Vor zwei Jahren rief der Chefökonom des Gewerbeverbands, Rudolf Horber, die Schweizer Firmen dazu auf, «vermehrt direkt aus dem Ausland zu importieren». So könnten sie die Produktionskosten senken und zumindest einen Teil der Währungsverluste beim Export auffangen. Er hatte recht.

Dieses Jahr ruft der Gewerbeverband die Konsumenten auf, nicht mehr im Ausland einzukaufen. Das schade der Schweizer Wirtschaft, führe zu Entlassungen, und der Einkaufsverkehr belaste die Umwelt. Auch damit hat er recht.

Nur ist der Appell an die Konsumenten, zu Hause einzukaufen, sinnlos, weil er an den Ursachen des Einkaufstourismus nichts ändert. Der Gewerbeverband würde besser dafür sorgen, dass Schweizer Preise international konkurrenzfähig werden. Das werden sie nur sein, wenn Währungsgewinne vollständig an die Konsumenten weitergegeben werden. Und wenn die Schweizer Händler im Ausland zu gleichen Preisen einkaufen können wie ihre deutschen und französischen Kollegen.

Doch was tun die Verfechter des patriotischen Einkaufs? Der Gewerbe­verband wettert gegen das Online-Preisbarometer des Büros für Konsumentenfragen. Es sei tendenziös und heize den Einkaufstourismus an. Dabei schaffen Preisvergleiche Transparenz, und die ist die Voraussetzung dafür, dass der Wettbewerb spielt und der Markt funktioniert.

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Hohe Preise sind nicht gottgegeben

Oder man kämpft für neue Importhürden, die den Einkauf im Ausland verteuern sollen. Wenn der Schweizer Botschafter in Berlin oder CVP-Nationalrätin Kathy Rik­lin fordern, die Deutschen sollten für Einkäufe bis 250 Euro die Mehrwertsteuer nicht mehr zurückerstatten, ist das zumindest befremdlich. Profitieren würde einzig der deutsche Fiskus.

Oder man verlangt neue Subventionen, die als Steuerabzug kaschiert werden. Wer in einem Schweizer Hotel absteigt, soll die Rechnung nach dem Vorschlag des Walliser SVP-Nationalrats Oskar Freysinger von der Steuer abziehen können. Das ist lupenreiner Protektionismus.

Der Versuch, den Konsumenten ein schlechtes Gewissen einzureden, überdeckt die eigene Ideenlosigkeit. Oder sollen Konsumenten aus Gründen des Heimatschutzes 65 Prozent mehr für Kosmetika, 45 Prozent mehr für Lebens­mittel und mindestens einen Drittel mehr für Textilien zahlen? Das kann niemand ernsthaft fordern. Logisch, weichen immer mehr Konsumenten ins Ausland aus.

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Das wissen auch die grossen Detailhändler. Statt die Einfuhr zu behindern, fordern sie für sich bessere Bedingungen. Migros-Lobbyist Martin Schläpfer wünscht sich ein griffigeres Kartellgesetz. Ausländische Markenhändler sollen sich nicht länger gegen Direktimporte sperren, Generalimporteure den Läden nicht überhöhte Mindestpreise vorschreiben dürfen. Schläpfer kämpft auch dafür, dass die Importzölle im Agrarbereich sinken. Und er fordert eine Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten. Man kann von den Vorschlägen halten, was man will. Sie zeigen aber: Überhöhte Preise sind nicht gottgegeben, man kann etwas gegen sie tun.

Das Märchen von den hohen Löhnen

Genauso billig wie der Aufruf «Ja zur Schweiz – hier kaufe ich ein!» ist es, ständig dieselben falschen Argumente aufzuwärmen. Zum Beispiel die Mär von den hohen Löhnen, die für die hohen Preise verantwortlich sein sollen. Lohnkosten machen im Schnitt nur einen Siebtel des Verkaufspreises aus. Wenn Migros und Coop ihren Angestellten 50 Prozent mehr Lohn zahlen als der deutsche Detailhändler Rewe, rechtfertigt das einen Preisaufschlag von lediglich 7 Prozent. Noch weniger fallen die höheren Schweizer Mieten und Transportkosten ins Gewicht.

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Es gibt genauso gute Gründe, warum die Schweiz billiger sein müsste. Die Mehrwertsteuer etwa: Der tiefe Schweizer Satz erlaubt 10 Prozent tiefere Preise. Hinzu kommen deutlich tiefere Lohnnebenkosten, eine um 20 Prozent höhere Produktivität im Detailhandel, längere Arbeitszeiten, weniger Ferien, weniger Krankentage, tiefere Kapitalkosten.

Das sind keine weltfremden Argumente. Computer und Unterhaltungselektronik werden in der Schweiz seit Jahren zu international wettbewerbsfähigen Preisen verkauft. Das ist so, weil früher Discounter wie Eschenmoser und heute Onlineshops für viel Wettbewerb sorgen. Trotz Konkurrenz lässt sich gutes Geld verdienen, wie der Aufstieg von Digitec zum Branchenriesen zeigt. Auch ein Blick nach Luxemburg lohnt sich: Dort sind trotz ähnlich hohen Löhnen wie in der Schweiz die Detailpreise ähnlich tief wie in Deutschland. Es geht also!

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