Diese knusprige Bräune im Gesicht, die Erinnerung an Gebirgskulissen, Pulverschnee und Kafi Luz: Winterferien sind eine tolle Sache, da besteht kein Zweifel. Oder doch? «Winterferien sind etwas Ungerechtes», sagt Elisabeth Schneider von der Sozialpädagogischen Familienbegleitung SpF plus. Denn für diejenigen, die nicht genug Geld haben, seien die teuersten Wochen des Jahres dort oben an der Sonne schlicht unerschwinglich, höchstens eine Sehnsucht. Und diese kann ganz schön schmerzlich sein: «Dann wird ihnen erst recht bewusst, dass sie von vielem ausgeschlossen sind.»

Diesen Zustand hat Schneider für wenig begüterte Familien aus dem Raum Zürich/Aargau ausser Kraft gesetzt: «Wenigstens für einen Tag.» Im Februar fuhr ein Car etwa 60 Mütter, Väter und Kinder hinauf ins Klosterdorf Einsiedeln, um einen Tag im Schnee zu verbringen; ein Beitrag der Stiftung SOS Beobachter ermöglichte es, das Vorhaben von SpF plus zu verwirklichen (siehe nachfolgende Box «Für ein Stück Normalität»). Die Fachstelle bietet ein breites Unterstützungsangebot für Fami­lien in schwierigen Lebenslagen. Vor diesem Hintergrund hat der gemeinsame Ausflug in die Berge für Elisabeth Schneider eine ­hohe Symbolkraft: «Zu realisieren, dass man nicht allein in einer solchen Si­tua­tion steckt, hilft nachhaltig.»

«Ich brauche manchmal einen ‹Schupf›»

Regina Merz und Jeanette Schärer hätten einander ohne ein solches Vernetzungsprojekt vermutlich nie kennengelernt. Nur schon weil sie aus zwei Generationen stammen: 51-jährig die eine, 25 die andere. Jetzt hat die Ältere von der Jüngeren gelernt, was es mit der Gothic-Kultur auf sich hat – und ist ganz angetan: «Das Schwarze, das sie jeweils trägt, sieht doch super aus», findet Regina Merz und lacht glucksend.

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Die muntere Frau, die zusammen mit ihrer 14-jährigen Tochter Maria von einer IV-Rente und einem Mini-Job als Hauswartin lebt, ist eigentlich gern unter Leuten. Doch «das Päckli», das sie mit sich trägt, die finanziellen und psychischen Probleme, haben ihr zusehends die Lust daran genommen. «Ich brauche manchmal einen ‹Schupf›, damit ich am Leben teilnehme und mich nicht zu Hause verkrieche.»

Auch Jeanette Schärer, die Jüngere des nur vermeintlich ungleichen Duos, fühlt sich nicht wohl unter Leuten, die sie nicht kennt. «Die drücken einem doch gleich ­einen Stempel auf, weil sie merken, dass ich nicht richtig dazugehöre», sagt sie – die Empfindung einer Aussenseiterin. Die junge Frau, arbeitslos und alleinerziehend, reagiert darauf mit dem Rückzug ins private Umfeld. Dort bestimmen ihre beiden Buben Kevin, 5, und Leon, 4, den Alltag.

«Armut und Scham gehen oft Hand in Hand und sind eng verknüpft mit sozialer und gesellschaftlicher Ausgrenzung», bestätigt Georges Köpfli, Geschäftsleitungsmitglied der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS). In seiner früheren Tätigkeit als Hochschuldozent hat sich Köpfli intensiv mit der sozialen Teilhabe befasst, wie das Phänomen in der sperrigen Sprache der Sozialarbeit genannt wird. Zwar besagen die Sozialhilfegesetze, dass das Existenzminimum auch Teilhabe ermöglichen soll. Umstritten ist allerdings, was das konkret bedeutet. «Trotz allen wissenschaftlichen Bemühungen gibt es keine verbindliche Aussage zur Frage, was der Mensch zum Leben braucht», so Köpfli.

Besonders die Kinder brauchen Austausch

Für ihn ist klar, dass gerade Kinder und ­Jugendliche aus bescheidenen Verhältnissen darunter leiden, wenn sie schlecht integriert sind – auch bei ganz banalen Dingen: Sie laden keine Schulkameraden nach Hause ein, sie können nach den Ferien nicht von spannenden Erlebnissen erzählen, die Mitgliedschaft im Sportverein ist nicht selbstverständlich.

