Das Addieren und Subtrahieren der Zeiteinheiten ist nicht einfach, denn die Stunden zählen 60 Minuten und die Minuten 60 Sekunden. Die Primarschüler von Golubic mühen sich redlich - und sind nicht so unglücklich, dass eine Gruppe Erwachsener in die Lektion platzt. Auch das Lächeln von Lehrerin Dzenona Mujadzio drückt herzliches Willkommen aus. «Ich unterrichte gern hier, die Eltern unterstützen mich, wo sie können», sagt Mujadzio. Auch Kollegin Semira Burzic, die im Zimmer nebenan die andere Hälfte der rund 50 Schülerinnen und Schüler mit den Tücken ihrer Sprache vertraut macht, lobt das lernfreundliche Klima im Dorf.

Vor zehn Jahren war in Golubic an Unterricht nicht zu denken: Nach dem Bosnienkrieg bestand das Dorf nur noch aus Ruinen. Zusammen mit dem Hilfswerk Caritas lancierte der Beobachter damals die Aktion Friedenstaube - die Leserinnen und Leser spendeten nicht weniger als 1,2 Millionen Franken (siehe Nebenartikel «Beobachter-Spendenaktion: Schweizer Solidarität»). Die vertriebenen Einwohner waren willens, ihr Dorf in Fronarbeit und unter der Leitung der Caritas wiederaufzubauen. Als wichtiger als ihre Häuser stufte die Bevölkerung aber die Zukunft der Kinder ein. Konkret: Die Grundschule als Herz des Dorfs musste wiederauferstehen. Im August 1997 wars so weit.

Die beiden Schulzimmer erinnern heute an Schweizer Schulen der fünfziger Jahre - einfach und zweckmässig. Die Wandtafel ist das wichtigste didaktische Hilfsmittel, Hellraumprojektor und Computer gibt es nicht, und an eine Turnhalle wagt man schon gar nicht zu denken. Auf der Wunschliste der beiden Lehrerinnen stehen bessere Öfen, die in den schneereichen Wintern wirklich Wärme abgeben.

Mehr Einwohner als vor dem Krieg

Einfach und zweckmässig - das war auch die Devise beim Wiederaufbau von Golubic. Trotzdem präsentiert sich das Dorf heute als Ort, wo die Welt wieder in Ordnung zu sein scheint. Da sind die Häuser mit ihren eingefriedeten Gärten, in deren feiner Erde das Gemüse gedeiht. Ziegen meckern, Schafe blöken, Hühner nehmen ihre Sandbäder, und Hunde verbellen Einheimische und Gäste gleichermassen. Die intakte Landschaft verstärkt den Eindruck der Idylle. In zahlreichen Windungen fliesst das klare Wasser der Una um Inseln und durch Auenwäldchen. Die Leute grüssen sich und haben auch Zeit für einen Schwatz. 750 Einwohner zählt das Dorf - 150 mehr als vor dem Krieg. Bemerkenswert, wanderten doch in den letzten zehn Jahren rund 100’000 Bosnier aus, die meisten nach Australien oder Kanada.

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Schreckliche Andenken: Auf Golubics Friedhöfen, wie hier auf dem muslimischen, erinnern allzu viele Gräber an den Krieg.


Doch die Schatten der Vergangenheit lassen sich nicht verbannen. In den Kriegsjahren verlief die Front mitten durch Golubic. Verletzte und Tote in den meisten Familien, kein Haus blieb ohne Geschosseinschläge - der Ort bestand aus Mauern, die gespenstisch gegen den Himmel ragten. Was nicht niet- und nagelfest war, das fiel der Plünderung zum Opfer. Alle Bewohner suchten Zuflucht bei Verwandten und Freunden im nahen Bihac. Aus Bosnien flüchteten Hunderttausende von Menschen - 30'000 von ihnen fanden Zuflucht in der Schweiz (siehe Nebenartikel «Bosnienflüchtlinge: Die Unsicherheit ist geblieben»).

