So war der Selbstversuch nicht gemeint. Einen kurzen Moment lang schaute Anton Brunner nicht nach vorn – und prallte ins Autoheck des Vordermanns. Ein Bagatellunfall bei tiefem Tempo. Dies bestätigte auch die Auswertung des Unfalldatenspeichers (UDS) in Brunners Auto.

Für den Unfallforscher der Winterthur- Versicherungen ist die Auto-Black-Box ein gutes Beweismittel bei Streitfällen. «Man muss nicht nur Recht haben, sondern auch Recht bekommen.»

Dafür ist das Kästchen ideal. Es registriert jeweils die wichtigsten Daten der letzten 30 Sekunden: Tempo, Bremsmanöver, Licht, Blinker, Drehungen sowie die Längs- und Querbeschleunigung. Wenns kracht, bleiben alle diese Angaben im elektronischen Speicher. «Der Unfallzeuge, den Sie kaufen können», heisst es in der Werbung des deutschen Herstellers. Oder: «Ihr Airbag vor Gericht.»

Roland Wiederkehr hat damit allerdings noch mehr im Sinn. Der Zürcher Nationalrat und Präsident der Vereinigung für Familien der Strassenopfer möchte, dass die Black Box für «bestimmte Kategorien von Automobilen oder Fahrern obligatorisch wird». Dabei denkt er an «besonders leistungsstarke Fahrzeuge oder Fahrer, die bereits wegen gravierender Verstösse verurteilt wurden». Das Gerät, so Wiederkehrs Hoffnung, «könnte präventiv gegen Fahrexzesse wirken». Seinen Vorstoss hat das Parlament im Dezember zur Prüfung an den Bundesrat weitergeleitet.

Anzeige

Erste Testergebnisse sind positiv
Erst 100 der rund 3,5 Millionen Personenwagen in der Schweiz sind mit dem 800 bis 900 Franken teuren Datenschreiber ausgerüstet. Ob es dereinst mehr sein werden, hängt auch von einem Forschungsprojekt des Stuttgarter Instituts für Verkehr und Umwelt ab. «In einem Grossversuch mit Neulenkern wird derzeit untersucht, ob das Gerät tatsächlich gefährliches Fahrverhalten reduziert», sagt Werner Jeger vom Bundesamt für Strassen. Das Amt will die für Mitte 2001 angekündigten Ergebnisse abwarten, bevor es über das weitere Vorgehen entscheidet.

Die Stuttgarter Forscher sind mit den ersten Resultaten zufrieden: Fast 80 Prozent der 1600 Testfahrer im Alter von 18 bis 25 Jahren halten den Einbau der Black Box für «sinnvoll», und eine Mehrheit der Befragten hält sich «stärker an die Verkehrsvorschriften».

Anzeige

Verkehrsexperten sind skeptisch
Dennoch sieht das Bundesamt für Strassen einige Stolpersteine. «Im Alleingang wird die Schweiz kaum eine Einbaupflicht für alle Autos beschliessen», sagt Werner Jeger. Auch ein Teilobligatorium sei problematisch. «Das schafft ungleich lange Spiesse. Bei einem Unfall kann einem Fahrer der Fehler nachgewiesen werden, dem anderen aber nicht.» Und wenn Raser zum Einbau verpflichtet würden, müsste geklärt werden, ob sie noch mit dem Auto der Eltern oder von Freunden fahren dürfen.

Probleme mit dem Datenschutz hingegen gibt es nicht: Wo ein Auto unterwegs war, lässt sich nicht rekonstruieren. Und für Verkehrskontrollen sind die Geräte nicht verwendbar.

Wachsam verfolgen die Autoversicherer die Entwicklung. «Falls sich erweist, dass dank Black Boxes weniger Autos in Unfälle verwickelt werden, können wir davor nicht die Augen verschliessen», sagt Urs Schmid, Präsident der Fachkommission Motorfahrzeugversicherungen. Denkbar wären günstigere Prämien für Kunden, die das Gerät einbauen lassen. Nur: Selbst bei einem happigen Rabatt von zehn Prozent zahlt sich eine Black Box für die Autolenker erst nach rund 15 Jahren aus.

Anzeige

Anders ist die Situation bei Polizeiautos, Firmenfahrzeugen, Taxis oder Mietwagen. Denn wenn die Autos weniger in der Werkstatt stehen, spart das massiv Kosten.

Bei der Berliner Polizei hat sich diese Erkenntnis ausgezahlt. Seit 1998 fahren 380 Funkstreifenwagen und 37 Zivilfahrzeuge mit UDS. Fazit: Die Zahl der Schäden sank um 8,4 Prozent; die Kosten pro Reparatur von 1300 auf 950 Mark. «Ein eindeutiges Zeichen dafür, dass die Fahrer wesentlich verhaltener und vorsichtiger mit den Fahrzeugen umgehen», sagt der Berliner Unfallanalytiker Hartmut Rau.

Eine positive Bilanz zieht auch Versicherungsmann Anton Brunner. «Die Box verhindert zwar keine Unachtsamkeiten, aber sie beeinflusst die Risikobereitschaft.» Vor Uberholmanövern fragt er sich heute öfter: «Mache ich es? Oder ist es zu riskant?»