Die Schrift ist zittrig und schwach: «Leider ist es mir nicht möglich, mehr zu geben», steht auf dem Einzahlungsschein. Der Betrag: zehn Franken. Man kann die bescheidenen Verhältnisse, in der die Frau lebt, nur erahnen. Doch für die Stiftung SOS Beobachter zählt jeder Franken. Gerade bei der Weihnachtsaktion sind Spenden wie diese relativ häufig – ein deutliches Zeichen, dass die Bereitschaft, andere Menschen zu unterstützen, keine Frage der eigenen finanziellen Möglichkeiten ist.

Oft wächst diese Bereitschaft aus der eigenen Betroffenheit. Wie bei Gaby Steiger, deren Leidensweg im Herbst 1978 begann: Die passionierte Bergsteigerin konnte sich immer weniger auf ihre Arme verlassen; in den Fingern fehlte das Gefühl für feinere Bewegungen. Die medizinischen Abklärungen zeigten, dass am Halswirbel ein Nerv eingeklemmt war. Am 6. September 1979 wurde Steiger operiert – ein Routineeingriff. Am Tag danach erwachte sie aus der Narkose: gelähmt.

«Bis vor wenigen Jahren war Berti N. eine lebensfrohe, aktive Frau», berichtete der Beobachter im November 1981. «Berti N.» war Gaby Steiger; die Stiftung SOS Beobachter hiess damals noch «Weihnachtsaktion». Die Aufrufe fanden grosse Beachtung: Der Beobachter stellte Gaby Steiger einen Anwalt zur Verfügung. «Haftungsbegründende Tatbestände» wurden vor Gericht zwar verneint. Gleichwohl erhielt die Frau, die völlig schuldlos invalid geworden war, eine bescheidene Genugtuung.

Unendlich dankbar für die Hilfe


Gaby Steiger ist noch heute auf den Rollstuhl angewiesen. Ihre Hände kann sie nicht mehr gebrauchen. «Der ganze Körper ist im Dauerkrampf, von den Zehen bis zum Haaransatz», sagt sie. Für die Hilfe ihres Ehemannes und der Spitex ist sie unendlich dankbar.

Dankbar erinnert sie sich auch an die Stiftung des Beobachters: «Mir wurde damals geholfen, heute möchte ich helfen.» Deshalb vermacht sie SOS Beobachter einen Teil ihres persönlichen Schmucks.

Fast gleich lang dauert nun schon die Beziehung zwischen der Stiftung und Gerard Lüchinger. Der Informatikunternehmer wollte 1981 eine Familie unterstützen, die in Bedrängnis geraten war. Als ihn die Behörden baten, sich an eine anerkannte Hilfsorganisation zu wenden, entschied er sich für SOS Beobachter: «Mir schien es die beste Instanz zu sein für das, was ich wollte. Auch hat mich beeindruckt, dass jeder Spendenfranken zu 100 Prozent für den Stiftungszweck eingesetzt wird.»

«Privater Finanzausgleich»


Seither unterstützt Lüchinger SOS Beobachter Jahr für Jahr. Er legt Wert darauf, die Menschen kennen zu lernen, denen er hilft: «Das sind wunderbare Erfahrungen.» Und er weiss ganz genau, wem er helfen möchte: «Jungen Familien mit Kindern, die in abgelegenen Gebieten wohnen – so können sie eher am Ort bleiben und müssen nicht abwandern.»

Gerard Lüchinger, dessen Informatikfirma Osys 35 Leute beschäftigt, sieht seine Unterstützung als «privaten Finanzausgleich» zwischen dem Wirtschaftszentrum Zürich, wo er tätig ist, und schwächeren Randregionen: «Leuten, denen es geschäftlich gut geht, sollte es eigentlich eine Pflicht sein, andere daran teilhaben zu lassen – ein soziales Dankeschön quasi.»

Was immer die Motive der über 20000 Spenderinnen und Spender sind, auf die SOS Beobachter jedes Jahr zählen darf: Sie leisten einen wichtigen Beitrag, um Not leidenden Menschen in der Schweiz eine Perspektive zu eröffnen.

Besonders erfreulich ist, dass die Hilfsbereitschaft quer durch alle Altersstufen geht: «Statt Geschenke für die Eltern bastelten die Schüler für einen guten Zweck», titelte das «Grenchner Tagblatt», als es vom letztjährigen Weihnachtsbasar der Primarschule Einschlag in Bettlach berichtete. 4700 Franken durfte SOS Beobachter entgegennehmen – und kann damit einigen jungen Menschen neue Hoffnung schenken.