegangen. «Als die Zwillinge dann aber zu kriechen begannen, wusste ich bald nicht mehr, wo mir der Kopf stand.»

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Zwei wilde Energiebündel

Obwohl Zwillinge an sich viele Gemeinsamkeiten haben, machen Romano und Sascha nie das Gleiche zur selben Zeit. «Wenn ich zu Romano renne, weiss ich nicht, was Sascha gerade tut.» Die Buben seien immer auf Achse. «Sie gehen nicht, sie rennen ständig. Dauernd muss etwas laufen.» Ihr komme es manchmal so vor, als würden sie am Morgen nach dem Aufwachen mit einem unsichtbaren Schlüssel wie ein Uhrwerk aufgezogen, und das laufe dann halt den ganzen Tag über. «Von diesem Moment an gibt es nur noch Action.»

Zwillinge aufzuziehen ist immer anstrengend. Doch wenn es sich um zwei derart lebhafte und energiegeladene Buben handelt wie bei Büelers, kann das bald einmal an die Grenzen der Belastbarkeit gehen. Dieser Punkt war bei Sonja Büeler Anfang dieses Jahres erreicht. «Wenn ich etwas zu ihnen sagte, kam es bei ihnen gar nicht an, obwohl sie mich anschauten», erinnert sie sich. «Das Tempo der beiden war extrem schnell. Sie waren mir gedanklich immer um zwei, drei Schritte voraus. Deshalb kam es mir oft so vor, als spräche ich gegen eine Wand.»

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Romano und Sascha lebten in ihrer Zwillingswelt, in der Mutter und Vater keinen Platz hatten. Sie verständigten sich untereinander in einer Sprache, die selbst die Eltern kaum verstanden. Und sie stachelten sich gegenseitig in ihrer Wildheit an. Die Buben wurden immer anspruchsvoller.

Sonja Büeler war am Rand ihrer Kräfte; sie spürte, dass sie handeln musste, bevor sie die Nerven ganz verlor. «Kinder haben ist schon gut, aber ich muss dabei auch noch atmen können.» Hilfe fand sie beim jugendpsychologischen Dienst des Bezirks. Die Psychologin suchte gemeinsam mit den Eltern, dem Kinderarzt und der Heilpädagogin, die die Buben seit einem Jahr in ihrer frühkindlichen Entwicklung förderte, nach einem Weg aus der Krise.

Dank der im letzten Frühling eingeleiteten sozialpädagogischen Familienbegleitung konnte die überbordende Situation entschärft werden. In enger Zusammenarbeit mit der Sozialpädagogin lernten die Eltern, den Alltag der Zwillinge besser zu strukturieren und dies konsequent in die Realität umzusetzen.

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Mit Erfolg: Die Kinder wissen inzwischen, Grenzen zu respektieren. «Vor zwei Tagen», freut sich Sonja Büeler, «sind Sascha und Romano allein in der Spielgruppe geblieben. Noch vor wenigen Wochen wäre das undenkbar gewesen.»

SOS Beobachter übernimmt für Familie Büeler einen Teil der Kosten für die weitere sozialpädagogische Begleitung von Sascha und Romano, damit die zwei gut gerüstet in den Kindergarten gehen können.