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GartenWo Kinder aufblühen

Kinder lieben Gärten, in denen sie buddeln und beobachten können. Mit wenig Aufwand wird man diesen Bedürfnissen gerecht.

«So etwas sieht man nicht überall, oder?»: Timmo (blaues T-Shirt) und seine Freunde in der Sandanlage
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Zu siebt sind sie damit beschäftigt, einen unterirdischen Bach zu bauen: Die Kinder stehen in der grossen Sandanlage. Der Bach, so ihr Plan, soll unter einem Sandberg hindurch in ein Becken fliessen, dann in einen Kanal und so weiter. Mittwochnachmittag in einer Siedlung in Bubikon im Zürcher Oberland.

Die Kinder haben Sand zwischen den Zehen und Dreck im Gesicht und sind so in ihre Arbeit vertieft, dass ihnen die Journalistin gar nicht auffällt. Bis der zehnjährige Timmo wissen will, was sie alles in ihr ­Notizbuch schreibe. «Über unseren Garten?», fragt er und schwärmt gleich in den höchsten Tönen: «So etwas sieht man nicht überall, oder?» Er sagt stolz, dass der Sandkasten gross genug sei, dass zehn Kinder gleichzeitig darin spielen können.

Jedem seine Zone

Viele Eltern wünschen sich, dass sich Kinder in ihrem Garten genauso wohl fühlen können wie Timmo in seinem. Ein Ort, an dem die Kleinen spielen, beobachten und sich beschäftigen können. Wie gestaltet man seinen Umschwung möglichst kinderfreundlich? «Am liebsten ist Kindern, wenn der Garten eine Baustelle bleibt, wo sie viel bewegen, graben und verändern können», sagt Felix Meier aus Meilen ZH, als Gartenbauer spezialisiert auf Gärten für Kinder und selbst sechsfacher Vater. Eltern hin­gegen würden meist einen Garten wollen, der auch nach Garten aussieht.

Wer also seine grüne Fläche familienfreundlich gestalten möchte, steht zuerst einmal vor der Frage, wie er die verschiedenen Bedürfnisse berücksichtigen kann. Bekommen die Kinder ihren Teil, soll dafür zum Beispiel das lauschige Plätzchen mit den Liegestühlen der Eltern für sie tabu sein. Erst wer solche Grundsatzfragen geklärt hat, widmet sich der eigentlichen Gestaltung. Gärten, die für Kinder interessant sind, lassen sich nicht mit einem Blick erfassen, sondern zeichnen sich aus durch verschlungene Pfade, Terrainunterschiede, Nischen und Hecken. Hier lässt es sich verstecken und entdecken.

In Bubikon führt ein kleiner Weidentunnel am Grundstück entlang. Auf einem Erdwall wachsen Sträucher, deren Ruten sich zum Spielen eignen, zum Beispiel ­Hasel. Gleich unterhalb steht ein Piratenschiff aus Rundholz und Brettern. In diese wilde, dynamische Fläche ist die Sand­anlage integriert. Sie ist gefüllt mit Grubensand, der im Gegensatz zu gewaschenem Sand noch Lehmanteil enthält und sich deshalb besser eignet zum Bauen von Burgen, Kanälen und Pfützenseen. So bleibt ein Sandbereich auch für ältere Kinder interessant, wie für Timmo und seine Freunde. Da Grubensand härter wird als üblicher Spielkastensand, muss er zwischendurch gelockert werden, ist aber wegen seiner Festigkeit bei Katzen als Klogelegenheit weniger beliebt.

Ebenfalls wichtig für die Sandanlage ist Wasser. Wer seine Kinder nicht unkontrolliert Trinkwasser verbrauchen lassen möchte, installiert beim Wasserhahn einen Dosierknopf, der auf Druck eine bestimmte Menge Wasser abgibt. Oder man baut bei einem Regenfass einen Hahn ein und lässt die Kinder mit Regenwasser ihre Sandgräben füllen.

Auch in Bubikon ist der Wasserfluss kontrollierbar. Die Kinder verlangen nun nach mehr, denn im Bach fliesse noch zu wenig Wasser. Siân Sprenger gibt dem Bitten nach. Sie ist die Mutter von zwei der Kinder und betreut die Anlage zusammen mit ihrer Mutter Claudine Sprenger seit fünf Jahren.

«Der Einsatz lohnt sich sowieso»: Siân und Claudine Sprenger betreuen den Bubiker Garten.
Quelle: Gerry Nitsch

Eine Oase, von der alle etwas haben

Der Garten mit den Gemüsebeeten, der Grillstelle, den Holztischen und dem Spielbereich für die Kinder befindet sich auf der gemeinsamen Landfläche von 24 Stockwerkeigentümern, deren privates Stück ­Rasen zu klein ist für einen solchen Garten oder die nur einen Balkon haben. Der ­Garten wird also nicht nur von Familien, sondern auch von Paaren ohne Kinder ­genutzt. «Es gibt natürlich immer wieder Diskussionen unter den Eigentümern», sagt Siân Sprenger, «aber das ist normal, und wenn man das Resultat sieht, lohnt sich der Einsatz sowieso.»

Siân und Claudine Sprenger planen mittlerweile auch Spielplätze bei Kinder­tagesstätten, Schulen und in Gemeinden. Sie ergänzen sich: Tochter Siân ist Hochbauzeichnerin, Mutter Claudine ist Sozialpädagogin. Sie orientieren sich bei ihrer Arbeit stark an Alex Oberholzer, einem Biologen und Gartengestalter aus Solothurn. Der letztes Jahr Verstorbene hatte sich zeitlebens mit der Frage beschäftigt, welche Gärten Kinder lieben. Und welche Spiel­geräte wie lange gefragt sind: fünf Minuten oder zwei Stunden? Oberholzer, der in der Schweiz als Pionier für die Gestaltung ­naturnaher Gärten für Kinder gilt, kam stets auf die gleiche Antwort. Klettertürme und Schaukeln werden jeweils nur kurz benutzt. In ein vertieftes, manchmal stundenlanges Spiel versinken Kinder hingegen mit Wasser, Sand, Stecken und Steinen.

Sitzen, plaudern, turnen, graben: Gross und Klein sollen sich am Garten freuen können.
Quelle: Gerry Nitsch

Vom Strauch in den Mund

«Und sehen Sie hier überall die Beerensträucher», sagt Timmo, «sie stehen nicht wie an anderen Orten im Gemüsegarten und dürfen nicht berührt werden. Wir können uns alle bedienen.» Timmo bringt es auf den Punkt: In einem kinderfreundlichen Garten dürfen Beerensträucher zum Naschen auf keinen Fall fehlen. Im Sommer die kleinen Früchtchen pflücken und direkt in den Mund schieben zu können ist einfach toll.

Die Sträucher lassen sich zum Beispiel einem Wegstück entlang als Beerenallee setzen. Bei der Auswahl ist es sinnvoll, da­rauf zu achten, dass es möglichst den ganzen Sommer über etwas zu naschen gibt. Sehr früh tragen Maibeeren ihre reifen blauen Früchte. Es folgen Stachel-, Johannis-, Josta- und Heidelbeeren, und im September runden die Herbsthimbeeren die Saison ab. Immer beliebter wird auch das sogenannte Säulenobst. Zwetschgen, Kirschen und Äpfel wachsen direkt am Mittelstamm und können deshalb auch schon von den Kleinsten geerntet werden.

Für viele Eltern stellt sich beim Thema Beeren und Früchte die Frage nach giftigen Pflanzen. Vergiftungen in Zusammenhang mit Pflanzen sind zwar relativ selten – pro Jahr gibt es in der Schweiz rund einen Fall eines Kinds, das sich durch die Einnahme von Pflanzenteilen schwer vergiftet. «Doch auch wenn es Ausnahmefälle sind, soll man versuchen, sie zu vermeiden», sagt Christine Rauber-Lüthy, leitende Ärztin am Toxikologischen Informationszentrum in Zürich. Grundsätzlich sei sie dagegen, dass man alle toxischen Pflanzen aus dem Garten verbanne, auch die leicht toxischen. «Ein Kind kann lernen, dass etwa Maieriisli nur zum Riechen sind, nicht zum Einnehmen.» Kompromisslos hingegen solle man bei stark giftigen Pflanzen sein wie Eibe, Tollkirsche oder Riesen-Bärenklau. Auf www.toxi.ch sind die Pflanzen aufgelistet, die man besser nicht im Garten duldet. Wer in seinem Garten Sträucher und Stauden hat, die er nicht kennt, schneidet am besten ein Zweiglein ab und fragt in der Baumschule oder der Gärtnerei nach.

