«Krise als Chance», hallt es durch die Welt. Überall beugen sich die Experten über die Bücher. Manager gehen in sich, Ökonomen konsultieren Theorien, Wirtschaftshistoriker suchen Parallelen, Prognostiker rätseln. Aber ein Patentrezept zur Krisenbewältigung ist noch nicht gefunden. Die Finanzkrise hat uns alle gleich gemacht – nämlich ratlos.

Das ist die bittere Erkenntnis aus der Krise: Wir wissen, dass wir nichts wissen. Die geballte Kompetenz, Erfahrung und Intelligenz versagt vor der Aufgabe. Und das Erschütterndste ist, dass dies für alle globalen Probleme gilt. Klimaerwärmung, Energiekrise, Ressourcenraubbau, Artensterben – unser Wissen und Können hat ausgereicht, diese Probleme herbeizuführen. Aber es reicht nicht aus, sie zu bewältigen. Die moderne Zivilisation kann zwar stetig mehr. Aber insgesamt handelt sie sich immer grössere Schwierigkeiten ein, die ihre Fähigkeiten übersteigen. Absolut gesehen wird die Menschheit klüger, aber weil Wissen und Können nicht mit den Problemen Schritt halten, wird sie relativ gesehen dümmer.

Wir haben unsere Welt überzogen mit hochkomplexen, vernetzten, dynamischen Systemen; das Finanzsystem ist nur eines davon, neben Verkehr, Energie, Kommunikation und vielen anderen, die planmässig oder ungeplant entstanden sind.

Hochkomplexe Gebilde neigen jedoch zu Instabilität. Es gibt Kettenreaktionen, Akkumulationsprozesse, Kippmomente und Hebeleffekte, wie der berühmte Flügelschlag des Schmetterlings in Brasilien, der in Texas einen Tornado auslöst. Ein Einzelereignis, eine Fehlmanipulation, ein Fehlentscheid, eine plötzliche Sättigung – und ganze Systeme brechen zusammen. In der Innerschweiz kappt ein Baum eine Stromleitung – und Italien versinkt im Blackout (2003). Ein Rechenfehler im Bahnstromnetz – und alle Schweizer Züge stehen still (2005). Ein Streit um russisches Gas in der Ukraine – und Europa fürchtet Frostnächte (2008). Die Motorisierung in den sechziger Jahren – und heute schmilzt das Polareis. Oder eben: kollektive Finanzakrobatik – und das Kartenhaus stürzt ein.

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In einer vernetzten Welt wird es immer schwieriger, die Folgen unseres Handelns abzusehen. Sie pflanzen sich räumlich und zeitlich in einer Weise fort, die niemand mehr überblicken und erst recht nicht steuern kann.

Die Gelehrten der Renaissance, sagt man, seien die letzten gewesen, die noch das gesamte Wissen ihrer Epoche überschauten. Heute hat das Wissen einen Umfang erreicht, der ein einzelnes menschliches Gehirn hoffnungslos überfordert. Deshalb haben wir es segmentiert, ein feines Spezialistentum entwickelt und interdisziplinäres Arbeiten zum Prinzip erhoben. Aber auch das, so zeigt die aktuelle Überforderung, reicht nicht, um die grossen Krisen zu bewältigen. Wir sind im Blindflug unterwegs.

Was die Finanzkrise letztlich erschüttert hat, ist dies: unseren Glauben an die Vernunft, den Glauben daran, dass die Menschen fähig sind, kraft ihres Verstands ihre Welt sinnvoll zu ordnen. Seit dem Zeitalter der Aufklärung glauben wir an diese Vernunft, unsere ganze technisch-wissenschaftliche Zivilisation beruht darauf. Aber statt eine vernünftige Welt zu schaffen, produzieren wir ständig hochrational höheren Blödsinn: Dotcom- und Kreditblasen, Müllberge und Verkehrslawinen. Die aktuelle Finanzkrise führt vor Augen, dass unser kleines bisschen Verstand nicht reicht, Fehlentwicklungen zu vermeiden. Und staunend erkennen wir, dass das Vernunftprogramm der Aufklärung in sein Gegenteil umschlägt. Das in der Tat ist eine epochale Erschütterung.

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Was können wir tun angesichts der immer komplexeren Probleme und unserer im Verhältnis dazu schrumpfenden Problemlösungskompetenz? Uns zurückwünschen in die Epoche der Renaissance ist keine Option. Ebenso wenig können wir einen neuen Irrationalismus predigen, aufs Orakel von Delphi warten oder darauf, dass ein höherer Genius den gordischen Knoten zerschlägt. Wir sind dazu verdammt, dem Wissen nachzuhecheln, je weiter sich die Unendlichkeit des Nichtwissens ausdehnt. Überstrahlte einst der Glaube an die Vernunft alles, müssen wir heute froh sein, wenn uns ab und zu ein kleines Licht aufgeht.

In der Not müssen wir handeln, ohne zu wissen. Gerade bei komplexen Problemen, die wie die Klimaerwärmung und die Finanzkrise lange Bremswege und höchste Dringlichkeit haben, können wir nicht warten, bis wir alle Zusammenhänge verstehen. Es bleibt nichts anderes, als uns auf halbplausible Thesen und vage Wahrscheinlichkeiten zu stützen. Wohl wissend, dass wir mit den Lösungen bereits den Keim der nächsten grossen Krise säen könnten.

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