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Gülen-BewegungDas Netz der Konservativen

Das Netz der Konservativen
Bild: Getty Images

Unter dem Stichwort «Dialog» verbreitet sie einen konservativen Islam: Die Gülen-Bewegung ist in der Schweiz angekommen.

von Peter Johannes Meier und Gian Signorell

Dialog heisst ihr Schlüsselwort, ihr Schweizer Zentrum ist das Dialog-Institut in Zürich. Hier empfängt eine Gruppe von Muslimen Politiker, Medienschaffende, Wissenschaftler und Vertreter anderer Religionsgemeinschaften. Für Vorträge und zum sogenannten interreligiösen Gedankenaustausch. Verbindendes betonen statt Trennendes suchen: der goldene Weg in die Multireligionsgesellschaft? Die Medien berichten wohlwollend über das Institut. Einzelne Referenten verlassen es gar euphorisiert: So ermunterte die Zürcher Polizeivorsteherin Esther Maurer nach einem Vortrag ihre Polizisten, für einmal Ramadan zu feiern. Der Aufruf soll mässig befolgt worden sein. Für den 5. November ist der Zürcher Justizdirektor Markus Notter angekündigt.

Recherchen des Beobachters zeigen, dass hinter dem Institut und weiteren Einrichtungen eine umstrittene islamische Bewegung steht: das Netzwerk von Fethullah Gülen, das sich von der Türkei aus über die ganze Welt spannt. Der charismatische Prediger, der in den USA lebt, will Muslime mit Hilfe des türkischen Mittelstands in die Gegenwart führen. Gülen predigt einen konservativen Islam, der sich unabhängig vom Staat in der Gesellschaft durchsetzen soll. Er ruft Muslime dazu auf, sich in westlichen Gesellschaften nicht abzuschotten, sondern sich darin erfolgreich zu bewegen. Daran arbeitet die Gülen-Bewegung mit geschätzten fünf Millionen Anhängern in einem losen, weltweiten Verbund von Stiftungen, Schulen, Zeitungen und TV-Stationen.

«Wir wollen keine frustrierten Muslime»

«Durch eine gute Ausbildung können sich junge Muslime besser in unsere Gesellschaft integrieren», sagt der 34-jährige Cebrail Terlemez, Geschäftsleiter des Dialog-Instituts. Die Elterngeneration, meist unqualifizierte Arbeiter, sei oft nicht in der Lage, ihre Kinder ausreichend zu unterstützen. «Hier springen unsere Bildungsinstitutionen ein. Wir wollen keine frustrierten Muslime, die sich in einer Parallelgesellschaft bewegen», so Terlemez. Das Schweizer Gülen-Netzwerk umfasst neben dem Dialog-Institut Ausbildungszentren für Schüler und Studenten, die von der Stiftung Sera betrieben werden. In Zürich hat sie im August eine erste Sekundarschule eröffnet. Terlemez betont, dass die in der Schweiz üblichen Schulfächer unterrichtet würden. «Das sind keine religiösen Schulen. Religion gibt es dort gar nicht als Schulfach.» Die Institutionen werden laut Terlemez massgeblich von türkischen Unternehmern in der Schweiz finanziert.

Für die Berliner Gülen-Expertin Claudia Dantschke steht ausser Frage, dass solche Schulen dazu genutzt werden, neue Anhänger zu gewinnen. «Das läuft auf einer informellen Ebene ab. Schüler und Studenten werden zum Beispiel motiviert, in eine muslimische Wohngemeinschaft zu ziehen. Dort werden sie dann angehalten, streng islamisch zu leben.» Bekim Agai von der Universität Halle, der über die Gülen-Bewegung eine Dissertation geschrieben hat, unterstreicht die Bedeutung dieses informellen Bereichs, um Führungsleute zu rekrutieren.

Gülen selber wird bei den Projekten kaum je als geistiger Vater erwähnt. Islamwissenschaftler kritisieren denn auch die undurchsichtige Struktur und Finanzierung der Bewegung. «Vor allem Jugendliche, die über Moscheenbesuche nicht mehr zum Islam finden, werden über Bildungsveranstaltungen angesprochen. Was an Kursen und vor allem darüber hinaus gelehrt wird, ist undurchsichtig», sagt der Berner Islamwissenschaftler Reinhard Schulze. Sein Kollege Ralph Ghadban von der Evangelischen Fachhochschule Berlin unterstellt Gülen gar eine «islamistische Auffassung», die unter «pseudomodernistischem Lack» getarnt werde. In Deutschland ist die Bewegung in nahezu jeder Stadt aktiv.

Dialog-Geschäftsleiter Terlemez bestätigt, dass sich Gülen-Anhänger nicht als Reform-Muslime verstehen. «Wir wollen vielmehr zeigen, dass man auch als traditioneller Muslim in der Schweiz integriert und beruflich erfolgreich leben kann.»

Erst der Koran, dann die Wissenschaft

Eine Mitstreiterin am Dialog-Institut ist Ümran Bektas. Die Psychologiestudentin mit türkischen Eltern ist in der Schweiz aufgewachsen. «Ein Jahr vor der Matur entschied ich mich, auch äusserlich nach meiner Religion zu leben.» Seither trägt die inzwischen verheiratete Frau ein Kopftuch. «Es gab schon seltsame Reaktionen. Eine Freundin meinte, ich könne ihr doch sagen, dass ich dazu gezwungen werde. Es war aber mein freier Entscheid.» Gülen verlangt von den Frauen nicht, ein Kopftuch zu tragen. Dennoch tun es die meisten Anhängerinnen.

Institutsleiter Terlemez ist im Thurgau aufgewachsen und besuchte die Milli-Görüs-Moschee in Bürglen. Als Student lebte er in einer WG mit türkischen Männern. «Zuvor sammelte ich Erfahrungen in einer gemischten WG. Obwohl ich die Mitbewohner mochte, waren Konflikte programmiert. Das geht vom Ausziehen der Schuhe – wir Muslime beten auf dem Teppich – übers Essen bis zum freizügigen Herumlaufen von Mitbewohnerinnen.»

Gülen-Anhänger betonen stets ihr Interesse für wissenschaftliche Erkenntnis. Dies mit einem konservativ-islamischen Glauben zu vereinbaren scheint für sie kein Problem: Die Evolution erklären sie – ähnlich wie evangelikale Bewegungen – mit einer kreationistischen Theorie. Gülen selber schreibt: «Koran und Hadith [die Überlieferungen Mohammeds] sind wahr und absolut. Wissenschaftliche Fakten sind wahr, solange sie mit Koran und Hadith übereinstimmen. Sobald sie von Koran und Hadith wegführen, sind sie fehlerhaft.»

Veröffentlicht am 2009 M10 23