Für die Schweiz geht man laut Zahlen der Caritas davon aus, dass etwa 260'000 Kinder arm leben und nicht am allgemeinen Wohlstand teilhaben können. In einer Ende Mai publizierten Armutsstudie der Unicef, in die auch das Ausmass der all­täglichen Entbehrungen von Kindern mit­einbezogen wurde, landete die Schweiz im Vergleich mit 34 anderen Industrienationen im Mittelfeld – etwa auf gleicher Höhe wie Deutschland, Frankreich und Irland.

Die Kinder von Regina Merz und Jeanette Schärer haben beim Ausflug nach Einsiedeln das für sie seltene ­Ereignis, mittendrin statt ­abseitszustehen, in vollen Zügen genossen. Kaum mehr vom Schlitten habe man sie gekriegt, berichten die Mütter. Familienbegleiterin Elisabeth Schneider hat noch etwas anderes beobachtet: «Den Kindern hat gefallen, dass ihre Eltern Kontakt zu anderen Eltern hatten – das war für viele eine neue Erfahrung.»

Der Austausch mit Leuten, die in ­ihrem Leben an einem ähnlichen Punkt sind, hat Regina Merz und Jeanette Schärer gut­getan. Dabei ging es auch um ganz prak­tische Erfahrungen, etwa um Hinweise auf Institutionen, die einem für diese oder jene Problemstellung am besten weiterhelfen könnten. «Allein ist es viel schwieriger, an solche Informationen heranzukommen», sagt Merz. Ansonsten sei es einfach schön gewesen, einen Tag lang «das Zeugs» beiseitezulassen, das sonst so dominant sei.

Was Regina Merz und Jeanette Schärer, Maria, Kevin und Leon und all die anderen letztlich hatten, war eine Tagesration Normalität. Dabei soll es nicht bleiben: Die Fachstelle SpF plus plant, die Ausflüge zu einem festen Programmpunkt werden zu lassen.

Für ein Stück Normalität: Helfen Sie mit!

IBAN: CH84 0900 0000 8000 0070 2
Postkonto: 80-70-2
Empfängeradresse:   Stiftung SOS Beobachter
8021 Zürich
 
Mehr Infos zu SOS Beobachter
 
Quelle: Lea Meienberg

Junge Menschen brauchen Möglichkeiten, sich zu entfalten: Vier Teenager erzählen, was sie in ihrer Freizeit am liebsten tun

Es war Hans Kaspar, der mich auf die Idee gebracht hat, auf ein 14-tägiges Reit­trekking zu gehen. Er wohnt im Nachbardorf und organisiert solche Reitlager. Wir gehen manchmal mit unseren Pferden zu ihm. Er hat einen Reitplatz. Wir haben auf unserem Hof nur eine Weide und den Stall für unsere vier Pferde.

Das Reittrekking war ein Traum. 14 Tage lang quer durch die Schweiz reiten ist schon etwas Besonderes. Wir hatten drei Tage, bis wir im bernischen Les Reussilles waren. Dort blieben wir sechs Tage und ritten jeden Tag über drei Stunden aus. Die Landschaft dort ist sehr weit, ohne Berge, dafür mit vielen Weiden. Es hat ­viele ­Strecken, wo man galoppieren kann! Das ist bei uns im Simmental schwieriger, hier ist es viel enger.

Das Schöne dabei ist nicht nur das Reiten und dass ein so grosses Tier macht, was man will. Man kann mit Pferden auch gut eine Beziehung aufbauen. Sie können wie Freundinnen sein und reagieren auf jede Stimmungsschwankung. Ist man genervt, geben sie zurück und folgen überhaupt nicht mehr. Ist man traurig, warten sie und halten den Kopf hin.

Meine Schwester und ich gehen meistens eine Stunde lang reiten – bei jedem Wetter. Die Pferde brauchen die Bewegung.

Im Winter spannen wir die Pferde vor den Schlitten: Eine reitet, die andere sitzt auf dem Schlitten. Am Schluss ist man dann ganz schön weiss.

Chiara, die bei einer Pflegefamilie aufwächst, hätte ohne Unterstützung der Stiftung SOS Beobachter nicht an dem Reittrekking teilnehmen können.

Quelle: Lea Meienberg

Ich spiele manchmal schon ­Fussball, aber das ist nicht so mein Ding. Ich tanze, Streetdance und Breakdance. Das hat bei mir früh angefangen: in der ersten Klasse, als man sich für den Schulsport anmelden konnte. Da ging ich beim Tanzen vorbei und wusste: Das will ich machen. Dann wählte ich bei jedem Kurs Tanzen.

