Bremsassistent, automatische Bremse und Gurtstraffer mit Kraftbegrenzung: Auf diese Sicherheitssysteme sollte man beim Kauf eines neuen Autos keinesfalls verzichten. Das ist das Ergebnis einer Umfrage, die der Beobachter bei sechs Autoexperten geführt hat. Sie haben 15 gängige Sicherheitsausrüstungen nach Priorität bewertet (siehe Tabelle, unten). Hinter den technisch komplexen Bezeichnungen verstecken sich teils sinnvolle Helferlein, die im Strassenverkehr eine Kolli­sion vermeiden oder zumindest ihre Folgen mindern können.

Bremsassistent

In Notsituationen reagieren nur wenige Lenker mit einem herzhaften Tritt aufs Bremspedal. Und selbst bei einer schnellen Reaktion wird anschliessend das Brems­pedal nicht mit voller Kraft durchgetreten. Hier greift der Bremsassistent ein. Das System erkennt anhand der Pedalbetätigung Notsituationen und erhöht den Bremsdruck automatisch auf das maximal mög­liche Niveau. So wird der kürzestmögliche Bremsweg erreicht, die Wahrscheinlichkeit einer Kollision reduziert sich erheblich.

«Bremsassistenzsysteme sind äusserst effizient. Die Kosten des Systems sind um ein Vielfaches geringer als die Kosten der Unfallschäden, die durch seinen Einsatz vermieden werden», sagt Experte Mario Cavegn von der Forschung Strassenverkehr der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU). Seit Mai 2012 müssen alle Neufahrzeuge mit dem System ausgerüstet sein. Wer sich für einen Gebrauchtwagen inte­ressiert, sollte darauf achten, dass ein Brems­assistent eingebaut ist.

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Automatische Notbremse

Automatische Notbremssysteme gehen ­einen Schritt weiter. Sie warnen den Fahrer nicht nur vor einer Gefahr, sondern greifen aktiv ins Geschehen ein, wenn eine Kolli­sion droht. Mit Radarsensoren erkennen die Geräte die Entfernung des Fahrzeugs zu einem Hindernis und leiten bei Bedarf die Bremsung ein. Gegenwärtig erhältliche Systeme führen eine Teil- oder Vollbremsung durch. Künftige Systeme sollen auch automatisch ein Ausweichmanöver einleiten können.

Der deutsche Automobilklub ADAC hat im Herbst 2012 Notbremssysteme getestet. Am besten schnitten BMW (7er-Modell), Mercedes (C-Klasse) und Volvo (V40) ab. Die Fahrzeuge des schwedischen Auto­herstellers und von Audi (A6) verfügen über eine ausgeklügelte Warnkaskade. Das System warnt bei einer drohenden Kolli­sion erst mit einem roten Blitzlicht, dann mit einem akustischen Signal – beim Audi auch mit einem Bremsruck. Erst wenn der Fahrer alle Hinweise missachtet, leitet das System die Notbremsung ein. Dabei wird im besten Fall so stark verzögert, wie es für die Vermeidung der Kollision nötig ist.

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Viele Hersteller bieten auch Kollisionswarnsysteme an, gewissermassen abgespeckte Versionen der automatischen Notbremse. Diese machen den Fahrer auf eine drohende Gefahr aufmerksam, bremsen muss er aber selber. Autokäufer sollten sich beim Händler unbedingt nach den ge­nauen Funktionen der Notbremssysteme erkundigen, sagt Hubert Paulus, Verkehrs­sicherheitsexperte beim ADAC. Noch nicht alle Systeme würden stehende Hindernisse wie Radfahrer oder Fussgänger erkennen. «Fragen Sie nach Videos. So versteht man am besten, was das System leistet und was nicht», rät Paulus. Selbst bei Herstellern, deren Systeme noch nicht mit den Besten mithalten können, lohne sich der Kauf. «Eine höhere Unfallsicherheit bieten alle.»

Gurtstraffer

Straffer erhöhen die Wirksamkeit des Gurts, indem innert Millisekunden loses Gurtband um bis zu 15 Zentimeter angezogen wird. Sinnvoll ist das insbesondere dann, wenn dicke Kleidung ein strafferes Anliegen des Gurts am Körper verhindert. Damit kann die Bewegungsenergie früher und schonender abgebaut werden. Der Gurtkraftbegrenzer beschränkt im Kol­li­sions­fall die maximale Rückhaltekraft des Sicherheitsgurts. So kann verhindert werden, dass Rippen brechen oder der Kopf allzu stark nach vorn geschleudert wird.

