Beobachter: Politiker reden gern vom ­Mittelstand. Was ist das denn eigentlich?
Ueli Mäder: Er ist jener Teil der Bevölkerung, der von seinem Einkommen gut bis recht gut leben kann. Aber er ist keine einheitliche Schicht: Der Primarlehrer gehört ihm genauso an wie die Ärztin. Zwischen dem oberen und dem unteren Mittelstand liegen manchmal Welten.

Beobachter: Trotzdem bezeichnen Politiker die Mittelschicht gern als Säule von Stabilität und Demokratie. Zu Recht?
Mäder: Natürlich ist es für eine Gesellschaft gut, wenn ein grosser Teil der Menschen nicht jeden Franken zwei- oder dreimal umdrehen muss, bevor er ihn ausgibt. Aber der Mittelstand als Rückgrat von Stabilität und Demokratie ist ein Mythos. Zu einer Gesellschaft gehören alle Menschen, nicht nur diejenigen einer bestimmten Einkommensklasse.

Beobachter: Wie gesund ist der Schweizer ­Mittelstand?
Mäder: Eine pauschale Antwort kann ich darauf nicht geben, weil die Mittelschicht eben zu uneinheitlich ist. Ich gehe aber davon aus, dass innerhalb des Mittelstands immer weniger Menschen den Aufstieg schaffen. Und dass immer mehr zurückbuchstabieren müssen.

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Beobachter: Im europäischen Vergleich steht der Schweizer Mittelstand noch immer blendend da.
Mäder: Natürlich. Doch wenn wir glauben, wir ­liefen auf dem letzten Zacken, besteht die Gefahr, dass wir uns entweder in ein Schneckenhaus verkriechen oder Zuflucht in angst­besetzten Strategien suchen. Beides ist nicht sehr produktiv. Deshalb ist es wichtig, zu sehen, dass es uns noch immer relativ gutgeht. Man muss aber auch sehen: Rund 50 Prozent der Haushalte haben kein steuerbares Nettovermögen und verfügen damit kaum über Reserven, falls sie in eine schwierige Situation geraten. Vor allem der mittlere Mittelstand gerät unter Druck.

Beobachter: Inwiefern?
Mäder: Die mittlere Mittelschicht tut genau das, was die Wirtschaft von ihr verlangt: Sie ist mobil und flexibel. Bis vor einigen Jahren zahlte sich das aus, Jobwechsel führten meistens zu einem höheren Einkommen. Das ist nicht mehr so. Heute müssen Leute, die – freiwillig oder nicht – den Job wechseln, oft einen Abstieg hinnehmen.

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Beobachter: Wie dramatisch ist das?
Mäder: Es ist ein bedenkliches Signal für unsere Gesellschaft, die sich als eine versteht, in der Leistung zählt und belohnt wird. Nun machen Menschen die Erfahrung, dass ihre Leistung kaum auf einen grünen Zweig führt. Jüngere müssen feststellen, dass eine gute Ausbildung nicht zwingend zu einem guten Job führt – wo gerade das mittelständische Verhalten dadurch gekennzeichnet ist, dass Menschen in ihre Bildung investieren, um es nach oben zu schaffen. Das führt zu Ängsten und zu Frustration.

Beobachter: 60 Prozent der Schweizer Haushalte zählen zum ­Mittelstand. Was bedeutet es, wenn dieser ­verunsichert und frustriert wird?
Mäder: Wenn mittelständische Kreise Abstiegs­erfahrungen machen, verletzt sie das tief. Das gilt auch für Jugendliche, die merken, dass sie trotz den Investitionen in ihre Ausbildung nicht reüssieren. Diese Verletzungen können dazu führen, dass sich die Betroffenen an autoritäre, populistische Kräfte klammern. In Frankreich etwa waren es klassische Mittelständler, die in den neunziger Jahren dem Rechtspopulisten Le Pen folgten: qualifizierte Arbeiter, die dachten, sie hätten einen Job fürs Leben – bis sie merkten, dass sie nicht mehr gefragt waren.

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Beobachter: Warum schafft es die Politik nicht, Druck vom Mittelstand wegzunehmen?
Mäder: Bürgerliche Politik krankt daran, dass sie sich zwar liberal nennt, damit aber vornehmlich Marktliberalismus meint. Ihr fehlt weitgehend ein politischer Liberalismus, der sagt: Unterschiede sind zwar unumgänglich, denn sie dynamisieren eine Gesellschaft – aber wir müssen darauf achten, dass jene nicht abgehängt werden, die sozial am stärksten benachteiligt sind. Sie sollten von Änderungen am meisten profitieren. Diesen Konsens hatten wir bis in die achtziger ­Jahre, der Lebensstandard hob sich für breite Kreise. Ab 1989 nahm ein angelsächsischer Marktliberalismus überhand, der Staat zog sich als ­demokratisches Korrektiv gegenüber der Wirtschaft zurück. Das schadete dem Mittelstand und der gesamten Gesellschaft.

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Beobachter: Was soll die Politik konkret tun?
Mäder: Sie muss die unteren Einkommen an­heben, das scheint mir zentral zu sein. Und dann müssen eben auch die oberen Einkommen zurückgefahren werden. Gerade für Junge ist es eher demotivierend, zu ­sehen, wie andere absahnen, während sie selber kaum vom Fleck kommen.