«Die Aufbewahrung der körpereigenen Stammzellen kann für die Gesundheit Ihres Kindes lebenswichtig sein», wirbt die Firma Cryo-Cell auf ihrer Homepage. Das US-Unternehmen offeriert schwangeren Frauen, das Nabelschnurblut ihres Neugeborenen 20 Jahre lang aufzubewahren. Der Preis für die Dienstleistung: 1950 Franken. Verkauft wird das Angebot als «biologische Lebensversicherung»: Das tiefgefrorene Blut könne dem Kind vielleicht später einmal das Leben retten, weil es Stammzellen enthält.

Weltweit betreiben bereits mehrere Firmen private Nabelschnurblutbanken. Cryo-Cell ist die erste, die in der Schweiz aktiv wird. «Die Nachfrage ist enorm», sagt Wolfgang Rogner von Cryo-Cell. Zurzeit sucht er von Deutschland aus Kontakt zu Schweizer Gynäkologen, um sie über die private Blutbank in Belgien zu informieren. Derweil nutzen Schweizer Frauen bereits heute fleissig das Internetangebot von Cryo-Cell: Schwangere schliessen mit der Firma einen Vertrag ab und erhalten nach einer Vorauszahlung Material und Anweisungen, wie das Blut kurz nach der Geburt aus der Nabelschnur gewonnen und möglichst schnell zur Spenderbank nach Belgien transportiert wird. Dort bereitet Cryo-Cell nach eigenen Angaben das Blut auf und friert es ein.

Das ärgert Schweizer Ärzte. Beate Schnarwyler, Leitende Ärztin der Maternité Triemli in Zürich, findet das Vorgehen der Cryo-Cell problematisch: «Es ist nicht seriös, den Frauen ein Set in die Hand zu drücken und die Verantwortung den Spitälern zu überlassen», sagt sie. Die Technik der Blutentnahme sei schwierig, und die Mediziner seien nicht instruiert. Zudem stehe nicht fest, wer den Mehraufwand im Spital bezahlen soll. Immerhin müsse für die Blutentnahme eine weitere Fachperson anwesend sein.

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Klinische Beweise fehlen

Für André Tichelli vom Kantonsspital Basel ist es beim heutigen Stand der Wissenschaft sinnlos, das Nabelschnurblut auf privater Basis aufzubewahren. «Die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering, dass ein neugeborenes Kind in den nächsten 20 Jahren an einer Krankheit leiden wird, bei der das eigene Nabelschnurblut verwendet werden kann», so der Hämatologieprofessor.

Und ob das Nabelschnurblut je einmal zur Heilung von weiteren Krankheiten taugen wird, wie das Cryo-Cell verheissungsvoll andeutet, steht in den Sternen. Eine Idee ist, dass aus den Stammzellen einmal Knochen-, Muskel- oder Nervenzellen entstehen, die zur Heilung von Krebs, Herzinfarkten oder Hirnschäden beitragen könnten. Doch bisher wurde noch kein einziger klinischer Beweis dafür erbracht, dass im Nabelschnurblut ein solches Potenzial steckt. Es ist daher völlig offen, ob sich diese Vorsorge tatsächlich irgendwann einmal auszahlen wird.

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Das Geschäft mit der Hoffnung verunsicherter Eltern ist gleichwohl lukrativ. Cryo-Cell hat weltweit bereits 38000 Proben eingefroren. Wolfgang Rogner: «Es ist kein Wundermittel, aber diese Zellen können vielleicht in Zukunft einmal Verbrennungen, Alzheimer oder Diabetes heilen.» Er preist sein Angebot unbescheiden als «Gesundheitsaktie» an.

Ruth Baumann-Hölzle hält als Medizinethikerin nichts von der Vermarktung der Gesundheit: «Cryo-Cell verkauft Hoffnung ganz nach dem Prinzip: Nützt es nichts, so schadet es nicht.» Zudem könnten sich dieses teure Angebot nicht alle leisten. Und sie fragt sich: «Wer kontrolliert die Qualität dieser Angebote?»

Theodor Weber vom Bundesamt für Gesundheit ist überrascht, als er vom Beobachter von den Blutentnahmen für Cryo-Cell erfährt. «Wie bei jedem Transplantat unterliegt das Entnehmen und Exportieren von Nabelschnurblut der Melde- und der Bewilligungspflicht», sagt der Leiter der Fachstelle Transplantation und Forschung am Menschen. «Wenn diese nicht eingehalten werden, schreiten wir ein.» Wolfgang Rogner von Cryo-Cell: «Bis anhin hat sich niemand dafür interessiert. Wir klären die Rechtslage jetzt ab.»

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