In den Agglomerationen ist das Verkehrschaos ganz alltäglich – so auch in der Region Baden-Wettingen im Aargau. Wenn Eugen Steinmann aus Dättwil am späten Nachmittag unterwegs ist, braucht er vor allem zwei Dinge: Zeit und Geduld. Denn während der Stosszeit dauert die anderthalb Kilometer lange Autofahrt bis zum Schulhausplatz im Badener Zentrum gut 20 Minuten. Macht 4,5 Kilometer in der Stunde – nicht schneller als zu Fuss. «Wenn möglich versuche ich eine Fahrt während der Stosszeit zu vermeiden», so Steinmann.

Aus allen vier Himmelsrichtungen führen Strassen auf die Kreuzung, an der kein Weg vorbeiführt. Allein die Westachse, die Mellingerstrasse, passieren täglich 23'000 Fahrzeuge. Vor allem in den Abendspitzen staut sich der Verkehr. «Der Platz ist wie ein Herzschrittmacher. Selbst wenn wir seine Leistung vergrössern könnten, blieben die Arterien gleich klein», erklärt Rolf Wegmann. Er ist Leiter der städtischen Entwicklungsplanung und Mitglied des Kernteams, das für Baden-Wettingen – eine Agglomeration mit 100'000 Einwohnern und 50'000 Arbeitsplätzen – das «Leitbild Verkehr 2005» verfasste. Darin wird aufgezeigt, dass der neuralgische Knoten Schulhausplatz auch bei einem optimalen Ausbaustandard maximal sieben Prozent mehr Verkehr bewältigen könnte. Einziger Effekt: Der Stau würde sich verlagern.

Die Autofahrten in Baden während der Spitzenstunden haben in zehn Jahren um 40 Prozent zugenommen. Am stärksten gestiegen sind der Einkaufs- und der Freizeitverkehr. «Der Freizeitverkehr macht uns am meisten zu schaffen», sagt Entwicklungsplaner Wegmann, die öffentlichen Verkehrsmittel würden kaum benutzt. Aber auch der Berufsverkehr hat zugenommen – allen punktuellen Anstrengungen zum Trotz. Die Prognosen rechnen mit knapp zehn Prozent mehr Einwohnern und Arbeitsplätzen in der Region bis 2015. Durch den Bareggtunnel werden ab Mitte 2004 zwar sieben Spuren führen und das Zentrum Baden entlasten, doch dank ausgebautem Verkehrsnetz wird es gleichzeitig attraktiver, über noch grössere Distanzen zu pendeln.

Darunter zu leiden haben Auto-Abstinenzler wie Hans-Peter Böckli. Wenn es nicht regnet, ist der Vermessungsingenieur mit dem Velo unterwegs. «Wenn ich vor dem Rotlicht am Schulhausplatz drei Minuten warten muss, spüre ich die schlechte Luft», sagt er. Bei Regen nimmt Böckli den Bus. Doch damit ist er in der Minderheit, denn der Anteil des öffentlichen Verkehrs in Baden ist zwischen 1990 und 2000 auf gut 30 Prozent gesunken, während der motorisierte Verkehr auf 45 Prozent angewachsen ist.

Die Aussichten sind düster: Ohne Massnahmen wird die Zahl der überlasteten Strecken bis 2015 in der Region um 50 Prozent zunehmen. Statt nur morgens und abends wird sich der Verkehr auch zu anderen Tageszeiten stauen. Rolf Wegmann macht sich keine Illusionen: «Wahrscheinlich muss man eine Gelassenheit entwickeln. Zentren werden zu gewissen Tageszeiten auch in Zukunft mit Staus leben müssen.»

Anzeige