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RomaEin Fenster in eine andere Welt

Viele Roma in Rumänien gehen nicht zur Schule, bleiben Analphabeten und leben in extremer Armut. Im Dorf Roșia läuft es anders: Hier wird eine Schule für Romakinder mit Spenden finanziert – auch aus der Schweiz.

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Maria denkt an ihre Mutter und schüttelt den Kopf, wie um den Gedanken loszuwerden. Dann taucht sie ab, vergräbt das Gesicht in den Händen. Die Lehrerin berührt sie an der Schulter, aber Maria spürt es nicht. Wenn man ganz nah ist, hört man, dass sie hinter den Händen eine Melodie summt. Ihre Füs­se wippen dazu im Takt.

In der Pause setzt sich Lehrerin Mihaela Hoandrã neben Maria und flüstert: «Wie geht es dir? Wo bist du?» Maria nimmt den Arm der Lehrerin, streichelt ihn. Ihre Finger sind schwarz vor Dreck. Die Haut der Lehrerin ist weiss und duftet nach Vanille.

Maria ist acht Jahre alt und gehört zur Roma-Minderheit. Ihr Gesicht wirkt grau und müde, ihr Lächeln matt, als müsse es sich an die Oberfläche kämpfen. Die Lehrerin sagt über sie: «Die Mutter ist abgehauen, der Vater Alkoholiker. Maria ist wie ein freischwebendes Teilchen im Universum.» Maria wohnt in Roșia, im Zentrum Rumäniens. Sie sagt: «Mein Vater ist stark, er kann viel Holz auf seinen Schultern tragen. Und das Schönste bei mir zu Hause ist das grosse Bett.»

Wenn man Maria erklärt, man komme aus der Schweiz, fragt sie: «Muss man weit gehen bis dorthin?» Sie gibt einen gellenden Schrei von sich, als sie hört, dass man Tage und Nächte durchwandern muss. Wenn man ihr sagt, dass jeden Tag viele Roma diese Reise auf sich nehmen, erwidert sie, fast zornig: «Du lügst! Die würden sich doch verlaufen!»

Die Schule für Romakinder liegt in Roșia. Der Ort in Siebenbürgen zählt rund 5000 Einwohner.
Quelle: Mugur Varzariu


Im Tal unten stehen die Hütten der Roma

Seit der Wirtschaftskrise haben sich immer mehr rumänische Roma auf den Weg in die Schweiz oder in andere Länder Westeuropas gemacht. Sie stehen bettelnd oder musizierend vor Kaufhäusern, schlafen unter Brücken, in Autos oder in vergammelten Wohnungen, warten auf Gelegenheitsjobs. Manche arbeiten als Erntehelfer oder auf dem Strassenstrich, manche stehlen. Die extreme Armut, in der sie in Rumänien leben müssen, treibt sie in den reichen Westen, die Hoffnung. In den Medien sind die Roma aus Rumänien längst ein grosses Thema. Oft werden sie als lästiges Problem beschrieben, und immer taucht die Frage auf, wie man dieses wieder loswerden kann. Vielleicht, indem man ihnen in ihrer Heimat eine Zukunftsperspektive bietet. Indem man in einem gottverlassenen Nest wie Roșia eine Schule speziell für Romakinder gründet. Es ist ein Versuch.

Es ist ein Tropfen auf den heissen Stein, werden manche einwenden. Andere werden kritisieren, eine eigene Schule mache die Roma erst recht zu Aussenseitern. Das stimmt. Aber irgendwo muss man anfangen. Eine Schule nur für Romakinder ist bestimmt nicht optimal. Andererseits: In Rumänien gibt es fast überall für alle Kinder dieselbe Grundschule. Nur gehen viele Romakinder dort nicht hin. Und die paar, die hingehen, werden oft von Mitschülern und Lehrern gemobbt.

Roșia ist dreigeteilt: Oben, auf der Kuppe des Hügels, leben die Rumänen. Oben gibt es eine geteerte Strasse, eine Bushaltestelle, eine Bäckerei und einen Tante-Emma-Laden, vor dem abends die Alten rauchend in der Sonne hocken. Oben gibt es die prächtigen Häuser der Siebenbürger Sachsen, die nach der Revolution das Land verlassen haben. In der Mitte, am Hang, leben die Roma, die es zu bescheidenem Wohlstand gebracht haben. In der Mitte gibt es kleine Häuser mit geteerten Innenhöfen, in denen Autos parken und Rosen in Blumentöpfen blühen. Im der Talsohle stehen die Hütten der Roma, die es nicht bis in die Mitte geschafft haben. Unten gibt es nur Sandstrassen und Schotterwege und bei Regenwetter knöcheltiefen Schlamm.

Maria wohnt unten und geht oben zur Schule. Jeden Morgen macht sie sich eine Stunde zu früh auf den Weg hinauf. «Die Schule ist mein Lieblingsort, es zieht mich einfach dorthin.» Wenn sie unten bleiben muss, weil sie krank ist oder dem Vater beim Holzsammeln hilft, weint sie. Und mittags nach Schulschluss fällt es ihr oft schwer, wieder hinabzusteigen ins Tal. Sie trödelt auf dem Pausenplatz herum, setzt sich auf die steinerne Tischtennisplatte, verharrt dort, bis sie die Langeweile und die Hitze der Sonne nicht mehr erträgt.