Heute erinnern nur noch vereinzelte Einschusslöcher an den Krieg. Auf dem muslimischen und dem christlichen Friedhof zeugen die Inschriften davon, dass in den neunziger Jahren allzu viele Menschen starben. Nicht sichtbar sind die seelischen, körperlichen und auch die wirtschaftlichen Wunden, die der Krieg geschlagen hat.

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Überall gibt es Verlierer

Katarina Findrik hat seit drei Jahren Gewissheit, dass ihr Mann tot ist: Er wurde in einem Massengrab identifiziert. Von ihren fünf Kindern leben drei nicht mehr zu Hause. Aber auch für die beiden verbliebenen Schüler reichen Rente und Erträge aus dem Garten kaum zum Leben. Untendurch muss auch Nada Grgic, Witwe und Mutter von drei Kindern. Wenn sie durchs Dorf geht, ihre Beete jätet oder ihre Ziegen melkt, ist der Schmerz im Kniebereich ihr ständiger Begleiter. «Ich trage zwei Unterschenkelprothesen», sagt sie. «Wetterumschläge kündigen sich zuverlässig an.»

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Neues Ortsbild: Das zerschossene Golubic ist dank der Beobachter-Spendenaktion heute nur noch eine düstere Erinnerung.


Zlatan Salihovic kann seine Resignation nicht verbergen: «Ich arbeite nicht.» Einige Monate verteilte der 24-Jährige als Briefträger die Post - dann kamen die Wahlen. Die siegreiche politische Partei habe darauf sämtliche Jobs im öffentlichen Dienst ihren Parteigängern zugeschanzt. Eine allgemein übliche Praxis, wie Peter Amhof, Chef der Caritas Schweiz in Bosnien, bestätigt.

Salihovic wird es schwer haben, wieder eine Stelle zu finden. Vor zwölf Jahren rissen Granatsplitter seinen Bauch auf und zerstörten sein rechtes Auge. Dank der Beobachter-Sammlung konnte ihm ein Glasauge eingepasst werden. Er teilt sein Schicksal mit unzähligen Kriegsinvaliden: In Bosnien, mit 40 Prozent Arbeitslosen, erhalten zuerst die Gesunden einen Job. Sein Bruder arbeitet in Kroatien als Kellner und schickt Geld nach Hause. «Jeden Morgen stellt sich die Frage, ob das Geld fürs Essen reicht», sagt Mutter Dilka Salihovic.

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Vasna Vidinalic, Golubic: «Wir Frauen müssen für unsere Rechte kämpfen. Wir haben den Krieg nicht verursacht.»


Nur weil ihr Sohn aus den USA regelmässig Geld überweist, kommt auch Vasna Vidinalic über die Runden. Einige Monate Konzentrationslager ruinierten die Nieren ihres Mannes und machten ihn darüber hinaus zum seelischen Wrack. Zweifelhaften Trost findet er im Alkohol. Vasna Vidinalic ist eine der wenigen Frauen im Dorf, die sich politisch engagieren: «Wir Frauen müssen für unsere Rechte kämpfen, wir sind gleichwertig - und wir haben den Krieg nicht verursacht.»

Privatwirtschaft - eine Enttäuschung

In Golubic und ganz Bosnien-Herzegowina setzten die Leute grosse Hoffnungen in den Wechsel von der staatlichen Planwirtschaft zur Privatwirtschaft. Hoffnungen, die enttäuscht wurden. Die Textilfabriken in der fünf Kilometer entfernten Stadt Bihac schlossen ihre Tore - heute überschwemmen billige Importtextilien aus Ostasien den Markt. «Die Privatisierung hat wenige Leute mit Beziehungen steinreich gemacht - und wir haben die Arbeit verloren», bringt es ein Passant in den Fünfzigern auf den Punkt.