Das Training im Dancecenter anfangen konnte ich aber erst vor drei Jahren. Das macht ­mega Spass. Ich trainiere dort sechs Stunden pro Woche. Und dann gibt es ja noch die Wettkämpfe, die Battles!

Als ich in der Schule vom Tanzen erzählte, haben sie anfangs etwas gelacht. Sie haben mich aber nur aufgezogen. Einige sind gar mit ins Center gekommen. Sie fanden es gut, aber keiner ist geblieben. Dass wir dort nur drei «Giele» sind, stört mich nicht gross.

Mein Traum wäre es schon, ­einmal ein erfolgreicher Tänzer zu werden. Wie Michael Jackson, aber der ist halt ­gestorben. Seinen Moonwalk beherrsche ich, nur nicht so schnell wie ­Michael. Solche Moves zu ­lernen macht mir Spass. Wenn ich sie dann meinen Kollegen zu Hause zeige, finden sie das schon cool.

Mario, dessen Familie auf Sozialhilfe angewiesen ist, könnte ohne Unterstützung von SOS Beobachter keine Tanzstunden nehmen.

Quelle: Lea Meienberg

In unserer Klasse lernen alle ein Instrument, Horn etwa oder Klavier. Aber wir sind gleich sechs, die Geige lernen. In der Schule im Musikunterricht spielen wir dann alle zusammen wie in einem Orchester, jeder an seinem Instrument. Das ­mache ich viel lieber als singen. Meine Lieblingsfächer aber sind Werken und Handarbeit. Eigentlich wollte ich ja Klavier lernen. Aber meine Mutter hat mich von der Geige überzeugt. Besonders gefällt mir, dass man mit einem Bogen spielt. Das ­finde ich einfach super.

Ich übe ganz gern, trotzdem muss mich meine Mutter immer wieder daran erinnern. Denn es gibt auch andere Sachen, die ich gern mache. Lesen etwa. «Eragon» und «Warrior Cats» gefallen mir besonders gut. Ich fahre auch gern Einrad.
Am allerliebsten aber spielen ich und mein Bruder mit den Nachbarskindern Verstecken und Fangen. Das geht supergut hier auf unserem Biohof.

Ich habe auch ein Ämtli auf unserem Hof. Aber die Hasen und Katzen zu versorgen gibt nicht so viel zu tun. Im Moment haben wir ja bloss drei Katzen, aber nur Chatzebiischtli darf ins Haus. Stifelikater und Ruli müssen im Heustock schlafen. Das ist aber kein Problem, sie haben hier viel Auslauf. Wie es Katzen halt gernhaben.

Louisa, die bei einer Pflegefamilie aufwächst, könnte ohne Unterstützung von SOS Beobachter keinen Geigenunterricht nehmen.

Quelle: Lea Meienberg

Ich bin Flügel bei den C-Junioren des BC Albisrieden. Wir ­haben Afrikaner, Italiener, Spanier in der Mannschaft, auch Schweizer. Ich finds gut dort, habe gute Kollegen. Wir haben Spass. Und der Trainer ist voll chillig. Er lehrt mich alles, was ich lernen muss. Er ist mein Vorbild – neben Neymar und Cristiano ­Ronaldo natürlich.

Aber Fussball ist teuer. Der ­Jahresbeitrag ist 250 Franken. Und dann die Ausrüstung! ­Nockenschuhe: 150 Franken. Schienbeinschoner, Leibchen, Hose, alles in den Klubfarben. All das könnten sich meine ­Eltern nicht leisten. Einen Sponsor habe ich ja nicht. Deshalb trage ich auch die Fussball­schuhe meines Bruders. Die sind zu gross, das nervt. Ich ­rutsche darin, kriege Blasen, die Verletzungsgefahr ist gross. Aber viele im Team haben das gleiche Problem, einige können sich gar keine Nocken leisten. Das finde ich voll unfair.

Klar ist es ein Traum, Fussballprofi zu werden. Aber dafür brauchst du sehr viel Glück. Und im Herbst werde ich eh nicht mehr viel Zeit für Fussball haben. Ich muss Schnupper­lehren machen, eine Lehrstelle finden: am liebsten als Automech, Autoelektroniker, Detailhandelsverkäufer, Autolackierer. Ich denke viel über meine Zukunft nach. Ich glaube, es wird gut laufen, wenn ich mich anstrenge. Deshalb strenge ich mich in der Schule ja so an. Dann hab ich sicher Glück.

Mirsad, dessen Eltern eine IV-Rente beziehen, könnte ohne SOS-Unterstützung nicht im Fussballklub mitmachen.

Quelle: Lea Meienberg