Manchmal wird mir schwindlig», sagt Ina Pohorely, die in Basel ein Integrationsprojekt für Sozialhilfeabhängige und Ausgesteuerte leitet. «Schwindlig ob dem Gedanken, dass die Männer und Frauen, mit denen ich täglich arbeite, für die Kinder zu Hause ein Vorbild sind.» Nicht etwa weil sie schlechte Eltern wären – sondern weil ihre desolate Situation sie verbittert und resigniert in die Zukunft schauen lässt.

Die Folgen sind fatal. «Das Selbstwertgefühl der Jugendlichen geht verloren», sagt Matthias Drilling, Sozialwissenschaftler und Leiter des Basler Pilotprojekts Schulsozialarbeit. «Hier liegt sehr viel sozialer Sprengstoff begraben.» Deshalb ist es wichtig, den Jugendlichen Perspektiven aufzuzeigen. «Ich arbeite mit den Jugendlichen intensiv am positiven Denken», sagt Manfred Fasel, Berufsberater im Laufbahnzentrum der Stadt Zürich und Betreuer von Integrationsprojekten für Schulabgänger. «Denn ohne Optimismus können sie gleich zusammenpacken.»

Arme Jugendliche stehen selten im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Schlagzeilen gemacht haben sie im Sommer 1999. «Jeder dritte Sozialhilfebezüger ist jünger als 18», titelten die Zeitungen, nachdem acht städtische Sozialämter die Resultate eines Kennzahlenvergleichs präsentiert hatten. Jetzt steht der zweite Vergleich bevor: Neue Zahlen werden Ende Juni vorgestellt.

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Die Zahl der Bedürftigen ist hoch
Die Zahl der fürsorgeabhängigen Kinder und Jugendlichen ist hoch. 1999 war in der Stadt Zürich jedes zehnte Kind mindestens einmal auf Sozialhilfe angewiesen; jedes vierzehnte Zürcher Kind bezog regelmässig Geld vom Staat. Das Fürsorgeamt der Stadt Bern zählte letztes Jahr 1901 Kinder und Jugendliche – das sind 30 Prozent aller Fürsorgeabhängigen. Und in Basel-Stadt war 1999 knapp jeder vierte Sozialhilfebezüger unter 17 Jahre alt.

Petra M.s Kinder sind noch im Vorschulalter. Die dreiköpfige Familie erhält vom Sozialamt monatlich knapp 3800 Franken. «Es braucht viel Energie, um mit so wenig Geld auszukommen.» Seit der Trennung von ihrem Ehemann ist Petra M. von der Sozialfürsorge abhängig. «Das ist frustrierend. Am Anfang kämpfte ich mit Schuldgefühlen.»

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Ihr fünfjähriger Sohn ist oft traurig, dass er auf vieles verzichten muss, was seine Kindergartenkollegen haben. Auch das macht Petra M. zu schaffen. «Ich versuche, meinen Kindern Alternativen zu bieten, die nicht viel kosten und dennoch schön sind.» So geht sie mit ihnen manchmal zum nahen Flughafen. Der Zutritt zur Zuschauerterrasse kostet zwei Franken. «Dort können sie den Flugzeugen zuschauen – und es hat auch einen Kinderspielplatz.»

Viele verstecken ihre Armut
«Auch in der Schweiz ist es für Kinder und Jugendliche nicht einfach, arm zu sein. Ständig werden sie mit den Verlockungen der Werbung konfrontiert», sagt Veronika Marmet, Sozialarbeiterin bei der Caritas Zürich. Die Zahl der Eltern, die sich bei der Beratungsstelle des Hilfswerks melden, ist in den letzten Jahren markant gestiegen. Marmet: «Früher waren vor allem Alleinerziehende von Armut betroffen. Doch seit ein paar Jahren haben wir vermehrt auch Zwei-Eltern-Familien in der Beratung. In der Regel sind die Eltern arbeitslos – oder ihr Verdienst ist zu klein, um die Familie durchbringen zu können.»

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Viele der Mütter und Väter, die sich an die Caritas wenden, versuchen nach Kräften, den Gang aufs Sozialamt zu vermeiden. Veronika Marmet: «Kürzlich hatte ich Eltern in Beratung, die die Konten mit den "Göttibatzen" der Kinder leerten, um einen finanziellen Engpass aus eigener Kraft zu meistern.»

Der Anteil der Familien, die in der Schweiz an oder unter der Armutsgrenze leben, aber keine Sozialhilfe beziehen, ist gross. Die umfassendste Untersuchung zur Situation von armen Kindern und Jugendlichen stützt sich auf Zahlen von 1992. Die Studie spricht von einer Dunkelziffer von rund 70 Prozent.

