Eine Zeugin beobachtet vom benachbarten Gelände her, wie sich ein scheinbar leeres Auto in Bewegung setzt und rückwärts über den Parkplatz rollt. Nach 25 Metern und einer kleinen Wiese findet das Fährtchen ein abruptes Ende im Kotflügel eines anderen Wagens. Die Zeugin rennt hin, öffnet die Tür und staunt: Vor dem Fahrersitz steht – über Kopf das Steuer haltend – ein dreijähriger Knirps.

Während sich seine Mutter in einem nahen Keller um die Wäsche kümmerte, ist der Kleine in ein fremdes Auto geklettert und hat den Motor in Gang gesetzt.

Wachtmeister Konrad Herzog von der örtlichen Polizei attestiert dem Junglenker «ein gewisses Talent»; zumal das Auto kein Automatikgetriebe hatte: «Die Körperlänge eines Dreijährigen reicht eigentlich nicht aus, um gleichzeitig zu kuppeln und zu schalten», sagt Herzog. Vermutlich sei der Rückwärtsgang bereits eingelegt gewesen.

Dass sich Jüngstlenker nach dem Frühschoppen hinters Steuer klemmen, kommt immer wieder vor. Eine kurze Internet­recherche zeigt gewohnte Muster, wenn es um jugendliche Delinquenten geht: Der Trend kommt aus den USA, und die meist männlichen Täter werden immer jünger.

Ein Vierjähriger fährt zur Videothek

2005 fiel einem Streifenpolizisten in Sand Lake, Michigan, frühmorgens ein langsam fahrendes, unbeleuchtetes Auto auf. Am Steuer: ein Vierjähriger. Er hatte sich die Auto­schlüssel seiner Mutter besorgt, um zu einer Videothek zu fahren. Da diese geschlossen hatte, fuhr er wieder nach Hause.

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Im gleichen Jahr überfuhr in Norwegen ein Dreijähriger seine Schwester – mit dem Auto der Eltern. Das Mädchen kam mit Kno­chenbrüchen davon. Und im bayerischen Riedenburg wurde eine Mutter von ihrem ebenfalls dreijährigen Sohn angefahren.

Im Dezember 2006 schnappt sich in Schleswig-Holstein ein Dreikäsehoch das Familienauto und demoliert damit einen Fahrradständer. Und nun Flawil.

In der Schweiz sind solche Fälle bisher selten. Die Dunkelziffer dürfte aber viel höher liegen: «Die meisten dieser Fahrten enden mit einem Blechschaden am eigenen Auto», sagt Georges Burger, Leiter des St. Galler Strassenverkehrsamts. Dann werde die Polizei gar nicht eingeschaltet.

Die Behörden stehen dem Phänomen hilflos gegenüber: «Eine der im Rahmen von Via sicura vorgesehenen Massnahmen ist es, bereits vor Erhalt des Führerscheins die charakterliche Eignung zu prüfen», sagt Burger. «Allerdings nicht so viel vorher.»

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Die meisten ertappten Strolchenfahrer sind älter und landen vor dem Einzelrichter, der ihre Fahreignung beurteilt – manchmal wird ihnen die Zulassung zur Fahrprüfung ein zusätzliches Jahr lang verwehrt, nicht selten droht gemeinnützige Arbeit.

Der Flawiler Nachwuchsfahrer hingegen dürfte dank seinem zarten Alter straflos ausgehen: «Wir können ihn ja nicht mit dem Dreirad in einen Nacherziehungskurs schicken», sagt Burger.