Als der Bus endlich in eine Haltestelle einbog, beschleunigte Esther Lehmann* ihren Wagen und zog daran vorbei. «Ich war schon eine Weile hinter dem Bus hergefahren – das ist immer eine Geduldsprobe.» Plötzlich flog etwas über ihre Kühlerhaube. Lehmann hatte die ältere Dame auf dem Fussgängerstreifen übersehen. «In diesem Moment hat man das Gefühl: Das passiert nicht mir», sagt sie. Unfälle passieren doch nur den anderen. Obwohl das Opfer mit einem Beinbruch relativ glimpflich davonkam, hat Lehmann bis heute nicht den Mut gefunden, ihrer Familie den Unfall zu beichten. «Die Frau hätte auch meine Mutter sein können.» Deshalb will sie anonym bleiben.

Die rechtlichen Konsequenzen für Lehmann waren begrenzt: ein Monat Ausweisentzug, 1000 Franken Busse. Das Erlebnis hingegen, sagt die 49-Jährige, habe ihr ganzes Verkehrsverhalten beeinflusst. Seither fahre sie viel defensiver – und weniger gern. «Ich war immer eine gute Autofahrerin. Das war ein wichtiger Bestandteil meines Selbstbilds», sagt sie. In ihrer Jugend verkehrte Lehmann in einer autobegeisterten Clique. «Das war die Zeit der Opel Manta mit den Fuchsschwänzen an der Antenne.» Schon als 16-Jährige fuhr sie bei den Jungs auf dem Rücksitz mit und beobachtete fasziniert das flinke Spiel der Füsse auf den Pedalen. Als sie später selbst lenkte, war sie stolz, als einzige Frau mit den Burschen mithalten zu können.

Trotzdem ist Esther Lehmann keine Raserin. «Ich hatte erst eine Busse wegen einer geringfügigen Geschwindigkeitsübertretung.» Sie fuhr aber generell zu offensiv. Rückblickend habe sich der Unfall angekündigt, sagt Lehmann: «In den 30 Jahren, in denen ich Auto fahre, hatte ich vier Auffahrunfälle.» Immer nur Blechschäden zwar, aber es zeige eben doch, dass sie sich oft auf einem schmalen Grat bewegt habe. Hier, findet Lehmann, sollte auch die Prävention ansetzen. «Man müsste die kleinen Unfälle erfassen und mehrfach beteiligte Verursacher psychologisch abklären oder zu einem Verkehrserziehungskurs verknurren.» In ihrem Fall hätte das den Unfall verhindert, davon ist sie überzeugt: «Die Leute müssen erkennen, dass sie sich überschätzen.»

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*Name von der Redaktion geändert