Es ist ein schwerer Schritt: Einer unbekannten Amtsperson den Abstieg in die Mittellosigkeit darzulegen, empfinden Notleidende als demütigend und schieben den Gang aufs Sozialamt bis zuletzt hinaus. Auch die Alleinerziehende Janine F. fühlte sich dem «Bürokrieg» hilflos ausgeliefert (siehe nachfolgendes Porträt). Zweimal musste sie sich auf dem Sozialamt vorrechnen lassen, sie liege mit den drei Kindern, davon zwei mit einem Geburtsgebrechen, ganz leicht über dem Existenzminimum und habe keinen Anspruch auf Unterstützung. Dass sie dringend auf eine helfende Hand bei der Betreuung ihrer Kinder angewiesen war, fand in der Flut der Formulare keine Berücksichtigung. SOS Beobachter sprach der Mutter zusammen mit anderen Institutionen unbürokratisch und schnell einen Beitrag für eine temporäre Entlastungshilfe zu.

Mitarbeitende von Sozialbehörden haben in erster Linie die Bedürftigkeit der Hilfesuchenden abzuklären und die gesetzlichen Grundlagen einzuhalten. Das Schicksal der Betroffenen kann dabei allerdings schon einmal auf der Strecke bleiben. Auch die sozialpädagogisch ausgebildeten Verantwortlichen der Koordinationsstelle SOS Beobachter prüfen jedes Gesuch gewissenhaft und halten mit den zuständigen Amtsstellen Rücksprache. «Zusammen mit allen Beteiligten versuchen wir eine tragfähige Lösung zu erarbeiten», erklärt Thomas Schneider, Leiter der Koordinationsstelle.

Doch Schneider und seine Mitarbeiterin Gabriele Herfort schauen immer auch mit dem Herzen hin und ergreifen unkonventionelle Initiativen. So kann die Stiftung von Fall zu Fall individuelle Hilfeleistungen ausarbeiten, die den Bedürftigen Mut machen und Perspektiven aufzeigen. Jugendliche ohne Lehrstelle, die sich von einer Weiterbildung bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt versprechen, finden ebenso Gehör wie Ausgesteuerte, die mit einer finanziellen Starthilfe in einer Nische wieder Fuss fassen und ihr Leben selbstbestimmt gestalten wollen (siehe Porträt unten).

Hilfe zur Selbsthilfe beginnt im Kleinen

Heute schauen Politiker und Medien der öffentlichen Hand besonders auf die Finger. Das Image der Sozialhilfe ist angeschlagen wie noch nie. Schlagwörter wie «Sozialschmarotzer» oder «Scheininvalide» schüren ein Klima der Gehässigkeit - vor allem Ausländern gegenüber. «Man ist der Meinung, dass alle den Sozialstaat ausnutzen wollen, und man verlangt nur noch Kontrollen und Kontrollen und Kontrollen», schreibt die in die Kritik geratene Zürcher Sozialvorsteherin Monika Stocker Mitte Mai im «Tagblatt der Stadt Zürich». So werde die Bürokratie aufgebläht und der Zugang zu rascher, notwendiger Hilfe eingeschränkt. Die Stiftung SOS Beobachter setzt da weiterhin unbürokratisch ein Zeichen der Stärke für die Schwachen.

Janine F.: Jetzt kanns nur noch besser werden

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Nie hatte die dreifache Mutter Janine F. (Name der Redaktion bekannt) damit gerechnet, einmal in eine Sackgasse zu geraten und sich eingestehen zu müssen: «Die Batterien sind leer, ich kann nicht mehr.»

Die Not schlich sich in ihr Familienleben ein. Vier Monate nach der Geburt ihrer heute achtjährigen Tochter diagnostizierten Neurologen ein sogenanntes Dandy-Walker-Syndrom, einen Wasserkopf mit einer Zyste im Hinterkopf und einem schwach ausgebildeten Kleinhirn.«Ja, sie kann sterben», sagte der Arzt. Aber sie habe auch eine kleine Chance, «ohne sichtbare Behinderung alt zu werden».

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Nach sechs Operationen und einer Zeit des Bangens kann das Mädchen heute ein nahezu normales Leben führen. «Durch die Leidenszeit entstand eine intensive Nähe», sagt die 39-jährige Mutter heute. Ein Jahr nach der Geburt ihrer Tochter bringt Janine F. Zwillingsbuben zur Welt. Nach der Freude eine weitere Hiobsbotschaft: Der eine Sohn leidet unter einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS) und braucht intensive Therapie und Betreuung. Seine heftigen Anfälle brachten sie an den Rand ihrer Kräfte.

Als ihr Mann arbeitslos wurde, zeichnete sich der finanzielle Ruin ab. In ihrer Verzweiflung erhöhte die dynamische Marketingleiterin ihr Arbeitspensum und übernahm sich dabei. Schliesslich war der Vater der Lage nicht mehr gewachsen und trennte sich von der Familie.«Ich dachte, jetzt schaffe ich es nicht mehr», besinnt sich die Mutter. Sie fühlte sich von der Verantwortung erdrückt und griff zu Medikamenten, um überhaupt noch schlafen zu können. Zweimal suchte sie Hilfe beim Sozialamt. Zweimal beschied man ihr, sie habe keinen Anspruch auf finanzielle Unterstützung. Der Umgang mit der Bürokratie wuchs ihr über den Kopf.

