Ein paar gehässige Worte habe ich schon einstecken müssen, mehr aber nicht; mit Drohungen oder Gewalt hat bisher zum Glück noch niemand reagiert. Seit einem guten halben Jahr arbeite ich für die Genfer Stadtbehörde als «agente de civilité», als Anstandswächterin. Zusammen mit etwa 30 weiteren Kolleginnen und Kollegen bin ich dafür verantwortlich, dass die Leute gewisse Mindestregeln einhalten, die eigentlich selbstverständlich sein sollten und das Zusammenleben einfacher machen. Dass man mit dem Fahrrad nicht auf Gehsteigen, durch Märkte oder Fussgängerzonen fährt. Dass man Hunde an die Leine nimmt und ihren Kot nicht liegen lässt. Dass man Abfälle einsammelt, Lärm möglichst vermeidet und generell auf die Mitmenschen Rücksicht nimmt. All diese Verstösse sind einzeln gesehen nicht der Rede wert, aber wenn sich eine ganze Stadtbevölkerung von 400'000 Menschen um solche Kleinigkeiten foutiert, wird das Klima angespannt, und es können ernsthafte Probleme entstehen.

Es braucht einen gefestigten Charakter
Nach meiner Schulzeit habe ich in einem Supermarkt eine Ausbildung als Kassiererin gemacht, dann wurde ich arbeitslos. Anderthalb Jahre lang habe ich gestempelt, aber nichts Passendes gefunden. Im Herbst 2006 erfuhr ich aus den Medien, dass die Stadt Arbeitslosen für maximal ein Jahr Jobs als «Sittenwächter» verschafft. Ich meldete mich, besuchte eine Info-Sitzung, reichte meine Bewerbung ein und absolvierte das Aufnahmegespräch.

Gemeldet hatten sich 150 Interessenten und Interessentinnen, allesamt Stellensuchende zwischen 18 und 60 Jahren. Bezahlt wird das Projekt von der kantonalen Arbeitslosenkasse; man arbeitet 80 Prozent und bewirbt sich während eines Tages pro Woche weiterhin um eine Stelle. Zentrale Bedingung, um ausgewählt zu werden, ist ein tadelloser Leumund; daneben braucht es einen gefestigten Charakter, um in heiklen Situationen nicht die Nerven zu verlieren.

Wie man Konflikte am besten entschärft, habe ich zu Beginn meines Einsatzes in einem Kurs gelernt. Während einer Woche zeigte uns der französische Gassenarbeiter Mehdi Messadi, was eine erfolgreiche Mediation ausmacht, wie man Prävention betreibt, Konflikte löst und Stress abbaut. Wir machten auch Rollenspiele, versetzten uns in die Lage des Gegenübers. Darin ist Messadi Profi; er wuchs in den Banlieues von Paris auf, fand als Ausländer lange Zeit keine Arbeit, erlebte Diskriminierung und soziale Spannungen am eigenen Leib.

Er führte uns vor Augen, wie man bei einer brenzligen Begegnung eine Eskalation verhindert. Man muss dem anderen immer das Gefühl geben: Der Mensch selbst stört nie, aber sein Verhalten kann manchmal deplatziert sein. Wenn zum Beispiel Jugendliche herumlungern und Radau machen, dann gehen wir nicht hin und sagen: «Verschwindet!» Die Jungen haben ein Recht, sich irgendwo zu treffen, aber sie sollen es so machen, dass sich andere Leute nicht belästigt fühlen. Wenn wir ihnen das sachlich erklären, dann sehen sie es meistens ein. Und wenn nicht sofort, dann eben bei einem zweiten oder dritten Besuch.

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Keine repressiven Mittel einsetzen
Als Anstandsagentin bin ich aber ganz klar keine Polizistin. Wir tragen keine Uniform, sondern nur einen Badge mit Namen und Foto. Wir machen den Leuten jeweils sofort klar, dass wir im Unterschied zur Polizei keine repressiven Mittel einsetzen: Personalien prüfen und aufnehmen, Bussen verteilen oder jemanden festnehmen - das ist überhaupt nicht unsere Aufgabe. Inzwischen weiss das die Bevölkerung, und sie reagiert mehrheitlich positiv. Gerade weil wir nicht uniformiert sind, rufen wir weniger Abwehr hervor. Sicher aber holen wir die Polizei, sobald es nötig ist. Wir haben alle ein Handy und können jederzeit Unterstützung anfordern. Ich selbst musste das erst einmal tun - als Zeugin eines Verkehrsunfalls. Ein anderer Agent hat einmal einen Dieb in flagranti erwischt, und einmal wurde sogar ein Gemeinderat vom Velo geholt, als er in der Nähe des Rathauses verbotenerweise übers Trottoir fuhr. Wenn wir über längere Zeit an einer bestimmten Stelle ein Problem wahrnehmen, etwa das Anwachsen einer Drogenszene, dann geben wir der Polizei einen diskreten Hinweis. Sie kann dann selbst entscheiden, was sie unternehmen will.

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Jede Woche erstelle ich einen Rapport und notiere meine Interventionen. Dann sehe ich schwarz auf weiss, was ich geleistet habe. Mir gefällt es, wenn ich die Leute zum Nachdenken bringe über die Frage, was in unserer Gesellschaft geht und was nicht. Und zwar nicht mit dem Bussenzettel oder mit Gewalt, sondern im Dialog. Wenn ich bei den Mitbürgern das Bewusstsein für gegenseitigen Respekt schärfen kann, hat meine Arbeit einen Sinn. Dazu genügt oft das Aha-Erlebnis, das sich einstellt, wenn man jemanden mit der Frage konfrontiert: «Was wäre, wenn sich alle so verhalten würden, wie Sie es soeben gemacht haben?»