2009

Es ist eine nasskalte Nacht im Herbst. Der 19-jährige Patrick M. fühlt sich gut. Er ist auf dem Heimweg aus dem Ausgang. Getrunken hat er etwas zu viel – gekifft auch. Vor ihm fährt sein Lehrlingskollege, den er im Klub getroffen hat. Beide sind mit aufgemotzten Wagen ­unterwegs. In einer langgezogenen Kurve passiert es: Patrick ist viel zu schnell, er kann seinen Wagen nicht auf der Fahrbahn halten und gerät auf die Gegenspur. Es knallt – danach ist alles dunkel. Im Spital wacht Patrick wieder auf. Er hat Glück gehabt: Seine Verletzungen sind nicht gravierend, er wird wieder ganz gesund. Im Gegensatz zur Fahrerin, mit der Patrick kollidiert ist: Für sie kommt jede Hilfe zu spät – sie stirbt auf der Unfallstelle und hinterlässt eine Familie mit zwei Kindern.

2010

Fünf Monate danach steht Patrick M. vor Gericht. Er ist der groben Verletzung der Verkehrsregeln sowie der fahrlässigen Tötung angeklagt und wird auch schuldig gesprochen. Die Strafe: 15 Monate ­Gefängnis bedingt sowie eine Busse von 1500 Franken. Dazu Verfahrenskosten von 2000 Franken. Bald folgt auch das Verdikt des ­Strassenverkehrsamts: Er muss den Führerausweis für drei Monate abgeben.

2011

Der eigentliche Hammer kommt anderthalb Jahre nach dem Unfall: Die Haftpflichtversicherung verlangt von Patrick 210'000 Franken. Weil er den Verkehrsunfall grobfahrlässig verursacht habe, macht die Versicherung ihr Regressrecht geltend. Einen Teil der Schadenssumme, die sie an die Opfer geleistet hat, muss Patrick zurückzahlen. Er hat aber nicht annähernd so viel Geld auf der Seite. Im Moment kann er 5000 Franken (sein gesamtes Sparguthaben) überweisen und danach – bei ganz engem Budget – höchstens 1000 Franken pro Monat. Die Ver­sicherung geht auf diesen Abzahlungs­vorschlag ein, solange Patrick in der Lehre ist. Er beginnt zu rechnen. Ihm wird klar, dass er die nächsten 20 Jahre für diesen Unfall bezahlen muss.

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2012

Wie sich zum ersten Mal herausstellt, belasten die Schulden Patricks Leben schwer. Zuerst geht seine lang­jährige Beziehung deswegen in die ­Brüche. Und weil der schwere Unfall immer wieder zu heftigen Diskussionen innerhalb seiner Familie führt, besucht Patrick auch seine Eltern immer seltener.

2013

Patrick M. muss nicht nur alle seine Reisepläne beerdigen, auch die geplante Weiterbildung liegt nicht mehr drin. Der einzige Lichtblick: Patrick findet endlich seine Traumfrau.

2014

Die ehemaligen Lehrlingskollegen organisieren eine Städtereise. Patrick ist von Anfang an klar, dass er sich dies nicht leisten kann. Deshalb sagt er gleich ab. Die Kollegen melden sich bei ihm später noch ein paarmal, um mit ihm in den Ausgang zu gehen. Doch Patrick hat keine Lust – aus Frust bricht er den Kontakt zu ihnen endgültig ab.

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2015

Patrick heiratet, denn es gibt ­Nachwuchs. Doch die Schulden bei der Ver­sicherung sind ein riesiges Problem: Die junge Familie muss jeden Rappen um­drehen. Das wirkt sich vor allem auf die Wohnsituation aus. Die Wohnung mit zweieinhalb Zimmern ist für die drei­köpfige Familie zu klein. Zwischen Patrick, der sich nun beinahe jeden Abend zukifft, und seiner Frau kommt es immer häufiger zu lautstarkem Streit.

2020

Kurz nach dem fünften Geburtstag seines Sohns zieht Patricks Ehefrau aus. Patrick stürzt völlig ab – er verliert auch seinen Job. Nur dank der Hilfe der Eltern, die Patrick bei sich aufnehmen, kommt er wieder auf die Beine.

2030

Patrick M. kann an seinem 40. Geburtstag endlich feiern – er hat seine Schulden bei der Versicherung abbezahlt. Nun muss er nochmals von vorn anfangen: Seine Ehe ist mittlerweile geschieden, und in der Branche, in der er als Hilfskraft arbeitet, steht er auf dem Abstellgleis.

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2040

Nochmals zehn Jahre sind ­vergangen, bis Patrick M. beruflich und finanziell wieder auf einen grünen Zweig kommt.