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Nach dem zweiten Nervenzusammenbruch überfiel sie eine Erschöpfungsdepression. In der Rehabilitationsklinik konnte sie sich wieder auffangen.Eine Mitarbeiterin des Sozialdienstes des Kantonsspitals Luzern war dann der rettende Anker. Sie sorgte dafür, dass private Stiftungen und Hilfsorganisationen, darunter auch SOS Beobachter, sich an den Kosten für eine temporäre Fachkraft zu Hause beteiligten.«Während der siebenjährigen Leidenszeit liessen mich die Kinder einen Sinn darin sehen, immer wieder aufzustehen», schreibt Janine F. in ihrem bewegenden Buch «Ich will frei sein - Mein langer Weg aus der Dunkelheit». Manchmal, so sinniert sie, wäre es einfacher gewesen, liegen zu bleiben. Für immer.

Sonja Lörtscher und Alfred Glanzmann: Ein Schritt in die Unabhängigkeit


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Er will die Hoffnung nicht aufgeben, wieder unabhängig zu sein und den Lebensunterhalt für sich und seine Partnerin aus eigener Kraft bestreiten zu können. Mit der Holzspaltmaschine, die er sich dank der Stiftung SOS Beobachter anschaffen konnte, ist Alfred Glanzmann diesem Ziel einen Schritt näher gekommen. Er selber feuert im gemieteten Stöckli in Schwarzenbach BE mit Holz und kann sich so seinen Vorrat «gäbig» zurechtstutzen. Auch fremde Aufträge sind ihm willkommen und bringen einen kleinen Zustupf. Und mit seinem Traktor führt er auf Abruf Transporte durch.

«Ich arbeite gerne in der Natur, auch wenn man dabei gelegentlich nass wird», sagt der 51-jährige Allrounder. Seine Partnerin Sonja Lörtscher besorgt seit zehn Jahren den Haushalt und den Gemüsegarten und betreut Hund, Katze, Kaninchen und Hamster. «Die Tiere geben uns hier in der Abgeschiedenheit viel», sagt Sonja Lörtscher.

Alfred Glanzmann wuchs auf dem elterlichen Bauernhof in Wyssachen BE auf. Mit dem kleinen Landwirtschaftsbetrieb konnte sich die Familie nicht mehr über Wasser halten. Das Land wurde verpachtet, die Schwester bezog das Haus. Glanzmann übernahm verschiedene Aufgaben auf dem Bau. Als die Firma, bei der er zuletzt gearbeitet hatte, verkauft wurde, verloren alle Angestellten ihren Job. Beim Erwerbslosenprojekt «Etcetera» des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks kommt er jetzt im Tiefbau immer wieder zum Einsatz. Allerdings ohne feste Anstellung. Besonders hart sind die Wintermonate, wenn die Baubranche brachliegt. Dann nimmt Glanzmann seine Holzspaltmaschine im Wald in Betrieb.

«Wir müssen jeden Fünfer umdrehen», sagt Sonja Lörtscher. Doch klagen wollen die beiden nicht. «Man kann ja auch einmal Cervelat und Brot essen», meint Alfred Glanzmann.

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Die Stiftung SOS Beobachter konnte 2006 bei den Spenden ein Rekordjahr verbuchen. Das kommt in diesem Jahr den Notleidenden zugute.

Die Rechnung ist schnell gemacht: ohne Spenden keine Hilfe. Das gilt auch für die Aktivitäten der Stiftung SOS Beobachter. Im letzten Jahr verbuchten wir ein Rekordsammelergebnis von gut zwei Millionen Franken. Rund 2200 Einzelpersonen und Familien konnten dank Direkthilfe neuen Lebensmut fassen. Die Zahl der Anträge bewegte sich konstant zwischen 2500 und 3000. Die Solidarität unserer Leserschaft mit den Benachteiligten der Gesellschaft ist für uns Verpflichtung, die Spenden treuhänderisch, verantwortungsbewusst und zielgerichtet einzusetzen.

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Mehr Spenden: Gegen den Trend

Dass wir das Niveau des Spendeneinkommens nicht nur halten, sondern noch steigern konnten, wertet Thomas Schneider, Leiter der Koordinationsstelle, als ausserordentlichen «Vertrauensbeweis». Die Treue der Leserinnen und Leser sei «eindrücklich», zumal das Spendenvolumen durch Private in der Schweiz im letzten Jahr markant eingebrochen ist, wie die Schweizerische Gesellschaft für praktische Sozialforschung im Auftrag von 29 gemeinnützigen Organisationen ermittelte. Dass nach dem Tsunami-Jahr 2005 wieder weniger gespendet wurde, überraschte nicht. Aber die durchschnittliche Summe pro Haushalt fiel 2006 sogar unter das Niveau von 2004 zurück. In der Deutschschweiz lag sie 2004 bei 599 Franken, ein Jahr später bei 783 und 2006 bei mageren 514 Franken.

Bei SOS Beobachter ist jeder gespendete Franken ein Franken zur Selbsthilfe, weil der Beobachter alle administrativen Kosten der Stiftung trägt. Das schafft bei der Leserschaft Vertrauen. Dass Hilfe nottut, bezeugen die zahlreichen handgeschriebenen Dankesschreiben, die Kinderzeichnungen und Fotos. Und die meisten Gesuchsteller wünschen sich, so schnell als möglich selbst auf der Spenderseite zu stehen.

Herzlichen Dank für Ihre Solidarität mit den Notleidenden in der Schweiz, danke für Ihr Vertrauen in die Stiftung SOS Beobachter, danke für Ihre Treue!

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So kommt Ihre Spende an: