Wer den 33-jährigen Architekten Simon Joller zu Hause besucht, staunt erst mal. In seiner Berner Altstadtwohnung liegen auf der Garderobe sechs Velohelme. Die Fahrräder dazu sind in Wohnung, Hausflur und Keller verstaut. Zehn Velos besitzt Extremsportler Joller insgesamt. Ein Rennvelo und ein Mountainbike für Triathlon oder Gigathlon, je ein Ersatzvelo, ein Tandem, zwei Stadtvelos, ein Militärvelo und zwei Sammlerstücke im Wert von über 30000 Franken. «Ich bin begeisterter Mountainbiker», so Joller. «Meine Liebe zum Extremsport stammt von den Bikerennen.»

Mindestens zehn Stunden pro Woche trainiert er neben seinem 80-Prozent-Job: Velofahren, Joggen, Schwimmen und Inlineskaten. Sport ist Simon Joller sehr wichtig; er hat schon an vielen Rennen teilgenommen, auch am Expo-Gigathlon. Auf seine Ausrüstung legt er denn auch grössten Wert: «Ich muss immer das neuste und beste Material haben, sonst ist mir nicht wohl.» Bis zu 20000 Franken gebe er pro Jahr für Sportartikel und Trainingslager aus ohne Velos. Das brauche es, um für all die Sportanlässe gerüstet zu sein.

Fast kein Wochenende vergeht im Sommer ohne grösseren Sportevent. Inline One-Eleven, Swisspower-Gigathlon, Ironman, Powerman, Jungfrau-Marathon, Inferno-Triathlon, Grand Raid Cristalp, 100 Kilometer von Biel: Kein anderes Land von der Grösse der Schweiz hat eine ähnliche Dichte an Ausdauerprüfungen.

Anzeige

Rund 700000 Inlineskater, 2,5 Millionen Velofahrer und 400000 Läufer gibt es nach Angaben der jeweiligen Verbände in der Schweiz. Natürlich sind das nicht alles Extremsportler. Aber die Teilnehmerzahlen bei Tri- und Duathlons zeigen: Es werden immer mehr. Innerhalb der letzten fünf Jahre hat sich die Zahl der Startenden auf über 20000 mehr als verdoppelt.

Runningzubehör ist ein Renner

Sportpsychologen nennen Wohlstand und mehr Freizeit als ideale Rahmenbedingungen für den Extremsport. Ein Triathlon oder Gigathlon ist teuer und erfordert grosse Investitionen in Sportartikel wie Laufschuhe, Fahrräder oder Schwimmanzüge. Der Schweizer Triathlonverband listet auf seiner Homepage auf, was ein Triathlet so alles braucht: Neoprenanzug, Badekappe, Kälteschutz, Handschuhe, Velohelm, Sonnenbrille, Stirnband, Bidon und vieles mehr. «Das Budget für eine Woche Gigathlon beträgt etwa 20000 Franken inklusive Startgeld», sagt Simon Joller.

Anzeige

Kein Wunder, geht es dem Schweizer Sportfachhandel gut. Innerhalb von zehn Jahren haben sich die Umsätze um fast 50 Prozent erhöht. Letztes Jahr wurden rund 1,9 Milliarden Franken mit Sportartikeln umgesetzt; besonders gute Zahlen wurden in den Bereichen Outdoor und Running erzielt (siehe «Sportartikel», unten). Claude Benoit, Präsident des Verbands Schweizer Sportfachhandel, sagt denn auch: «Die grossen Sportanlässe sind sehr motivierend für unsere Branche. Die Leute werden gluschtig auf Sport, und dementsprechend kaufen sie sich neue Ausrüstungen.» Er sieht der Zukunft deshalb gelassen entgegen: «Die Events nehmen laufend zu das kann uns nur nützen.»

So sieht es auch Gerda Berger von Athleticum. Seit 1996 sponsert die Sportartikelfirma den Schweizer Ironman, den Triathlon über 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Velofahren und 42 Kilometer Laufen. «Der Ironman verbindet mehrere Sportarten, und das ist gut für uns, denn wir verkaufen ja alle Artikel, die es dazu braucht.» Durch dieses Sponsoring werde ihre Firma bekannt und ziehe neue Kunden an. Erfolgreich: Dieses Jahr wird das Filialnetz auf 15 Geschäfte erweitert.

Anzeige

Offensiv sponsert auch die Schweizer Fahrradfirma BMC. Unter Vertrag sind bei ihr das Phonak Cycling Team, das EWZ Power Team das erfolgreichste Schweizer Triathlonteam und der Bündner Extremsportler Andrea Clavadetscher. Der gewann kürzlich das Nonstop-Radrennen Race Across America (4800 Kilometer von der Ost- an die Westküste). «Die Leute identifizieren sich über Idole. Clavadetscher ist deshalb das perfekte Aushängeschild für uns», sagt BMC-Geschäftsführer Andreas Kessler. Nach einem Event wie der Tour de Suisse verkaufe BMC jeweils bis zu 15 Prozent mehr Fahrräder.

Auch Roy Hinnen, Inhaber eines Triathlon-Ausrüstungsshops in Bonstetten ZH, spürt jeweils eine direkte Auswirkung der grossen Events auf den Umsatz. «Dank dem Expo-Gigathlon haben wir dieses Jahr 40 Prozent mehr Neoprenanzüge verkauft», sagt der ehemalige Schweizer Meister im Triathlon stolz. So ein Wetsuit kostet zwischen 400 und 600 Franken.

Anzeige

Dass mit Grossanlässen viel Geld verdient werden kann, zeigt eine Studie über den Jungfrau-Marathon, der im September zum zehnten Mal durchgeführt wird: 5,5 Millionen Franken beträgt dort die Wertschöpfung. Sport ist also ein gutes Geschäft. Für viele Sportler spielt das aber keine Rolle. «Was wirklich zählt, sind die Leistung, das unheimlich schöne Gefühl, seine Grenzen immer weiter hinauszuschieben», sagt Simon Joller nüchtern.

Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.
Anzeige