Trotz «mehr Geld» und «mehr Europa» will es der EU einfach nicht gelingen, den Patienten Griechenland zu stabilisieren. Im Gegenteil. Immer neue Banken und Länder sind von der Entzündung befallen. In zunehmender Verzweiflung verschreiben die Euro-Mediziner deshalb stets stärkere Dosen des in ihren Augen einzigen wirksamen Medikaments: Wachstum.

«Mehr desselben» statt einer alternativen Therapie ist das Standardrezept der Politik. Und leider führt es allzu oft erst recht ins Desaster. Denn «mehr desselben» ist, wie der berühmte Psychoanalytiker Paul Watzlawick nachgewiesen hat, «eines der erfolgreichsten und wirkungs­vollsten Katastrophenrezepte».

Tatsächlich ist zu befürchten, dass auch die bisher so verlässliche Medizin «Wachstum» diesmal an ihre Grenzen stösst. Nicht nur in Europa, sondern auch in der Schweiz. Beispiele dafür finden sich jede Woche:

  • Um die Wirtschaft zu ölen, die steigende Zahl von Pflegebedürftigen zu betreuen, die Sozialwerke zu finanzieren, soll die Bevölkerung wachsen – auch wenns nur kurzfristig hilft und die Nachteile der Zuwanderung immer spürbarer werden.
  • Um die zunehmende Bevölkerung zu transportieren und zu versorgen, müssen die Kapazitäten auf Strasse und Schiene ausgebaut werden – auch wenns nie genügt und der Raum dafür begrenzt ist.
  • Um den Flughafen Zürich als Arbeit­geber zu erhalten und Zürich im Interesse der Wirtschaft global zu vernetzen, sollen mehr Flieger starten und landen – auch wenn der Lärm immer mehr Anwohnern den Schlaf raubt.
  • Um immer mehr Menschen mit Energie zu ­versorgen, müssen zusätzliche Leitungen und Anlagen gebaut werden – auch wenn neue AKWs kaum mehr eine Option sind und alternative Energieprojekte vielerorts blockiert sind.
Anzeige

Wenn die Nebenwirkungen überhandnehmen

Die bekanntesten Nebenwirkungen der unablässigen Wachstumstherapie sind Zersiedelung, Kulturlandzerstörung, Stress, Gier nach mehr und – als Folge davon – eine sich immer stärker öffnende Schere zwischen Arm und Reich mit wachsendem Konfliktpotential.

Sicher, das Rezept des permanenten Wachstums hat sich für die Menschen vorab in den USA, in Europa und in der Schweiz jahrzehntelang gelohnt. Unser Leben wurde angenehmer, die Freizeit und die Wünsche wuchsen mitsamt den Wohnungen und Gärten.

Doch 20 Jahre nach dem Weltgipfel von Rio entpuppt sich das Ziel vom nachhaltigen Wachstum als Illusion. Unsere Welt nimmt Schaden am Immunsystem. Das Allheilmittel Wachstum kann die akuten Leiden auch mit «mehr desselben» bestenfalls lindern, aber die Krankheit nicht therapieren.

Anzeige

Die Folgen mögen noch für einige Jahre erträglich sein. Doch die Bewegungs- und Entwicklungsfreiheit für Nachkommende wird buchstäblich verbaut, und die Handlungsmöglichkeiten werden durch zu hohe Schulden eingeengt.

Wir müssen da durch – auch wenn es weh tut

Doch was ist die Alternative? Was die «paradoxe Intervention», die Watzlawick empfehlen könnte? Als Erstes müssen wir lernen, dass weniger auch mehr sein kann. Glück misst sich nicht an Besitz. Verzicht kann auch freier machen.

Ein Zeichen der Hoffnung gibts beim Verkehr. Das Auto, lange als unverzichtbares Symbol für Unabhängigkeit und Familienglück verehrt, verliert an Attraktivität. Mobilitätsstudien in den USA und in der Schweiz zeigen, dass immer weniger junge Menschen die Fahr­prüfung machen und ein Auto besitzen wollen. Diesen Trend sollten Strassen­planer berücksichtigen.

Anzeige

Immer mehr junge Menschen streben nach einer idealen Work-Life-Balance. Ihre Ziele sind eine eigene Wohnung und mehr freie Zeit und nicht das Einfamilienhaus dank Fulltime-Job. Der Vorteil: Die bestehende Arbeit kann auf mehr Köpfe verteilt werden. Zudem wird weniger Bauland verbraucht.

Diese Trends belegen, wenn auch erst zaghaft, dass in der Beschränkung aufs Wesentliche auch Werte gewonnen werden können. Es ist höchste Zeit, entsprechende Visionen für ein neues lebenswertes Gesellschaftsmodell zu entwickeln, das auf weniger wildem Wachstum basiert.

Die richtige Therapie gegen die Krise heisst deshalb Wachstumsentwöhnung, auch wenn das kurzfristig weh tut, wie bei jedem Süchtigen. Es gibt keine Alternative zur Korrektur, wir müssen da durch. Je länger wir warten, desto härter die Folgen.

Alle Wachstumsprojekte einschliesslich der Zuwanderung müssen darauf geprüft werden, ob sie uns nur temporäre Gewinne versprechen oder auch in 20 oder 50 Jahren noch dienen. Denn beim Wachstum ist es wie bei jedem Heilmittel: Es ist die Dosis, die gesund oder krank macht.

Anzeige