Südamerika gleich vor der Haustür

Und was ist mit den Gartenbeeten für Kinder? «Aus eigenem Antrieb kommen die Kinder selten auf die Idee, ein Beet mit ­Gemüse anzulegen», sagt Gartengestalter Felix Meier. «Aber wenn sie dazu animiert werden, machen sie beim Pflanzen und Ernten gern mit.» Ein Profi in diesem Bereich ist die Naturpädagogin Ursula Miranda, die bei Stadtgrün Bern für das Projekt «Grünes Klassenzimmer» verantwortlich ist. Sie zeigt den Kleinen zum Beispiel, wie man Kartoffeln pflanzt oder Ringelblumensamen erntet. «Wichtig ist, dass man selbst begeistert ist und den Kindern die Inhalte spannend verpackt», erklärt Miranda, die etwa eine Reise nach Südamerika inszeniert, wenn es darum geht, Mais, Kürbis oder Bohnen zu säen – Pflanzen, die aus diesem entfernten Erdteil den Weg nach Europa gefunden haben. Oder die Kinder werden zu Forschern, die die Arbeit des Regenwurms untersuchen. «Am Anfang finden sie ihn vielleicht noch gruusig, am Ende ist er ihr Held», sagt Miranda.

Solche Erfahrungen seien für die Entwicklung der Kinder sehr wichtig, ist sie überzeugt. Die Grob- und die Feinmotorik werden gefördert, das Selbstwertgefühl gestärkt, Kinder werden experimentierfreudig in Sachen Geschmack. «Ich erlebe auch immer wieder, wie abgestumpfte Kinder im Garten geweckt und neugierig werden», sagt Miranda. Dabei ist es nicht einmal zwingend, einen eigenen Garten zu haben. Denn Kartoffeln, Beeren und Tomaten wachsen auch auf dem Balkon. Und wer statt Geranien blühende Kräuter in die Kistchen setzt, bekommt schon bald Besuch von allerlei Insekten.

Die Kinder in Bubikon sind mit ihrem Bachlauf fertig und wenden sich der Reckstange, den Holzrugeli und der Hängematte zu. Nach einer Pause kehren sie in die Sandanlage zurück und sind an diesem Nach­mittag insgesamt zwei Stunden glücklich mit Sand, Wasser, Kessel und Schäufelchen.

Mit Wasser machts mehr Spass: Ein Hahn in der Nähe des Sandhaufens ist empfehlenswert.
Quelle: Gerry Nitsch

Abenteuer Natur: Woran Kinder im Garten ihre Freude haben

Lecker: Der Naschgarten

In diesem Beet wachsen Gemüse und Früchte, und die Kinder dürfen sich laufend bedienen. Zum Beispiel ­Monatserdbeeren, die während der ganzen Saison Früchte tragen. Oder Gemüse, das gut ankommt und gern vom Beet weg gegessen wird: Radiisli, Rüebli oder Cocktailgürkli.

Lauschig: Ein Weidenhaus oder ein Bohnenzelt

Weidenhäuser, die mit Hecken und Schlangenpfaden kombiniert sind, ­benutzen Kinder gern zum Spielen. So ein Haus ist einfach zu bauen, da in den Boden gesteckte Weidenruten rasch wurzeln und sich die Weiden schnell entwickeln. Der Rückbau ist ­jedoch aufwendig: Wenn man nicht das ganze Wurzelwerk erwischt, schlagen Weiden wieder aus. Eine einfachere Variante ist das Tipi auf Zeit, das jedes Jahr wieder errichtet wird. Dazu steckt man mindestens zweieinhalb Meter lange stabile Stecken (zum Beispiel Bambus) im Kreis in den Boden und bindet die oberen Enden zusammen. Am Fuss jedes Steckens wird die Erde gut gelockert und allenfalls mit Gartenerde oder Kompost vermischt. Drei bis fünf Bohnen hineinstecken und die Erde schön feucht halten. Innert weniger Wochen haben die Bohnen die Stecken umklettert und ein schönes Zelt gebildet. Vor allem die Feuerbohne eignet sich gut, da sie schnell wächst und die Blüten schön rot leuchten.

