Viele grosse und kleine Fehler – und am Ende war die 15-jährige Olivia tot. Totgefahren von einem dementen, einäugigen 82-jährigen Autolenker. Wie war es möglich, dass dieser Mann überhaupt noch einen Führerausweis hatte? Diese Frage beschäftigte vier Jahre lang Justiz und Behörden des Kantons Aargau. Klare Antworten fand man keine, aber zahlreiche Fehler und Ungereimtheiten.

Zwei Jahre vor dem Unfall hatte der Hausarzt dem damals 80-jährigen Paul P. ein Attest unterschrieben, das nur noch eine Abklärung beim Augenarzt verlangte. Unklar ist, ob der Hausarzt Paul P. das unterschriebene Zeugnis in die Hand drückte oder ob er es an die Augenärztin schickte. Diese untersuchte den Mann und stellte eine ungenügende Sehschärfe fest. Da das verbliebene Auge aber entzündet war, bot sie ihn zu einem zweiten Termin auf – zu dem Paul P. nie erschien. Trotzdem verlängerte das Aargauer Strassenverkehrsamt die Fahrerlaubnis (siehe Artikel zum Thema «Todesfahrer: Warum musste Olivia sterben?»).

Letzte Woche wurde die Sachbearbeiterin des Strassenverkehrsamts, die die Fahrerlaubnis erteilte, vom Bezirksgericht Lenzburg freigesprochen. Das Gericht ging davon aus, dass ihr ein Arztzeugnis vorlag – und schloss nicht aus, dass der inzwischen verstorbene Rentner das «Fahrfähigkeits-Kreuzchen» selbst eingesetzt hatte.

«Heute wäre das kaum mehr möglich», meint Hans-Peter Fricker, Generalsekretär beim zuständigen Departement des Innern. «Das Fahrtauglichkeitsformular muss zwingend vom Hausarzt ans Strassenverkehrsamt geschickt werden.»

Hausärzte stellen sich quer

Olivias Eltern beruhigt das nicht. «Die entscheidende Schwachstelle ist und bleibt der Hausarzt», meint Vater Ruedi Schütz. «Viele Hausärzte stellen aus Unkenntnis oder falscher Loyalität Gefälligkeitszeugnisse aus.»

Genau deshalb plante der damalige Aargauer Regierungsrat Kurt Wernli vor einem Jahr, dass künftig nicht mehr die Hausärzte, sondern unabhängige Stellen die Fahrtauglichkeit älterer Leute prüfen sollten. Doch die Hausärzte liefen dagegen Sturm. Mit Erfolg: Wernlis Nachfolger Urs Hofmann hat die unabhängige Prüfung nun fallengelassen. Weiterhin sollen die Hausärzte die Fahrtauglichkeitsatteste ausstellen können – aber nur jene, die ein Zertifikat in Verkehrsmedizin erworben haben und sich regelmässig weiterbilden. Departementssekretär Fricker bestätigt, dass eine entsprechende Verordnung in Vorbereitung ist.

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Von der Aargauer Justiz haben die Hausärzte zudem einen Persilschein erhalten: P.s Hausarzt sei nicht verpflichtet gewesen, von sich aus das Strassenverkehrsamt zu informieren, dass P. nicht fahrtauglich sein könnte, befanden Staatsanwalt und Obergericht. Sie stellten das Verfahren gegen den Hausarzt ein. Eine Beschwerde von Olivias Eltern dagegen ist vor Bundesgericht hängig.