Fachleute nehmen zwar an, dass die Zahl seither leicht gesunken ist, da angesichts der zunehmenden Verarmung in den unteren Bevölkerungsschichten der Gang aufs Sozialamt «normal» geworden sei. Doch nach wie vor ist die Zahl der «verschämten Armen» hoch. Die Sozialämter können deshalb in ihren Statistiken nur einen Teil der Betroffenen erfassen. Man geht heute davon aus, dass in der Schweiz mindestens 100'000 Kinder und Jugendliche in armen Familien leben.

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Auf dem Zürcher Jugendsekretariat Uto hat man immer wieder mit Buben und Mädchen zu tun, die in der Schule grosse Probleme haben. Manche der jungen Klientinnen und Klienten stammen aus Familien an der Armutsgrenze. Immer häufiger leben bereits Zwölf- und Dreizehnjährige orientierungslos in den Tag hinein. Oft sehen die Jugendlichen zu Hause keinerlei Anreize, ihr Leben aktiv anzupacken. Sie bekommen mit, dass sich ihre Eltern für einen Hungerlohn in harten Jobs abmühen müssen.

Resignation führt zum Absturz
Auch auf den Zürcher Sozialämtern stellt man fest, dass Kinder und Jugendliche aus sozialhilfeabhängigen Familien häufig mit Perspektivlosigkeit zu kämpfen haben. Wenn sie als junge Erwachsene dann nur noch in Passivität absinken, sei das eine Katastrophe.

Ob Kinder resignieren oder nicht, hat mit mehreren Faktoren zu tun, denn Armut wird von den Betroffenen sehr unterschiedlich erlebt. Fachleute sind sich einig: Je länger die Phase der Armut dauert und je isolierter die Familie lebt, desto gravierender sind die Auswirkungen. «Wenn ein soziales Netz vorhanden ist, muss Armut nicht psychisch belastend sein», sagt Monika Philipp vom Sozialamt Winterthur. «Wirklich schlimm wird es, wenn sich zur Armut fehlende Integration und fehlende Perspektiven gesellen.»

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Eine 1999 veröffentlichte Caritas-Studie stuft Armut dann als verheerend ein, wenn die Betroffenen sie weder sich selbst noch der Umwelt gegenüber eingestehen. «Diese Form von Armut kommt einem Schwelbrand gleich, der explodieren kann.» Suizidversuche, Gewalt oder Drogenmissbrauch sind oft die Folgen.

Der Gruppendruck ist immens
Doch fast alle von Armut Betroffenen wahren die schöne Fassade und versuchen mit allen Mitteln, ihre Kinder vor dem abwertenden Etikett «Sozialamt» zu bewahren; sie sollen in der Schule nicht wegen ihrer ärmlich wirkenden Kleidung ins Abseits geraten.

«Für mich kaufe ich fast alles im Brockenhaus», sagt Bettina Z. «Da ich einen guten Blick für Kleider habe, sieht man mir das nicht so an. Aber für meine Tochter kaufe ich neue Kleider: günstige, modische Sachen, denn die gibt es im Brockenhaus nicht.» Dennoch habe es der Teenager nicht einfach, sagt Bettina Z. Der Gruppendruck unter den Kindern sei gross. Da gebe es etwa Schulkolleginnen, die locker 100 oder 200 Franken Sackgeld bekämen.

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Die allein erziehende Mutter zweier Kinder erzählt, dass das Fürsorgegeld hin und wieder bereits am 20. Tag des Monats aufgebraucht sei. «Doch Geld gibt es erst wieder am 27. Dann geht es los: Gibt mir meine Mutter etwas? Lässt sich das Bezahlen einer Rechnung hinausschieben? Von der Hand in den Mund zu leben ist ein Riesenstress.»

Eltern werden psychisch krank
Zu den materiellen kommen die psychischen Probleme. All ihre Versuche, von der Sozialhilfe unabhängig zu werden und aus eigener Kraft ein Einkommen über dem Existenzminimum zu erreichen, sind gescheitert. Seit einiger Zeit ist Bettina Z. krankgeschrieben. Sie hat tiefe Krisen hinter sich: «Ich habe einen verbitterten, resignierten Zug bekommen. Für mich gilt irgendwie: "No chance."»

Dass ihre beiden Kinder den Druck, unter dem sie chronisch steht, sehr genau spüren und ihrerseits mit Problemen reagieren, ist eine weitere Belastung für Bettina Z. «Doch ich habe nie versucht, etwas vor ihnen zu verstecken. Ich glaube, dass die Kinder besser mit meinen Schwierigkeiten umgehen können, wenn wir offen darüber reden.»