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Neufahrzeuge verfügen heute standardmässig über Gurtstraffer und Gurtkraftbegrenzer. «Das gilt allerdings nur für den Fahrersitz. Schon am Beifahrersitz verbauen manche Marken nur eine abgespeckte Version. An den Gurten der Hintersitze fehlen die Systeme oft ganz», sagt Raphael Murri vom DTC Dynamic Test Center in Vauffelin BE. «Erkundigen Sie sich genau, wie Ihr Wunschfahrzeug in dieser Hinsicht ausgestattet ist. Die beste Sicherheit bietet das Auto, wenn Gurtstraffer und Gurtkraftbegrenzer auf allen Plätzen verbaut sind», rät der Experte. Auch Kopfstützen sollten überall vorhanden sein. Für eine junge Familie empfehle sich zudem das Isofix für das Sichern der Babyschale und der Kindersitze.

Xenonscheinwerfer

Lampen und Scheinwerfer haben sich in den letzten Jahren stark verbessert. Xenonscheinwerfer gehören mittlerweile bei ­vielen Fahrzeugen zur Grundausstattung. Dieser Lampentyp ist zwar teurer als die üblichen Halogenlampen, leuchtet aber heller. Zudem entspreche die Lichttemperatur dem Tageslicht und unterstütze so das menschliche Auge optimal, versprechen Hersteller. «Xenonscheinwerfer erhöhen die Sichtdistanz und damit die verfügbare Reaktionszeit um bis zu 50 Prozent», sagt BfU-Experte Mario Cavegn. Allerdings: Manche Autofahrer würden durch die ­bessere Ausleuchtung zu einer schnelleren Fahrweise animiert. Der Gewinn an Sicherheit werde damit zunichtegemacht.

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Müdigkeitswarner und Nachtsichtgerät

Diese futuristischsten Systeme landeten in der Bewertung der Experten auf den hintersten Rängen. Beide sind noch fast ausschliesslich der automobilen Mittel- und Oberklasse vorbehalten. Müdigkeitswarner kontrollieren kontinuierlich die Schläfrigkeit des Fahrzeuglenkers. Aktuelle Systeme tun das mit einer Analyse des Lenkverhaltens, der Geschwindigkeit sowie verschiedener Bedienhandlungen wie Blinker- oder Pedalbetätigung. «Schläfrigkeit am Steuer verursacht rund einen Zehntel aller Verkehrsunfälle. Müdigkeitssysteme erscheinen deshalb grundsätzlich als vielversprechende Technologie», sagt Mario Cavegn von der BfU. «Der konkrete Nutzen hängt aber davon ab, ob der Lenker die Warnungen ernst nimmt.» Nach Erkenntnissen des ADAC funktioniert diese Technik noch nicht immer zuverlässig genug. Deshalb keine Kaufempfehlung.

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Nachtsichtgeräte, wie sie Audi, BMW und Mercedes anbieten, vermitteln dem Fahrer Informationen über Strasse und Gelände auch dann, wenn diese nicht vom Scheinwerfer erfasst werden. Dabei werden Objekte vor dem Fahrzeug durch Infrarotsensoren erfasst; das Bild wird entweder auf die Frontscheibe projiziert oder auf einem Display im Armaturenbrett dargestellt. Empfehlenswert ist gemäss ADAC nur die erste Variante. Denn wenn der Fahrer ständig zwischen Strasse und Display hin- und herblicken muss, kann das erst recht zu gefährlichen Situationen führen.

Fazit

Fahrerassistenzsysteme haben in den letzten Jahren einen gewaltigen Sprung nach vorn gemacht. Doch das sollte den Fahrer nicht in falscher Sicherheit wiegen: «Grundsätzlich steht und fällt die sichere Fahrt mit dem Fahrstil. Das Tragen des ­Sicherheitsgurts sollte ebenso selbst­verständlich sein wie das Einhalten des ­Sicherheitsabstands. Und ganz wichtig: Wer übermüdet oder alkoholisiert ist, sollte sich überhaupt nicht ans Steuer setzen», sagt TCS-Experte Bernhard Schwab.

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Was bringt am meisten? Fachleute bewerten gängige Sicherheitssysteme