Auch die ehemaligen Inhaber von Kleinbetrieben sind verbittert. Der Krieg hat in Golubic die Werkstätten von zwei Schmieden und einer Schreinerei vollständig zerstört. Eine Sägerei zwischen Bihac und Golubic, die immerhin einem Dutzend Leuten Arbeit verschafft hat, ist nicht mehr in Betrieb. Die Handwerker klagen, sie erhielten keine Kredite von den Banken - oder nur zu astronomischen Zinsen. Die Banken sprechen Kredite, wenn Sicherheiten vorhanden sind - etwa ein festes Salär. Und die Handwerker wollen Kredite, um feste Einkünfte zu erwirtschaften. «Für Schmiede- und Schreinerarbeiten sind genug Kunden da», sagt der ehemalige Dorfschreiner Stipe Vuijc. Und immer wieder dieselbe Frage: «Kann uns nicht der Beobachter zu Krediten verhelfen?»

Zeichen eines lokalen Aufschwungs sind allerdings auch da. Die vereinzelten Traktoren im Dorf sind ein Hinweis, dass einigen Einwohnern zumindest der Schritt vom Gemüsepflanzer im eigenen Garten zum Kleinbauern gelungen ist. Etwa dem ehemaligen Chauffeur Muharem Memagic. In seinem Stall stehen heute vier Kühe, die Milch verkauft er den Nachbarn. Mit dem Traktor bearbeitet Memagic ein Feld, das ans Dorf grenzt. In dessen Sichtweite hat ein Kollege ein Treibhaus errichtet, um den Gemüseanbau zu intensivieren.

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Einige wenige haben es geschafft

Auch Muhamed Osmanovic kann einigermassen von der Landwirtschaft leben: Er besitzt drei Kühe und ebenso viele Kälber, und er pflanzt Gemüse auf einer Insel in der Una, wo auch einige Pflaumenbäume stehen. Osmanovic brennt zudem selber Slibowitz, den er im Dorf verkauft. Kasim Salihovic wiederum träumte nach dem Krieg davon, in Golubic eine Bäckerei zu eröffnen. Die staatliche Bürokratie mit ihren unsäglichen Vorschriften machte diesen Traum zunichte. Nun verkauft er in seinem Laden Güter des täglichen Bedarfs. Einige Stühle stehen vor dem kleinen Geschäft und laden zum Kaffeetrinken ein.

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Es rollt wieder einigermassen: Muhamed Osmanovic und seine Familie leben von drei Kühen, drei Kälbern und Gemüseanbau.


Letztlich hat die viel verschriene staatliche Verwaltung wider Willen Anteil an der Gründung des Riverrafting-Unternehmens von Mersad Coralic, einst Spitzenbeamter der bosnischen Föderation. Für Spezialaufgaben sandte ihn die Regierung nach Bihac, wo er einige Monate seinen Lohn bezog. Aufträge habe er vom Gouverneur indes nie erhalten.

Man beginnt wieder zusammenzuleben

Bis es Coralic zu dumm wurde: Er quittierte den Dienst und machte seine Hobbys, Kajakfahren und Riverrafting, zum Beruf. Golubic war als Standort gesetzt, denn hier besass Coralic ein Weekendhaus. Er kaufte zusätzliche 22'000 Quadratmeter Land, baute Unterkünfte für Wassersportler und richtete an der Una ein romantisches Café ein. Zwei Riverrafting-Boote und 20 Kajaks besitzt der Unternehmer inzwischen. «Die Una ist der ideale Fluss für Kajak und Riverrafting, denn sie bietet alle Schwierigkeitsgrade», schwärmt Coralic. Die Kunden scheinen diese Meinung zu teilen - in der warmen Jahreszeit sind die Weekends ausgebucht. Coralic: «Meist beschäftige ich sechs Mitarbeiter, doch wenn grosse Gruppen kommen, können es auch mal 20 sein.»

Und dann gibt es noch eine ganz andere Erfolgsgeschichte, obwohl sie in Golubic und der ganzen Region Bihac seit Menschengedenken selbstverständlich ist: Das Zusammenleben zwischen katholischen Kroaten und muslimischen Bosniaken gibt keinerlei Probleme auf. Und dass beim Besuch des Beobachters auch eine serbische Rückkehrerin im Haus des einstigen Dorfschreiners Stipe Vuijc Kaffee genoss, zeugt zusätzlich von dieser gegenseitigen Toleranz.

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