Die erste gesamtschweizerische Sozialstatistik spricht eine deutliche Sprache: 220'000 Personen bezogen im Jahr 2004 Sozialhilfebeiträge - das sind drei Prozent der Bevölkerung. Diese statistische Grösse korrigiert Caritas stark nach oben: Die Hilfsorganisation schätzt, dass mindestens ebenso viele Bedürftige den Bittgang zum Sozialamt scheuen und in der Statistik nicht zu Buche schlagen. Die Frage jedoch, ob eine halbe Million Menschen oder mehr von Armut betroffen sind, ist für Walter Schmid, Präsident der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe, zweitrangig: «Wichtig ist, dass die Armut im Land zum Thema wird.»

Armut ist für die Verantwortlichen der Stiftung SOS Beobachter jeden Tag das Thema Nummer eins. Für sie klingt der Ausdruck «Armut auf hohem Niveau» wie blanker Hohn. Die Gesuche von drei Betroffenen, die anonym bleiben wollen, sprechen für sich.

  • Die allein stehende Elisabeth W. hat chronische Beschwerden beim Gehen. Mit IV und Ergänzungsleistung kommt die 62-Jährige knapp über die Runden. Die Spezialschuhe sind durchgetreten, der über 20 Jahre alte Duschvorhang und die Frotteewäsche sind abgenutzt. Der winterliche Zustupf der Gemeinde wurde dieses Jahr gestrichen. SOS Beobachter sprang ein.
  • Seit acht Jahren ist Christine L. nach einem Unfall im Rollstuhl. Sie leidet unter Arthrose und hat dauernd Schmerzen. Ein Gesundheitssessel würde der 52-Jährigen den Alltag erträglicher machen, doch ihre kleine IV-Rente reicht dafür nicht. SOS Beobachter half aus. Als Dank schrieb Christine L.: «Ich werde Ihre Aktion sicher berücksichtigen, wenn es mir finanziell wieder besser geht, damit auch andere Leute wieder etwas aufatmen können.»
  • Der Mann von Daniela M. starb an Krebs. Jetzt hat die 33-Jährige die zwei Kinder allein zu betreuen. Bis die Rente neu geregelt ist, wird sie von der Gemeinde unterstützt. Durch die Beerdigung sind hohe Kosten entstanden, die Daniela M. nicht bezahlen kann. SOS Beobachter griff ein, um das Leid wenigstens finanziell etwas zu lindern.

«Oft sind die Fälle nicht spektakulär», sagt Thomas Schneider, Leiter der Koordinationsstelle. «Sie zeigen, wie sich die Armut in den Alltag schleicht.» Ein besonders hohes Sozialhilferisiko tragen gemäss neuster Statistik Alleinerziehende, Geschiedene und junge Erwachsene. Hier kann SOS Beobachter Mut machen.

Eine kurze Atempause


Elsi Weber betreut seit zehn Jahren alleine ihren autistischen Sohn. Dank SOS Beobachter kann sie ab und zu am Wochenende ausspannen.

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Etwas Entlastung dank SOS Beobachter: die Alleinerziehende Elsi Weber und ihr hirngeschädigter Sohn Kevin

Kevin, 16, ist ein schlechter Schläfer. Manchmal wacht er in aller Früh auf. «An ein Weiterschlafen ist dann nicht mehr zu denken», sagt Mutter Elsi Weber, die ihren autistischen und hirngeschädigten Sohn seit über zehn Jahren alleine betreut. «Schon lange kann ich nicht mehr durchschlafen. Ein Ohr ist immer auf Empfang», so die 51-Jährige. Kevin ist auf Rundumbetreuung angewiesen: Er kann nicht sprechen, kein Butterbrot selber streichen, sich nicht die Zähne putzen, nicht einmal den Kühlschrank öffnen. Wenn er morgens um vier erwacht, müssen die Windeln gewechselt werden, oft auch das nasse Bettzeug. Um sechs Uhr heisst es dann ab in die Badewanne mit Kevin, Zmorge richten, Zähne putzen, neuerdings rasieren. Tag für Tag, Woche für Woche - ohne Ferien, ohne Pause. «Wenn meine Arbeit bezahlt würde, wäre ich eine reiche Frau.»

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Seit kurzem kann Elsi Weber ihren Sohn an den Wochenenden und in den Ferien ins Johanneum nach Neu St. Johann SG bringen. Das verschafft der Mutter die dringend nötige Entlastung. Doch die Invalidenversicherung vergütet ihr diese Tage nicht mehr - Weber hat also einen Lohnausfall. Und zusätzlich muss sie 50 Franken pro Aufenthaltstag bezahlen. Seit ihrer Scheidung lebt Weber von den Alimenten und der Invalidenrente für Kevin. Immer hart an der Kante zum finanziellen Abgrund. Morgens, wenn Kevin die heilpädagogische Sonderschule besucht, verdient sich die Alleinerziehende hie und da ein Zubrot mit Bügeln oder Fussreflexzonenmassage. Doch diese Einkünfte fliessen unregelmässig.

Um ihr die dringend nötige Erholung zu ermöglichen, bezahlt die Stiftung SOS Beobachter einen Teil der Kosten fürs Johanneum. Kürzlich war Elsi Weber seit Jahren wieder einmal drei Tage im Urlaub, in Südtirol. «Das war wieder mal was», schwärmt sie.

