Klar überlegt man sich, was alles auf einen zukommen könnte, wenn man sich für die Aufgabe als Strassenwärter bewirbt. Bedenken hatte ich damals allerdings nicht. Ich stellte mir den Job ruhiger vor. Als ich meine Arbeit 1985 begann, war das auch so: Der Verkehr war noch nicht so extrem.

Anfangs fühlte ich mich bei meiner Arbeit auf der Autobahn richtiggehend ausgestellt. Mit der Zeit habe ich jedoch gelernt, dass ich das tun muss, was für mich am besten ist. Heute habe ich keine Hemmun­gen mehr, eine Weile am Strassenrand herumzustehen, wenn ich eine Pause brauche. Dabei können mich von mir aus 1000 Autofahrer beobachten. Nur noch selten stören mich ihre Blicke. Zum Beispiel, wenn ich «fötzele» muss – ein Teil meiner Arbeit, den ich hasse. Ich habe jeweils das Gefühl, dass die Autofahrer innerlich lachen, wenn ich ihren Dreck aufräumen muss.

Zu den Automobilisten habe ich sowieso ein spezielles Verhältnis, zu oft wurde ich schon von ihnen angepöbelt. Ich muss als Blitzableiter herhalten, wenn sie gefrustet sind. Dann machen sie blöde Sprüche oder beschimpfen mich – «Arschloch» oder «Wichser» muss ich mir am häufigsten anhören. Eine Baustelle auf dem Weg behindert die Autofahrer. Das scheint sie zu ­überfordern und dumme Reaktionen auszulösen. Aber für die Baustellen kann ich ja nichts, ich mache auch nur meinen Job.

Autofahrer aus dem Wagen herausgeholt

Sicher, es ist nur ein ganz kleiner Teil, der sich danebenbenimmt. Mich macht so etwas trotzdem wütend. Ich bin kein brutaler Mensch, aber wenn man den ganzen Tag diesem Lärm ausgesetzt ist, reagiert man schon mal aggressiv auf Anfeindungen. So bin ich auch schon Autofahrern, die mich beschimpft haben, nachgerannt. Einige ­habe ich aus dem Wagen herausgeholt und zur Rede gestellt. Dann werden sie meist ganz ruhig. Auch an Türen habe ich schon geschlagen oder den Nörglern den Stinkefinger gezeigt. Mitarbeiter von mir reagieren da gelassener, aber mich erleichtert ein kurzer Ausbruch. Seit dem letzten Vorfall ist jedoch einige Zeit vergangen. Man wird eben ruhiger mit den Jahren.

Anzeige

Keine Zeit für soziale Kontakte

Ich bin inzwischen 50 und arbeite schon seit 24 Jahren auf den Autobahnen Zürichs. Momentan habe ich ein Tief. Klar hat der Job auch positive Aspekte, etwa die Herstellung neuer Signalisationstafeln. Doch leider überwiegt das Negative. Das grösste Problem für mich ist die häufige Nacht­arbeit. Da arbeitest du am Tag von 7 bis fast 17 Uhr, und um 20 Uhr beginnt schon die nächste Schicht. Die Zeit reicht kaum, um nach Hause zu gehen, und das eine ganze Woche lang. So bleibt praktisch keine Zeit für soziale Kontakte. Keine Chance, einen Sprachkurs zu besuchen. Auch Yoga habe ich einmal angefangen. Ich musste aber wegen Zeitmangels wieder aufhören.

Gerne würde ich auch mal ein Buch lesen, irgendetwas, was mich geistig ein wenig fordert. Aber die Nachtarbeit nimmt zu. Mit der Zürcher Westumfahrung und deren Eröffnung Anfang Mai gab es viel zu tun, auch die Gubrist-Sperrungen muss man wegen des Verkehrs in der Nacht vornehmen. Doch selbst wenn ich keine Nachtschicht schieben muss, bin ich nach der Arbeit oft zu müde, um etwas zu unternehmen. Dabei ist der Ausgleich doch etwas so Wichtiges. Das Einzige, was ich regelmässig mache, ist Fussball spielen. Ich bin Stürmer bei den Veteranen des FC Seebach.

Anzeige

Immer wieder frage ich mich, wo ich stehe. Was habe ich in meinem Leben erreicht? Solche Gedanken sind frustrierend. Ich versuche, mit positivem Denken aus dem Loch zu kommen. Ich schaue mir andere an, denen es schlechter geht, und denke mir, dass ich ja alles habe, was ich zum Leben brauche. Das muntert mich allerdings nur kurz auf, dann holt mich der Alltag wieder ein. Hätte ich damals in der Schule besser aufgepasst, wäre ich heute wahrscheinlich woanders. Am liebsten ­wäre mir ein Beruf, bei dem ich mit anderen Leuten ins Gespräch komme. Beispielsweise Arzt. Klar, Arzt wird man nicht einfach so, aber wer weiss, was alles möglich gewesen wäre. Dumm bin ich nämlich nicht. Jetzt nützt mir aber auch das Träumen nichts mehr.

Vor zwei Jahren hatte ich genug von meinem Job und wollte etwas anderes machen. Das Bewerbungsgespräch lief super, aber der ärztliche Test sorgte für Ernüch­terung: Meine Blutwerte waren schlecht – eine genetisch bedingte Krankheit. Viele andere Beschwerden haben aber mit meiner Arbeit zu tun. So musste ich vor neun Jahren einen Bandscheibenvorfall operieren lassen. Rückenprobleme habe ich immer noch. Mein Fussgelenk schmerzt häufig, und auch die regelmässigen Augen- und Ohrentests werden nicht positiver. Dafür nur dem Alter die Schuld zu geben wäre falsch.

Anzeige

Die Hoffnung auf einen Lottogewinn

Ich frage mich oft, wie meine Zukunft aussieht. Beantworten kann ich das nicht. Ich weiss nur, dass ich mich so früh wie möglich pensionieren lassen will. Doch das ist nicht so einfach. Optimal wäre, wenn ich nur noch 50 Prozent arbeiten könnte, dann hätte ich auch Zeit für Hobbys und wäre wohl etwas zufriedener. Aber das ist leider nicht möglich, denn es gibt immer mehr zu tun. Auch das Finanzielle spielt natürlich eine Rolle. Mit Nacht- und Wochenend­arbeit verdient man in meinem Beruf nämlich recht gut. Aber der Gedanke, dass man mit 60 kaputt ist, macht Angst.

So bleibt mir lediglich die Hoffnung auf einen Lottogewinn. Ich würde nicht ab­heben, wenn ich zwei Millionen gewinnen würde. Ein neues Auto und Ferien würde ich mir leisten, den Rest würde ich anlegen und meine Freizeit geniessen.

Anzeige