In den nächsten 15 Jahren wird sich die Anzahl Pflegebedürftiger fast verdoppeln. Bild: Thinkstock Kollektion

Angehörigenpflege64 Millionen Stunden für Kranke

Angehörige leisten schier Übermenschliches bei der Pflege von Kranken. Oft wissen sie nicht einmal, dass es Hilfe gäbe – und eine Entschädigung.

von Käther Bänziger

Einen Angehörigen zu Hause zu pflegen ist ein Kraftakt, für den es in der Gesellschaft wenig ­Anerkennung gibt. Auch finanziell lohnt er sich kaum. Wer gleichzeitig erwerbstätig ist, muss nicht selten kür­zertreten oder den Job aufgeben, weil nicht beides geht. Wie viele sich deshalb jährlich aus dem Berufsleben zurückziehen, ist unbekannt. Aber allein unter den Erwerbstätigen zählt man rund 330'000 Frauen und Männer, die jemanden pflegen. Insgesamt leisteten Angehörige im Jahr 2013 rund 64 Millionen Stunden Pflege und Betreuung im Wert von etwa 3,5 Milliarden Franken, besagt eine Studie des Spitex-Verbands Schweiz. Und die demografische Entwicklung lässt erwarten, dass sich die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2030 fast verdoppelt. Ohne Töchter, Partner, Ehefrauen, Söhne ist diese Herausforderung nicht zu schaffen.

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Nur wenige beziehen Pflegebeiträge

Das sieht auch der Bundesrat so. Ende letzten Jahres hat er einen «Aktionsplan zur Unterstützung und Entlastung von pflegenden Angehörigen» verabschiedet, der unter anderem vorsieht, die Einführung eines (bezahlten) Pflegeurlaubs zu prüfen.

Heute gibt es in einigen Gemeinden und Kantonen ein kleines Entgelt für pflegende Angehörige. «Doch die finanziellen Beiträge sind nirgends so hoch, dass sie ein wegfallendes Einkommen kompensieren», sagt Iren Bischofberger, Expertin im Bereich Angehörigenpflege. Zudem: Wer diese Beiträge bekommen will, muss hohe Hürden nehmen. Im Kanton Freiburg, wo es pauschal 25 Franken pro Pflegetag gibt, erhalten sie pro 10'000 Einwohner durchschnittlich 42. Überall sonst, wo es solche Pflegebeiträge gibt, werden diese von noch weniger Angehörigen beantragt.

Viele wissen nicht einmal, dass sie Geld zugut hätten. Schon länger gibt es etwa AHV-Betreuungsgutschriften für pflegende Angehörige. Der Bundesrat will deshalb die Informationen und insbesondere auch das Wissen um die diversen Unterstützungsmöglichkeiten fördern. In sehr vielen Gemeinden ist das Angebot nämlich durchaus vorhanden, wird aber von verschiedensten (privaten) Organisationen gestellt. Für Aussenstehende ist es schier unmöglich, sich in diesem Dschungel meist kostenpflichtiger Dienstleister einen Überblick zu verschaffen (TV-Tipp: «Pflegende Angehörige werden alleingelassen» am Sonntag, 4. Oktober 2015 bei Beobachter TV, 18.15 Uhr, SRF 1).

Kaum Zeit zur Suche anderer Lösungen

Laut Aktionsplan will der Bundesrat die Rahmenbedingungen für betreuende und pflegende Angehörige «so verbessern, dass diese sich langfristig engagieren können, ohne sich zu überfordern». Dazu ist vor allem bei einem längerfristigen Engagement auch externe Hilfe nötig. Der bekannteste Anbieter ist da die Spitex. Sie kommt aber längst nicht in jeden Haushalt, in dem jemand regelmässig auf Hilfe angewiesen ist. Selbst dann hätte man theoretisch Anspruch auf die Koordination durch eine Spitex-Pflegefachfrau. Wenn sie die Bedürfnisse erkannt hat, bietet sie die entsprechenden Dienste auf und bildet so ein Netzwerk um die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen. Bezahlt wird diese Dienstleistung von der Krankenkasse.

«Viele pflegende Angehörige funktionieren einfach ohne viel Kontakt zur Aussenwelt und haben schlicht keine Zeit, nach externen Lösungen zu suchen.»

Marco Müller, Geschäfts­leiter Entlastungsdienst Schweiz

Doch auch das ist laut Iren Bischofberger nur wenigen Angehörigen bekannt. Nicht selten suchen sie stattdessen selbst etwa nach einem bezahlbaren Fahrdienst, was ziemlich zeitaufwendig sein kann. Die Pflegefachfrau der Spitex hingegen sollte die Angebote kennen und einiges schneller fündig werden. «Allerdings muss diese Koordinationsleistung Hand in Hand mit Hausärzten und Versicherer laufen – und das ist noch nicht überall der Fall», sagt Iren Bischofberger.

«Viele pflegende Angehörige funktionieren einfach ohne viel Kontakt zur Aussenwelt und haben schlicht keine Zeit, nach externen Lösungen zu suchen», sagt Marco Müller, Geschäfts­leiter beim Entlastungsdienst Schweiz. Viele pflegende Angehörige haben auch noch nie von diesem gehört. Auch deshalb wurde 2014 der schweizerische Dachverband der regionalen Entlastungsdienste gegründet.

Aus Scham holt man sich keine Hilfe

Bremsend wirkt auch die weit verbreitete Abneigung dagegen, Fremde in sein Leben zu lassen, sagt Müller. Oft hätten die Angehörigen Hemmungen oder gar Scham zuzugeben, dass sie es nicht alleine schaffen. Und haben sie sich dazu durchgerungen, stellen sich nicht selten die Pflegebedürftigen quer. Kein Wunder, wird der Entlastungsdienst je länger, je mehr als Notfalldienst gerufen, dann, wenn kein Angehöriger mehr da ist, weil er erschöpft zusammengebrochen ist. «Solche Notfälle kommen immer häufiger vor», sagt Müller, «und die Tendenz ist eher steigend.»

Damit es nicht so weit kommt, will der Bundesrat auch die sogenannten Entlastungsangebote ausbauen. Dafür ist er allerdings auf die Kooperation von Kantonen und Gemeinden angewiesen. Doch diese stufen das bestehende Angebot mehrheitlich als ge­nügend ein und sehen keinen akuten Handlungsbedarf.

Pflegerinnen aus Osteuropa

Wohl auch deshalb weichen immer mehr pflegebedürftige Menschen auf Frauen aus Osteuropa aus, die in der Familie leben und sich mehr oder weniger Tag und Nacht um die kranke Person kümmern. Diese Lösung ist zwar selten billig und manchmal illegal, doch inzwischen bietet sie sogar die Caritas an. Zu fairen Konditionen, die natürlich ihren Preis haben.

Gratis sind in der Pflege – abgesehen von den Freiwilligen einiger Pallia­tivorganisationen und Kirchgemeinden – nur die Angehörigen. Das führt laut Marco Müller vom Entlastungsdienst Schweiz hin und wieder dazu, dass ein Vertrag mit seinem Verein nicht zustande kommt. «Eine Heimeinweisung ist für die Betroffenen oft billiger, und manchmal wird dann eben dieser Weg gewählt.»

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