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Natur statt Pillen


Bruno Hüsler träumte schon immer von Reisen quer durch die Schweiz. Seit er ein SBB-Generalabo besitzt, geht es ihm psychisch besser.

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Heilsame Ausflüge dank SOS Beobachter: Das SBB-Generalabonnement bringt Bruno Hüsler unter Leute und in die Natur - so braucht er weniger Medikamente.

Nur nicht den Eindruck erwecken, er würde sich beklagen, weil er den Lohn und die IV bis auf den letzten Rappen spalten muss. «Dass Sie mich richtig verstehen: Das Geld ist einfach knapp», sagt Bruno Hüsler. Im Wohnheim Birkenhof in Wolfhausen im Zürcher Oberland hat er nach einem psychischen Einbruch wieder Fuss und Vertrauen gefasst. «Ich habe immer das Ziel vor Augen, in die frühere WG in Zürich zurückzukehren», sagt der 47-Jährige. «Ich gebe nicht auf.»

Hüsler gab auch die Hoffnung nicht auf, irgendwann einen Weg zu finden, um das Geld für ein SBB-Generalabonnement zusammenzubringen. Aus dem eigenen Sack hätte er das Abo nie bezahlen können. Die Stiftung für Ganzheitliche Betreuung, die das Wohnheim führt, stellte deshalb ein Gesuch an SOS Beobachter. Begründung: Wenn Hüsler neben seinem reduzierten Arbeitspensum in der Werkstatt der Klinik Hohenegg in Meilen ZH am Wochenende unter Leute komme und die Natur geniessen könne, brauche er weniger Medikamente und Therapiestunden. Zudem deckt das GA auch die Kosten für seinen Arbeitsweg. So kann er sich am Abend auch mal einen Stumpen leisten.

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Besonders angetan ist Hüsler von Luzern und dem Vierwaldstättersee. Weil die meisten Bus- und Schifffahrtsbetriebe das SBB-Generalabonnement akzeptieren, hat er noch mehr Spielraum. Auch der Kontakt zu seiner Mutter gewinnt eine neue Dimension: Im Sommer steht eine Fahrt ins Blaue auf dem Programm. Für die Rückkehr in die WG in Zürich will sich Hüsler auch körperlich wieder auf Vordermann bringen: «Während der Depression habe ich mich voll gestopft und entsprechend zugenommen.» Jetzt geht er wieder joggen und schwimmen. «Ich spüre, dass es aufwärts geht», freut sich Bruno Hüsler.

Panikattacken überwunden


Die Eltern widersetzten sich der ärztlichen Anweisung, ihre Tochter wieder in die Psychiatrie zu schicken. Zum Glück.

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Günstigeres Heim statt teure Psychiatrie - dank SOS Beobachter: Regula S. erholte sich in René Bartls Obhut und steht nun als selbstbewusste junge Frau vor der Berufswahl.

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«Hier wohnt Regula.» Mit diesen Worten markierte die 16-Jährige bei ihrem ersten Besuch im Wohn-, Schul- und Therapieheim «WG-Guggisberg 77 B» ihren Willen, das Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Für Regula S. (Name der Redaktion bekannt) und ihre Eltern war das Heim der Rettungsanker vor dem Abgrund. Mit viel Disziplin kämpfte sich Regula 21 Monate lang durch den klar strukturierten Alltag in der WG. Dank dem ausgefeilten Konzept des erfahrenen Heimleiters und Sozialpädagogen René Bartl sowie der Einzelbetreuung durch das Team gewann sie Boden unter den Füssen. «Guggisberg war der richtige Weg», sagen die Eltern.

Der Psychiater des kinder- und jugendpsychiatrischen Dienstes in Olten war anderer Meinung. Er beharrte auf der Psychiatrie Littenheid in der Ostschweiz. Hier war Regula bereits ein halbes Jahr stationär in Behandlung gewesen - ohne Besserung. Zu Hause ritzte sie sich weiterhin die Unterarme, stieg immer wieder mit Suizidgedanken im obersten Stock auf den Fenstersims.

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Bei der Lösung in Guggisberg BE drohte die Frage der Finanzierung einen Strich durch die Rechnung zu machen. Ohne die Überweisung des Psychiaters waren der IV die Hände gebunden. Auch die Leitung des Sozialamts und die Schulkommission der Solothurner Wohngemeinde Schönenwerd zeigten sich wenig kooperativ: Nur unter der Bedingung einer Beistandschaft für Regula wurde eine Mitfinanzierung in Aussicht gestellt. Doch die Eltern wollten die Verantwortung weiterhin selber wahrnehmen. René Bartl sah die Not und nahm Regula ohne abgesicherte Finanzierung auf. Die Stiftung SOS Beobachter beteiligte sich an den Ausbildungs- und Heimkosten. Nach zähen Verhandlungen leisteten der Kanton und die Schulbehörde einen kleinen Beitrag. Heute hat Regula ihre Panikattacken überwunden und die Angstzustände im Griff. Als selbstbewusste junge Frau steht sie vor der Berufswahl.

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Zumindest im Nachhinein hatte sich Bartl von der Gemeinde Schönenwerd ein Zeichen der Solidarität erhofft. Ein entsprechender Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik hätte mehr als das Doppelte gekostet. Auch ohne Erfolg.