Beobachter: Herr Leuenberger, Hand aufs Herz: Hält sich Ihr Chauffeur strikt an die Verkehrsregeln, auch wenn es pressiert?
Moritz Leuenberger: Mein Chauffeur ist ein Profi, und zu einem Profi gehört, dass er sich strikt an die Vorschriften hält, und zwar in jeder Situation. Im Strassenverkehr hat es aber zu 90 Prozent Laien. Und unprofessionelle Lenker, vor allem unerfahrene, haben die Tendenz, sich zu überschätzen.

Beobachter: Fühlen Sie sich selber im Strassenverkehr sicher?
Leuenberger: Eigenartigerweise habe ich weniger Angst als im Flugverkehr, obwohl dieser – statistisch gesehen – sicherer ist. Es geht mir wie allen Leuten: Im Auto hat man immer das Gefühl, man könne sein Schicksal beeinflussen, man könne selbst bei einer drohenden Frontalkollision noch ausweichen.

Beobachter: Jetzt hat das Bundesamt für Strassen den Massnahmenkatalog zur «Vision Zero» überarbeitet. Tempobeschränkungen auf Autobahnen und ausserorts sind vom Tisch. Dabei zeigen Statistiken, dass gerade ausserorts viele Autounfälle geschehen. Was halten Sie von dieser Trendumkehr?
Leuenberger: «Vision Zero» war ein Auftrag an Experten, einmal abzuklären, was zu tun wäre, um die Traumvision null Verkehrstote zu erreichen. Dabei war immer klar, dass man nicht alles umsetzen kann. Denn absolute Sicherheit erreicht man nur mit Tempo Zero. Und das ist in einer Gesellschaft, in der Mobilität sehr wichtig ist, weder sinnvoll noch wünschbar. Wir stehen mitten in einem Prozess, noch ist keine Massnahme definitiv. Über Tempo 70 ausserorts beispielsweise werde ich sicher noch mit meinen Fachleuten diskutieren.

Beobachter: Die Grossdemonstration der Töfffahrer im letzten Frühling scheint die Beamten stark beeindruckt zu haben. Auch die ursprünglich vorgeschlagene Tempobeschränkung für Motorräder ist nun kein Thema mehr. Werden die lautesten Motoren am ehesten gehört?
Leuenberger: Ich war schon vor der Demonstration dagegen. Dass Töffs auf der Autobahn 80 fahren sollen, also weniger als die Autos, finde ich gefährlich. Der massive Widerstand gegen diese Expertenidee zeigt den Freiheitsmythos, den viele Leute mit der Geschwindigkeit verbinden. Sie nehmen das Risiko sogar bewusst in Kauf, sie lieben den Nervenkitzel.

Beobachter: Welche Sicherheitsmassnahmen sind für Sie am wichtigsten?
Leuenberger: Die effizienteste Massnahme ist die Ausbildung der Fahrerinnen und Fahrer. Die Strassen und die Autos sind in den letzten Jahrzehnten sicherer geworden. Leitplanken zum Beispiel haben schon Hunderten von Leuten das Leben gerettet. Nur der Mensch hat sich nicht wesentlich verbessert. Am riskantesten fahren die jungen Lenker. Darum führen wir im nächsten Jahr den Führerschein auf Probe und mehr praktische Ausbildung ein.

Beobachter: Zu schnelles Fahren, Telefonieren am Steuer oder Drängeln auf der Autobahn gelten als Kavaliersdelikte. Warum werden sie nicht schärfer geahndet?
Leuenberger: Diese Delikte werden wohl von der Polizei verfolgt, in der Gesellschaft aber moralisch noch nicht geächtet, und das ist das Problem. Wir müssen die Leute zum Umdenken bringen. Das ist teilweise gelungen. So ist Fahren in angetrunkenem Zustand heute kein Kavaliersdelikt mehr. Im Strassenverkehr nützt nur konsequente Repression.

Beobachter: Und die muss ausgebaut werden?
Leuenberger: Ja, ganz klar. Die Schweizer Gesetze sind gut, sie werden einfach zu wenig eingehalten. Es braucht mehr Kontrollen. Deshalb wünsche ich mir, dass die Polizei vermehrt auf den Strassen eingesetzt wird.

Beobachter: Das ist wohl eine finanzielle Frage.
Leuenberger: Solche Verkehrskontrollen könnten etwa aus den Mineralölsteuer-Geldern finanziert werden. Ich werde die Idee weiterverfolgen, dass aus diesen Mitteln Sicherheits- und Polizeiaufgaben bezahlt werden.

Beobachter: Wie sieht Ihre persönliche «Vision Zero» für das Jahr 2020 aus?
Leuenberger: Ob Vision oder Utopie: Das Ziel null Verkehrstote ist wohl nie zu erreichen, aber wir haben die moralische Pflicht, uns ihm zu nähern. Die Zahl der Verkehrstoten bis 2010 auf 300 zu halbieren ist ein realistisches Ziel.

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