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Steuern im AHV-Alter«Eine Win-win-win-Situation»

Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger schlägt vor, Einkommen nach dem ordentlichen AHV-Alter nur noch halb zu besteuern.

Zahlen Senioren bald weniger Steuern?
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Beobachter: Sie schlagen vor, man solle Einkommen ab 66 oder 67 nur noch halb besteuern. Was würde das bringen?
Reiner Eichenberger: Die Steuern brechen heute die Arbeits­anreize der Alten. Rentner, die arbeiten, laufen voll in die Steuerprogression. Dazu müssen sie auch noch AHV-Beiträge zahlen, obwohl ihre Rente dadurch nicht mehr steigen kann. Da­gegen wird zuweilen eingewandt, arbeitende Alte könnten ja AHV-Rente und Berufsrente aufschieben lassen, wofür sie dann später höhere Renten erhalten. Das ist aber hochriskant und lohnt sich nur, wenn man sehr alt wird. Für die ­Alten heisst das: Wer arbeitet, wird entweder überbesteuert oder muss aus steuerlichen Gründen auf die Rente verzichten. Da macht Arbeit wenig Spass. Mein Vorschlag löst dieses Problem.

Beobachter: Arbeiten die Leute nur fürs Geld länger?
Eichenberger: Geld ist nie der einzige Motivator, aber meist ein wichtiger. Sobald Leute gute Alternativen zur Arbeit haben – und das haben Rentner –, reagieren sie scharf auf die Höhe der Steuern. Mit meinem Halbsteuermodell könnten sie länger arbeiten, aber es ein wenig ruhiger nehmen und dafür ein bisschen weniger Lohn verlangen. So kämen sie den Arbeit­geber billiger zu stehen, hätten aber trotzdem nach Abzug der Steuern mehr Lohn. Der Staat hätte auch noch etwas davon. Eine Win-win-win-Situation.

Beobachter: Gibt es denn überhaupt ­genügend Jobs für Ältere?
Eichenberger: Aber sicher! Das Problem ist nicht ihr biologisches Alter, sondern ihre «Restlaufzeit». Wenn sich ein 61-Jähriger bewirbt, überlegt heute der Arbeitgeber, ob sich Einarbeiten und Weiterbildung noch lohnen. Wenn der 61-Jährige dagegen dank Halbsteuermodell länger als bis 65 arbeiten will, sieht das anders aus. Zudem: Altersarbeit ist gesamtwirtschaftlich eine Jobmaschine. Je mehr Alte arbeiten und so auch einen Steuerbeitrag liefern, desto weniger müssen Junge und Arbeitgeber belastet werden. Altersarbeit macht also den Standort Schweiz wettbewerbsfähig, bringt Investitionen und Jobs.

Beobachter: Sind es nicht vor allem Besserverdiener, die länger arbeiten und von diesem ­Steuervorteil profitieren würden?
Eichenberger: Nein. Arbeitseinkommen ist gerade für finanziell schlechtgestellte Rentner wichtig. Sie leiden auch besonders unter der Steuerprogression. Die reichen Alten sind die hohen Steuersätze ja schon gewohnt.

Zur Person

Reiner Eichenberger ist Wirtschaftsprofessor an der Universität Freiburg. Im jährlichen NZZ-Ranking der einflussreichsten Schweizer Ökonomen belegte er 2016 den zweiten Rang.

Veröffentlicht am 17. Januar 2017

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