«Als ich vor 20 Jahren nach Neuseeland auswanderte, tat ich das wegen der Kinder. Ich wollte ihnen ein gutes Leben ermög­lichen. Für eine
Alleinerziehende reichte das Geld in der Schweiz eben nicht. Ich hatte in
Auckland bereits eine Stelle als Kunstlehrerin zugesagt, doch dann fehlten
irgendwelche Papiere, ich bekam keine Lehrbewilligung. Ich hätte nochmals drei Jahre studieren müssen, und das lag mit vier Kindern nicht drin.

Ich gründete dann zwei Firmen zur Herstellung von Pralinés und Caramel.
Zehn Jahre kochte ich tonnenweise Süsses und verkaufte die Produkte auf
Märkten. Als die Kinder ausgeflogen waren, eröffnete ich ein Café in
einem Dorf am Meer. Das lief sehr gut, in der Hochsaison hatte ich fünf
Angestellte. Aber ich schuftete 16 bis 18 Stunden pro Tag – nach vier
Jahren hatte ich einen totalen Zusammenbruch. Deshalb sattelte ich um und studierte Ergotherapie, aber als ich nach drei Jahren fertig war, brach
die Finanzkrise aus.

In Neuseeland wurden in diesem Bereich 2500 Stellen gestrichen. Ich hatte keine Chance auf einen Job. Dann wurde ich schwer krank und hatte nur noch einen Wunsch: zurück in die Schweiz. Fast hätte ich hier eine Stelle als Ergotherapeutin gefunden – aber ich war mit 57 Jahren zu teuer. Das war frustrierend. Seither bin ich Sozialhilfeempfängerin, aber ich bemühe mich sehr, Arbeit zu finden.

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Im letzten Herbst erfüllte sich ein Traum: Ich konnte als Reiseleiterin auf einem Rheinschiff arbeiten. Weil man dabei repräsentieren muss, wollte ich bereits für die vier Reisen ‹auf Probe› passende Kleider und Schuhe. Meine alten Sachen gaben nichts mehr her – und für neue fehlte das Geld. Meine Sozialhilfebetreuerin bat ohne mein Wissen SOS Beobachter um die Übernahme dieser ‹Berufsauslagen›. Die Stiftung übernahm die Kosten. Bis heute freue ich mich jeden Tag an den neuen Kleidern!

Vielleicht kann ich bald als Beiständin arbeiten – ich bin
froh, dass ich dafür bereits eine anständige Garderobe habe.»