Lehrreich: Die Arbeit des Wurms

Ein kleines Regenwurm-Terrarium braucht nicht viel Aufwand: In ein Glas mit einem Durchmesser von rund zwölf Zentimetern füllt man schichtweise Sand und Erde. Die Erde befeuchten und zuoberst Rüstabfälle hinlegen. Nun in einem Komposthaufen oder in einer Grünfläche mit einem Schäufelchen ­zirka zehn Regenwürmer suchen und ins Glas ­legen. Das Glas an einen schattigen Ort stellen ­(Regenwürmer mögen kein Licht), von Zeit zu Zeit hervornehmen und beobachten, wie sich die ­Würmer durch die Schichten bewegen, wie sie Rüstabfälle holen und in ihre Gänge ziehen. Nach spätestens vier Wochen das Glas über einer Erd­fläche oder einem Komposthaufen ausschütten.

Lebhaft: Ein Hotel für Insekten

Aus ein paar Brettchen wird ein Rahmen gezimmert. Oder man nimmt aus einer hölzernen Weinkiste den Boden heraus. Nun wird der Rahmen gefüllt mit Strohhalmen, leicht verwitterten Ästen mit eingebohrten Löchern bei der Schnittfläche oder Schilf- oder Bambusröhrchen. Dieses Wildbienenhotel hängt man an die Balkonwand und kann schon bald beobachten, wie die Herberge bewohnt wird. Sind die einzelnen Löcher mit einer feinen Schicht verschlossen, hat das Wildbienchen dort seine Brut abgelegt. Mit Wildbienenhotels leistet man einen Beitrag zum Artenschutz, denn für Wildbienen wird es immer schwieriger, Brutstätten zu finden.

Löchrig: Der Kübel für Kartoffeln

Kartoffeln gedeihen sehr gut in einem alten Kübel. In den Boden ein paar Löcher stechen, damit das Wasser ablaufen kann. Den Kübel mit Erde füllen und eine Kartoffel reinstecken. Den Eimer an einen sonnigen Platz stellen, angiessen und regelmässig mit Wasser versorgen. Wenn das Laub abstirbt, können die Knollen geerntet werden. Anstelle eines Kübels können auch Pflanzsäcke oder die stabilen, plastifizierten Einkaufstaschen der Grossverteiler verwendet werden. Auch hier muss der Boden ein paarmal durchstochen werden. Tomatenstöcke, Peperoni und Beeren wachsen ebenfalls sehr gut in Töpfen oder Säcken.

Lustig: Die Perlenkette aus Samen

Wenn nicht im Garten, sammelt man eben am Waldrand und entlang von Hecken allerlei Samen und Früchte wie Eicheln, Hage­butten, Kastanien und Sonnen­blumenkerne und bastelt mit ­dünnen Nylonfäden eine Kette. Bester Zeitpunkt ist der Herbst.

Weitere Infos


Buchtipps

  • Irmela Erckenbrecht, Rainer Lutter: «Der Spielgarten»; ­Pala, 2012, 156 Seiten, 26 CHF
  • Alex Oberholzer, Lore Lässer: «Gärten für Kinder»; Ulmer, 2003, 144 Seiten, CHF43.90
  • Dorothea Baumjohann: «Das Kinder-Gartenbuch»; BLV, 2012, 120 Seiten, CHF 26.90
  • Anke M. Leitzgen, Thekla Ehling, Judith Drews: «Meine Gartenwerkstatt»; Gerstenberg, 2013, 144 Seiten, CHF 29.90
Veröffentlicht am 14. Mai 2013