Die Antwort kommt ohne jedes Zögern. «Ich finde es gut, dass der Beobachter über den Tod meines Mannes schreiben will», sagt Anne-Gabrielle Stalder. «Vielleicht gibt dieser Bericht anderen Patienten Mut, Anordnungen des Arztes auch mal zu hinterfragen und sich zu wehren.» Ihr Ehemann habe das nicht gekonnt. «Wir haben Dr. B. vertraut.»

Das blinde Vertrauen in seinen Arzt hat Klaus Stalder das Leben gekostet. Er starb am 15. August 1997 – 56-jährig – an einem Herzinfarkt. Fünf Kinder verloren ihren Vater. Das älteste war gerade fünf Jahre alt, das jüngste noch nicht geboren.

Als Anne-Gabrielle Maret und Klaus Stalder 1991 heirateten, schüttelte manch einer den Kopf: Mit seinen 50 Jahren hätte der Bräutigam nämlich der Vater der 27-jährigen Braut sein können. Ihre Familie, die einer fundamentalistisch-katholischen Glaubensrichtung angehört, verurteilte die Verbindung aufs Schärfste. «Nach Ansicht meiner Geschwister hätte ich diesen Mann nicht heiraten dürfen», erzählt Anne-Gabrielle Stalder. «Doch ich habe meine Wahl getroffen. Und ich habe es nie bereut.» Für die tief gläubige Frau «war diese Verbindung eine Gnade.»

Wann genau die gesundheitlichen Schwierigkeiten ihres Ehemanns angefangen hatten, könne sie nicht mehr so recht sagen. «Anfang 1996 jedoch musste er wegen heftiger Migräneanfälle einen ganzen Monat zu Hause bleiben», erinnert sie sich. «Sein Zustand hat sich von da an immer weiter verschlechtert. Er war ständig erschöpft und klagte über Schmerzen in der Brust, in den Beinen, im Nacken und im Kopf.» Ab August 1996 war der damals 55-Jährige zum Arbeiten nicht mehr fähig. Er musste eine Invalidenrente beantragen.

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Klaus Stalder wurde Dauerpatient in der Praxis von Dr. B., den er fast wöchentlich aufsuchte. Doch der Doktor, der sich oft durch seine ärztlichen Angestellten vertreten liess, fand die Ursachen der Leiden von Klaus Stalder nicht heraus. Zwar zeigten Kontrollen, dass sowohl die Blutfett- als auch die Leberwerte stark erhöht waren, doch wurden diese alarmierenden Krankheitszeichen bagatellisiert. Der zu hohe Cholesterinspiegel blieb unbehandelt. Die abnormen Leberwerte wurden auf eine Pilzerkrankung zurückgeführt. Der Patient erhielt unter anderem Frischzellenkuren. Eine eigentliche Diagnose der Leberkrankheit mittels Biopsie, wie sie der Spezialarzt vorgeschlagen hatte, machte der Arzt jedoch nicht.

Auch als der Patient immer häufiger über Schmerzen in der Brust, Schweissausbrüche und Erschöpfungszustände klagte, erfuhr Klaus Stalder keine systematische ärztliche Untersuchung. «Mein Mann war ganz offensichtlich krank, doch der Arzt fand keine Ursachen dafür», sagt Anne-Gabrielle Stalder. «Ich hatte Mühe, mich mit dieser Situation abzufinden. Es tat unheimlich weh, ihn leiden zu sehen, ohne zu verstehen, weshalb.» Am Freitagmittag, 15. August 1997, brach Klaus Stalder in seiner Wohnung vor den Augen seiner schwangeren Frau und den Kindern schweissgebadet und um Atem ringend zusammen. Für den Vater kam die ärztliche Hilfe im Spital zu spät. Er starb um 15.45 Uhr an den Folgen des akuten Herzinfarkts.

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Eine Bemerkung des Chirurgen, dass der Patient bereits lange vor diesem Infarkt einschlägige Krankheitssymptome gezeigt haben müsse, machte Anne-Gabrielle Stalder hellhörig: «Die Schmerzen in der Brust, der Gedächtnisverlust, die ewigen Erschöpfungszustände, die Schweissausbrüche – plötzlich bekamen alle diese Leiden eine Erklärung.»

Eine bittere Erkenntnis, zumal Klaus Stalder fünf Tage vor seinem Tod einmal mehr die Praxis von Dr. B. wegen unerträglicher Brustschmerzen aufgesucht hatte. Die behandelnde Ärztin, eine Angestellte von Dr. B., hatte Muskelschmerzen diagnostiziert. Sie verschrieb Voltarensalbe und schickte dann den todkranken Mann wieder nach Hause.

Das medizinische Gutachten, das die Witwe bei der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH in Auftrag gab, hielt dem Ärzteteam der Praxis B. insgesamt sieben Fehler vor. Zwei davon wurden als gravierend eingestuft. Das Gutachten kommt zum Schluss: «Das Zusammentreffen der Einzelfaktoren und die Summe der Unterlassungen muss unserer Meinung nach klar als relevanter Behandlungs- und Diagnosefehler betrachtet werden.»

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Mit anderen Worten: Klaus Stalder hätte bei sorgfältiger medizinischer Betreuung mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht sterben müssen. «Ich fühlte Genugtuung und Ohnmacht zugleich», beschreibt Anne-Gabrielle Stalder ihre Gefühle nach der Lektüre des Gutachtens. «Meinen geliebten Mann brachten auch diese klaren Worte nicht zurück, doch wenigstens konnte ich nun mit finanzieller Unterstützung durch die Versicherung rechnen.» Doch daraus wurde vorerst nichts. Der Versicherer des Arztes legte Klaus Stalders Elektrokardiogramm nochmals einem Herzspezialisten vor und kam zum Schluss, dass keine Verletzung der Sorgfaltspflicht seitens der Praxis von Dr. B. vorgelegen habe. «Das war ein unglaublicher Schock für mich», sagt Anne-Gabrielle Stalder. «Im FMH-Gutachten stand schwarz auf weiss, was die Ärzte bei der Behandlung meines Mannes alles falsch gemacht haben. Und trotzdem wollte die Versicherung nun nicht zahlen.»

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Anne-Gabrielle Stalder, die seit dem Tod des Ehemanns für die fünf kleinen Kinder allein verantwortlich ist, wusste nicht mehr weiter. Dank dem Rechtshilfefonds konnte SOS Beobachter der Witwe helfen. Ein engagierter, auf Ärztehaftpflicht spezialisierter Anwalt intervenierte – mit Erfolg. Die Versicherung hat inzwischen eine namhafte Summe ausbezahlt, die die Zukunft von Anne-Gabrielle Stalder und ihren fünf Kindern sichern wird.