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Veronika Marmet von der Caritas Zürich beobachtet, dass Kinder und Jugendliche unterschiedlich auf die Drucksituation zu Hause reagieren. «In der Pubertät kann es zu eigentlichen Rebellionen kommen: Die Jugendlichen sind wütend über die chronische Geldknappheit. Dann ist es für die Eltern sehr schwierig, die Klagen des Nachwuchses nicht als kränkende Vorwürfe zu empfinden.»

Teenager reagieren neurotisch
Eine andere häufige Reaktion: Die Jugendlichen sind überangepasst. Lehrlinge verschweigen den Eltern, dass die Arbeitskleidung erneuert werden müsste – oder Teenager fühlen sich für ihre Eltern verantwortlich und haben Mühe, sich von ihnen abzulösen. Veronika Marmet: «Jugendliche unterdrücken oft entscheidende Ausbildungs- und Berufswünsche, weil sie ihren Teil zu einer Lösung der finanziellen Probleme der Familie beitragen möchten.»

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Und dann gibt es immer wieder junge Erwachsene, die über die Stränge hauen und sich schon nach Erhalt des ersten Lohns in Schulden stürzen. Familien mit genügend Einkommen können die Schulden der Kinder in der Regel leicht aus der Welt schaffen. Jugendliche aus armen Familien müssen jedoch selber nach einer Lösung ihrer finanziellen Probleme suchen. Wenn es keine gibt, ist bereits die erste Wohnungssuche durch Einträge im Betreibungsregister belastet.

Uber die Langzeitfolgen von Kinder- und Jugendarmut weiss man in der Schweiz noch wenig. Der Basler Sozialwissenschaftler Matthias Drilling spricht diesbezüglich von einem «schwarzen Loch».

Drilling begleitete das zwei Jahre dauernde Basler Pilotprojekt Schulsozialarbeit. Das Ergebnis: Mit dem Wohlbefinden der Jugendlichen steht es alles andere als gut. Die in den Schulhäusern tätigen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter hatten alle Hände voll zu tun: Rund 20 Prozent der 14- bis 16-jährigen Schülerinnen und Schüler nahmen das Beratungsangebot in Anspruch.

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Auch wenn das Thema Armut von ihnen nicht direkt angesprochen wird, steht es doch im Hintergrund mancher Gespräche. Mit der materiellen Eingeschränktheit gehen oft auch Beziehungsarmut und Mangel an Freunden einher – für Matthias Drilling ein alarmierendes Signal.

Die unmittelbaren Folgen von materieller Not und sozialer Ausgrenzung können auch all jene Fachleute beobachten, die Jugendliche beim Einstieg ins Berufsleben unterstützen. Auf dem Sozialamt Winterthur zum Beispiel werden bei den jugendlichen Klientinnen und Klienten zwei Extreme beobachtet. «Wir begegnen einerseits hoch motivierten jungen Leuten mit oft unrealistisch grossen Hoffnungen und Träumen», sagt die Sozialarbeiterin Monika Philipp. «Und dann gibt es die andern Jugendlichen, die total "abgelöscht" bei uns auftauchen und erwarten, dass wir ihnen eine Rente auszahlen.»

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Eltern überfordern ihre Kinder
Doch auch bei den Eltern lassen sich zwei Extreme feststellen. Laut Ina Pohorely, die in Basel mit sozialhilfeabhängigen Erwachsenen arbeitet, setzt ein Teil der Eltern alles daran, dass ihre Kinder eine bessere Zukunft haben als sie. «Sie investieren sehr viel in die Jugendlichen – entsprechend gross ist dann der Erfolgsdruck, der auf den Kindern lastet.»

Dabei haben es die Jugendlichen nach dem Schulabschluss ohnehin schon schwer genug. «Sie werden von der Arbeitswelt gleich voll in Beschlag genommen», sagt Ina Pohorely, «ohne dass auf ihre erschwerten Startbedingungen Rücksicht genommen würde.»

Defizite der Eltern übertragen sich
Manfred Fasel vom Laufbahnzentrum der Stadt Zürich hingegen wird immer wieder mit dem andern Extrem konfrontiert: mit Schulabgängern, die zu Hause zu wenig gefördert werden. «Die Jugendlichen übernehmen oft die Defizite der Eltern: deren Hilflosigkeit überträgt sich auf sie. Wenn die Eltern nicht wissen, wie man sich richtig bewirbt, wissen es die Jugendlichen meist auch nicht.» Diese Jugendlichen haben niemanden zu Hause, mit dem sie ihre Probleme besprechen können. Manfred Fasel: «Dabei brauchten sie beim Einstieg in die Berufswelt eine intensive Begleitung. Heute wird zwar viel von der Entspannung auf dem Arbeitsmarkt gesprochen. Dazu kann ich nur sagen: Für die schwachen Mitglieder der Gesellschaft ist sie noch in weiter Ferne.»

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