Mihaela Hoandrã, die Lehrerin, sagt: «Unsere Kinder kommen aus Familien, in denen oft nur geschrien und geschlagen wird. Das ist die einzige Sprache, die unsere Kinder kennen. Sie wissen nicht, wie sich die Nase putzen, wie mit Puppen spielen, wie mit Messer und Gabel essen. Sie wollen anfangs nur schmusen. Sie sind so ausgehungert.»

Die Schule, in die Maria geht, ist eine Waldorfschule. Sie wurde vor 15 Jahren von einer Deutschen gegründet, die als Lehrerin im nahen Hermannstadt arbeitete. Im Dorf gab es damals bereits eine normale rumänische Grundschule, aber in die gingen nur die Kinder, die oben oder in der Mitte wohnten. Viele Kinder von unten dachten gar nicht daran, lesen und schreiben zu lernen. Die Eltern redeten es ihnen aus: «Was bringt dir das? Schau uns an, wir brauchen es auch nicht. Hilf uns lieber, Geld zu verdienen!» Die Kinder, die dennoch zur Schule gingen, blieben nicht lange dort. Sie kamen im Unterricht nicht mit, weil ihnen zu Hause niemand bei den Schulaufgaben half. Oder weil der Stress in der Familie alle Energie raubte. Sie wurden von den Lehrern in die letzte Reihe gesetzt und ignoriert und von den anderen Kindern gehänselt, weil sie stanken, dreckig waren, barfuss und in zerrissenen Pullovern herumliefen.

In die Waldorfschule gehen nur Romakinder. Nicht alle, die unten im Tal wohnen, aber die meisten. Die Eltern, die ihre Kinder immer noch lieber als Kuhhirten oder Eisensammler arbeiten lassen, müssen sich plötzlich rechtfertigen. Vor der Gemeinschaft. Vor den Lehrern, die nicht müde werden, hinab ins Tal zu steigen, in die Hütten, um die Familien zu überzeugen.

Marias Vater kann nicht lesen

Die Rumänen vom Oberdorf loben die Waldorfschule. «Es ist gut, dass sich endlich jemand um diese armen Kinder kümmert», sagen sie. Wahrscheinlich sind sie froh, dass sie das Problem los sind. Sie selbst würden ihre Kinder nicht auf die Waldorfschule schicken. «Nein, niemals! Das ist doch eine Schule für Idioten, habe ich gehört, für Zurückgebliebene. Dort lernt man doch nichts.» Das ist die Standardantwort.

Es ist früher Nachmittag, Maria will das grosse Bett zeigen. Sie steht vor der winzigen, windschiefen Hütte, aber die Tür ist verriegelt. Sie rennt den Schotterweg hinauf und hinab. Die Familien sitzen vor ihren Hütten, Grossmütter mit bunten Kopftüchern; viele junge Frauen, fast noch Mädchen, mit Babys im Arm; Männer jeden Alters, die gelangweilt vor sich hinstarren, bis einer ein falsches Wort sagt und die anderen ihn anschreien; streunende Hunde, Hühner. Maria fragt überall nach ihrem Vater. Als sie ihn findet, hat er schon ziemlich viel getrunken. Er stinkt nach Schnaps, wankt. Maria nimmt ihn bei der Hand und führt ihn nach Hause.

Das Bett, in dem Maria und ihr Vater schlafen, ist so gross, dass es fast die Hütte ausfüllt. Es gibt daneben einen Tisch, auf dem der Fernseher steht, ein Waschbecken und einen kleinen Ofen, sonst nichts. Der Vater sagt, es tue ihm leid, dass er Maria nicht mehr als dieses schäbige Zimmer bieten könne. Er war nur drei Jahre in der Schule, kann weder lesen noch schreiben. Er hielt sich als Tagelöhner über Wasser. Immer fand er irgendwo Arbeit. Seit der Krise will ihn keiner mehr. Er und Maria leben von Sozialhilfe, rund 30 Euro im Monat. Weil das nicht reicht, sammelt er im Wald Äste, Beeren, Pilze und verkauft sie im Dorf. Er sagt: «Sie muss etwas lernen, das ist die einzige Chance, die sie hat.»

Marias Schule existiert nur dank Spenden

Die meisten Romakinder in Rumänien haben diese Chance nicht. Es gibt kaum Schulen für sie, und an den normalen Grundschulen halten sie es oft nicht bis zum Abschluss durch. Soll das Ausland, sollen kleine Vereine die Aufgaben übernehmen, um die sich eigentlich der rumänische Staat kümmern müsste? Zuschauen und abwarten? Oder handeln, zumal Westeuropa durch die Zuwanderung der Roma direkt betroffen ist? Auch Marias Schule existiert nur dank Spenden aus dem Ausland, unter anderem vom Verein «Schule für Romakinder» mit Sitz in Adliswil (siehe nachfolgender Hinweis «Der Verein ‹Schule für Romakinder›»).

