Es ist unvorstellbar, welche Energien auf Körper und Fahrzeug einwirken, wenn zwei Autos zusammenstossen. Ich erinnere mich an einen schweren Unfall im Schwarzenburgerland zwischen Mamishaus und Riggisberg. Es war Donnerstagnacht, kurz vor 23 Uhr: Wir patrouillierten in der Nähe von Belp, als uns die Einsatzzentrale aufbot. Eine Frau hatte per Handy einen Verkehrsunfall auf einer abgelegenen Landstrasse gemeldet. Sie muss wenige Augenblicke nach dem Zusammenprall zweier Personenwagen an die Unfallstelle gefahren sein. Zum Glück konnte sie rechtzeitig bremsen.

In die Kurve mit Tempo 120
Der Unfallverursacher fuhr einen Lancia Delta – ein extrem schnelles Auto, das man im Griff haben muss. Es war ein Geschäftsmann, unterwegs in einem Kundenfahrzeug; er hatte wohl testen wollen, wie gut der Wagen fährt. In einer Rechtskurve verlor er dann die Kontrolle über sein Auto, und das bei mindestens Tempo 120.

Der Lancia touchierte einen korrekt fahrenden, weissen Opel Kadett – dieser wurde meterweit zurückkatapultiert. Der Unfalldienst fand nur Schleuderspuren, hauptsächlich auf der Gegenfahrbahn – Bremsspuren waren eigenartigerweise keine zu sehen. Der Notarzt konnte nur noch den Tod des Unfallverursachers feststellen. Er hinterliess eine Frau und ein Kind im Schulalter.

Der Lenker des Opels war ansprechbar. Er trug die Sicherheitsgurten, und das rettete ihm vermutlich das Leben. Es ist für uns jeweils eine grosse Erleichterung, wenn einer sagen kann, was ihm wehtut. Wir können die Verletzten ja nicht einfach packen und aus dem Auto heben. Wir müssen die Unfallopfer nicht möglichst schnell, sondern möglichst schonend bergen. Darum ist es wichtig zu wissen, welche Verletzungen jemand hat. Der Opel-Fahrer in dieser Nacht hatte Glück: Er kam mit Beinfrakturen, Prellungen und einem Schock davon.

Bei solch schweren Unfällen sind häufig auch Alkohol oder Drogen im Spiel. Es sind oft sehr gespenstische Bilder, besonders in der Nacht: Es ist stockdunkel, man erkennt nur knapp die ineinander verkeilten und total zerstörten Autos. Überall liegen Habseligkeiten verstreut, manchmal schreien Kinder.

Das sind schlimme Momente, die auch uns unter die Haut gehen. Vor allem wenn man selber Kinder hat, kommt immer der Gedanke: Das könnten jetzt meine eigenen sein. Aber wir müssen einen kühlen Kopf bewahren, denn wir können nicht auf die Unfallstelle kommen und weinen – wir sind zum Helfen da.

In diesen Situationen heisst es Prioritäten setzen: zuerst die Unfallstelle sichern und signalisieren, damit nicht noch mehr Menschen zu Schaden kommen. Danach schauen, ob die Unfallopfer ansprechbar sind; wenn nötig die Rega, die Strassenrettung oder andere Spezialisten aufbieten. Und anschliessend die am Unfall beteiligten Personen betreuen und die Zeugen befragen. Wir haben immer eine Checkliste dabei, denn im Chaos eines Verkehrsunfalls ginge sonst schnell einmal etwas vergessen.

All diese Aufgaben hängen mir auch nach fast 20 Jahren als Verkehrspolizist nicht zum Hals heraus. Ich habe einen interessanten Job, den ich gern mache. Ich wollte schon als Kind Polizist werden. Vielleicht fällt es mir deshalb leichter, die schwierigen Momente auszuhalten, die ich und meine Kollegen erleben.

Verkehrsunfälle sind unser tägliches Brot, doch das nagt nicht an mir. Hilfreich ist dabei sicher auch, dass wir die Leute nicht kennen, um die wir uns kümmern. So kann man eine gewisse Distanz wahren. Das wäre sicher anders, wenn ich am Unfallplatz jemanden vorfinden würde, der mir nahe steht.

Natürlich sagt man im Nachhinein manchmal: «Das war vielleicht ein Spinner, so schnell zu fahren!» Aber nur privat, denn derartige Emotionen dürfen die Arbeit nicht beeinträchtigen. Der Rapport an den Untersuchungsrichter nach einem Raserunfall muss in jedem Fall objektiv sein. Unser Auftrag ist, sich neutral zu verhalten – Wut ist fehl am Platz.

Die Gedanken kommen erst später
Manchmal habe ich allerdings Mühe, abzuschalten. Vielfach kommen die Gedanken erst im Nachhinein, und der Kopf will sie nicht zulassen. Wichtig ist in solchen Momenten, dass man mit jemandem über seine Erfahrungen reden kann. Nicht, dass sich plötzlich etwas anstaut und man irgendwann arbeitsunfähig ist, weil man Angst vor dem nächsten Einsatz hat.

Es ist nicht auszuschliessen, dass wir noch in derselben Nacht zu einem weiteren schweren Verkehrsunfall aufgeboten werden. Der Dienst ist nach einem abgeschlossenen Einsatz nicht zu Ende – der nächste Unfall geschieht schon bald.

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