Es geschah an einem Montagmorgen. Matthias G. war auf dem Limmatquai in Zürich mit dem Auto unterwegs zur Arbeit. Plötzlich ein Blitz und die Gewissheit: ertappt. Mit überhöhter Geschwindigkeit ist G. in eine Radarfalle gerast. Die Busse kam Tage darauf. An den Betrag mag sich der Product-Manager nicht mehr erinnern. «Aber über hundert Franken sind es sicher gewesen», sagt er.

Matthias G. ist nicht der Einzige, der die Schnelllebigkeit der heutigen Gesellschaft mit dem Gaspedal auslebt. In den meisten Kantonen ist die zunehmende Tendenz zum Rasen deutlich spürbar. Allein im Kanton Zürich haben im letzten Jahr Bussen wegen überhöhter Geschwindigkeit um 15 Prozent auf rund 219000 zugenommen. «Obwohl die Anzahl der Geschwindigkeitskontrollen gleich geblieben ist», sagt Cornelia Schuoler, Pressesprecherin der Kantonspolizei Zürich. Die Gründe der vermehrt festgestellten Exzesse ortet Schuoler in der wachsenden Rolle der Mobilität und im zunehmenden Zeitdruck. «Auch die Aggressivität der Verkehrsteilnehmer hat zugenommen.»

Mehr Ausweise beschlagnahmt
Ähnliches stellt das Bundesamt für Statistik fest: Im Jahr 2000 wurden 47,5 Prozent der 54'000 entzogenen Führerausweise in der Schweiz wegen zu schnellen Fahrens beschlagnahmt – rund 4000 mehr als im Vorjahr.

«Es wird im Allgemeinen schneller gefahren als früher», bestätigt auch Klaus Mannhart, Pressesprecher der Kantonspolizei Basel-Stadt. Über 17 Prozent mehr Geschwindigkeitsübertretungen in Tempo-30-Zonen hält die Basler Statistik fest. «Von nun an werden wir die Kontrollen intensivieren», sagt er, «die Sicherheit der Passanten hat oberste Priorität.»

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Als wichtigste Ursachen für die Lust am Tempo und das Übertreten von Geschwindigkeitslimiten sieht die FSP-Verkehrspsychologin Jacqueline Bächli-Biétry zwei Entwicklungen: zunehmend bessere Strassen und stärker motorisierte Autos. «Der Verkehr hat sich in eine Richtung entwickelt, in der das Gefühl entsteht, dass Mobilität uneingeschränkt möglich sei», meint die Präsidentin der Schweizerischen Vereinigung für Verkehrspsychologie. «Es wird eine zweite Gotthardröhre gefordert, um das Fahren noch angenehmer zu gestalten. Wäre diese dann verstopft, würden neue Bedürfnisse laut.» Auf der anderen Seite gebe es immer mehr Tempolimiten. Das führe zu einer gewissen Regelmüdigkeit, die dann beim Fahren ausgelebt werde. «Das Einzige, was helfen könnte, diesen Tempodrang zu bändigen, sind vermehrte Geschwindigkeitskontrollen», ist die Verkehrspsychologin Bächli-Biétry überzeugt.

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Autofahrer wissen sich allerdings anders zu helfen. «Ich weiss mittlerweile, wo die Radarkästen stehen. In solchen Gebieten fahre ich dann gemässigt», sagt Michael B. aus Zürich. «Sobald ich mich unbeobachtet fühle, drücke ich wieder aufs Gas.» Und sollte das einmal schief gehen, gibt es immer noch genügend Ausreden, deren sich dreiste Fahrer bedienen, ohne mit der Wimper zu zucken. So eröffnete ein Autofahrer unlängst den Thurgauer Kantonspolizisten, die ihn mit 170 Kilometern pro Stunde auf der Autobahn erwischt hatten: «Die Fussmatte vor dem Fahrersitz hat das Gaspedal verklemmt.»

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