Claudio Bernasconi, der den Verein leitet, reist jedes Jahr zwei- oder dreimal nach Roșia. Er sagt: «Der rumänische Staat zahlt zwar die Löhne für die Lehrer, auch Heiz- und Stromkosten. Aber alles andere wird vom Westen finanziert.» Etwa der Bau einer Kantine und das Mittagessen, das die Kinder dort bekommen – für viele die einzige Mahlzeit am Tag. Oder der Bau eines Kindergartens, einer Art Tagesstätte für Drei- bis Sechsjährige, um Kinder noch früher fördern zu können. Natürlich sei das im Grunde eine Katastrophe, sagt Bernasconi. «Aber deshalb warten, bis der Staat etwas tut? Nein. Seitdem ich gesehen habe, mit welcher Begeisterung und Dankbarkeit die Kinder in die Schule kommen, bin ich überzeugt, dass wir richtig handeln.»

Bildung ist keine Garantie für ein besseres Leben. Aber für Maria und die anderen Kinder ist sie vielleicht ein erster Schritt hinaus aus der Armut, in der ihre Familien leben. Einige ehemalige Schüler haben studiert, einer ist Ingenieur geworden, eine füllt Regale in einem Supermarkt auf, eine andere hat vor einigen Jahren ein Schneideratelier eröffnet. Eine wird im neuen Kindergarten als Kindergärtnerin arbeiten.

Eine Erfahrung, die Kinder prägen wird

Maria weiss noch nicht, was sie einmal werden möchte. Vielleicht wird sie Ärztin, vielleicht füllt sie Regale auf. Oder sie findet, wie viele andere, die auf die Waldorfschule gingen, keinen Job, bleibt in Roșia, in ihrer Hütte mit dem grossen Bett. Vielleicht hält sie es dort irgendwann nicht mehr aus und beschliesst, in die Schweiz zu kommen.

Ihre Lehrerin sagt: «Die Schule ist für die Kinder wie ein Fenster in eine andere Welt, durch das sie für ein paar Jahre blicken können. Sie sehen, dass es Alternativen gibt zum Leben ihrer Eltern.» Mihaela Hoandrã ist überzeugt, dass diese Erfahrung in den Kindern nachhallen, dass sie irgendwelche Kräfte entfesseln wird.

Schräg gegenüber von Marias Hütte steht die Hütte von Alina und ihrem Mann Alin. Beide haben die Waldorfschule besucht. Alin konnte nach dem Abschluss noch hin und wieder als Tagelöhner auf dem Bau arbeiten. Aber das ist, wegen der Krise, vorbei. Sie sitzen auf den Stufen, die zu ihrer Hütte führen. Ihre Gesichter sind trotz den Sorgenfalten frisch und freundlich. Auf die Frage, was ihnen die Schule gebracht hat, lächeln sie verlegen. Alina sagt: «Wir versuchen, unseren beiden Kindern unsere Liebe zu zeigen. Wir umarmen sie, singen mit ihnen, sagen danke und küssen sie, wenn sie uns helfen.» Sie wollen, dass die Kinder, wenn sie alt genug sind, auch in die Waldorfschule gehen. Plötzlich springt Alin auf. Er überquert den kleinen Hof, öffnet ein Gatter. Dahinter erstreckt sich ein Garten, mindestens 30 Meter lang und 20 Meter breit, in dem Kohlrabi, Zwiebeln, Kartoffeln, Karotten, Salate wachsen. So einen Garten hat sonst keiner unten im Dorf. «Landwirtschaft haben wir auch in der Schule gelernt», sagt Alin. «Davon ernähren wir uns das ganze Jahr über.»

Es ist Nachmittag. Zum Abschied kommt Maria auf den Hügel hinauf. Sie hat eine Zeichnung mitgebracht: Ein Mädchen steht unter einem Baum. Der Baum ist voller roter Äpfel.

Der Verein «Schule für Romakinder»

wurde vor sechs Jahren von Claudio Bernasconi aus Adliswil ZH gegründet. Das Geld der gut 90 regelmässigen Spender kommt ausschliesslich der Waldorfschule im rumänischen Ros¸ia zugute. Es wird unter anderem verwendet für Reparaturarbeiten, für Schulmaterial wie Musikinstrumente, für Lehrerfortbildung, Schulexkursionen oder zur Aufstockung der Lehrerlöhne, die in Rumänien zu tief sind, um damit eine Familie zu ernähren. Jüngst erhielt der Verein «Schule für Romakinder» den Bildungspreis der Mönch­altorfer Profax-Stiftung. Er nehme eine stark vernachlässigte Volksgruppe in den Bildungsprozess auf und fördere die Integration und Entwicklung des Dorfes, so die Begründung. Die Website des Vereins ist im Aufbau.

Infos: Claudio Bernasconi, Telefon 043 928 34 41; E-Mail: cgbernasconi[at]hotmail[dot]com

Veröffentlicht am 08. Juli 2013